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Kita
28.11.2015  Susanne Viernickel

Wohin geht die frühpädagogische Forschung?

Seit Einrichtung der ersten frühpädagogischen Studiengänge ist die Zahl der geförderten Forschungsvorhaben stark angestiegen. Eine Bündelung empirischer Forschungsprojekte stellt die mit 7,5 Millionen Euro ausgestattete AWiFF-Förderlinie (1) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung dar. Sie gab in den Jahren 2011 bis 2014 den Rahmen für eine Vielzahl von Projekten zu Qualifizierungswegen, Berufseinstieg und Arbeitsbedingungen im System der Kinderbetreuung.

Im Sammelband "Forschungsperspektiven auf Professionalisierung in der Frühpädagogik" werden die Ergebnisse veröffentlicht. 

Wir übernehmen daraus einen Beitrag zu den Fragen, die sich heute in der Forschung stellen und danken dem Beltz-Verlag und der Autorin für die Überlassung dieser Reflexion. Sie ist Teil des Kapitels "Die AWiFF-Förderrichtlinie in der frühpädagogischen Forschungslandschaft" im genannten Buch. 

(1) AWiFF: "Ausweitung der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte"

Forschung in der Frühpädagogik zwischen Forschungsinteressen, Forschungsförderpolitik und Selbstverpflichtung

Die AWiFF-Förderlinie hat dazu beigetragen, die Marginalisierung frühpädagogischer Fragestellungen im Kontext empirischer Bildungsforschung abzuschwächen. Eine substanzielle finanzielle Aufstockung der Förderetats würde ebenso wie die Verankerung frühpädagogischer Forschung in etablierte und auf Nachhaltigkeit angelegte Förderstrukturen weitere wichtige Weichen stellen. Darüber hinaus sollte sich sowohl die wissenschaftliche Community als auch die öffentliche wie private Forschungsförderung den nachfolgend kurz angerissenen, nicht minder wichtigen Fragen widmen; sie stellen die Forderung nach mehr systematischer Forschung in der Frühpädagogik nicht grundsätzlich in Frage, ergänzen sie jedoch vielleicht um andere, ebenso fruchtbare Perspektiven.

Wissen wir nicht schon genug?

Natürlich sollte in Forschung investiert werden, vor allem in denjenigen Settings und Dimensionen, die für das System und seine Qualität wichtig sind, deren Funktionslogiken, Prozesse und Erträge jedoch noch nicht gut verstanden werden. Aber mindestens ebenso notwendig ist es, bereits vorhandene Erkenntnisse in das System der Kindertageseinrichtungen einzuspeisen und für dessen Weiterentwicklung praktisch nutzbar zu machen. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen disseminiert und diskutiert werden, sie müssen aufeinander bezogen und auf ihre Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung und die frühpädagogische Praxis hin befragt werden. Wie gelangen positiv evaluierte Konzepte aus Modellprojekten in die Breite der frühpädagogischen Praxis? Wie kann kompetenzorientierte Lehr- und Prüfungsdidaktik Eingang finden in mehr als drei oder vier Studiengänge, die ohnehin bereits Vorreiter sind und wahrscheinlich auch zukünftig sein werden? Es darf nicht nur in Forschung, sondern es muss verstärkt auch in Transfersicherung und Transferkonzepte sowie deren sorgfältiger Evaluation investiert werden.

Wissen wir überhaupt, was wir alles wissen?

Die deutsche Forschungslandschaft ist zerklüftet, zu oft stehen wissenschaftliche Forschungsprojekte und ihre Förderung unverbunden nebeneinander. Niemand überblickt, was alles wo und wie beforscht wird; das Potenzial von Datensätzen, die in unzähligen Projekten angelegt wurden, von Daten also, die bereits vorhanden sind, ist weitgehend unbekannt und ungenutzt. Um Forschungsfragen klug stellen zu können, um Forschungsgelder effektiv und effizient einzusetzen und um den Ertrag wissenschaftlicher Forschung durch die Verbindung und Integration mehrerer Projekte und Vorhaben zu steigern, ist gezieltes Wissensmanagement notwendig, die Systematisierung und ein niedrigschwelliges Zugänglichmachen der in zurückliegenden Forschungsvorhaben bearbeiteten Fragestellungen, angewendeten Methodik, von bereits gewonnenen Erkenntnissen und noch ausstehenden möglichen Analysen vorhandener Daten. Von zentraler Bedeutung sind dabei die Bestrebungen, große Datensätze als „Scientific Use Files“ für die Re- und Neuanalyse von Daten bereit zu stellen. Auch das seit vielen Jahren bestehende Sozialwissenschaftliche Forschungsinformationssystem SOFIS, das über theoretische und empirische Forschungsarbeiten auch aus der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung informiert, und das Informationssystem GEPRIS, mit dem die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre laufenden und abgeschlossenen Forschungsvorhaben fachsystematisch, regional und nach Förderlinien doku­mentiert, sind wichtige Schritte in diese Richtung. Eine Weiterentwicklung dieser Informationssysteme wäre dahingehend sinnvoll, dass auch kleinere Projekte ihr Datenmaterial für weitere Analysen anbieten können und Rechercheroutinen zu eingeführten Methoden oder standardisierten Untersuchungsinstrumenten entwickelt werden, um Synergien zu schaffen und Replikationsstudien zu ermöglichen.

In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls geboten, die Publikationskultur und -infrastruktur in der frühpädagogischen bzw. der frühkindlichen Bildungsforschung zu verstetigen und weiter zu stärken. Als Kristallisationspunkte wissenschaftlicher Kommunikation und Diskurstätigkeit dienen aktuell neben den Veröffentlichungen der WiFF die wissenschaftliche Fach­zeitschrift Frühe Bildung des Hogrefe Verlags und die jährlich erscheinenden Bände Forschung in der Frühpädagogik des Freiburger FEL Verlags.

Glauben wir manchmal nur, dass wir etwas wissen?

Die Forschungslandschaft ist divers. Großprojekte mit siebenstelligen Fördersummen stehen neben empirischen Qualifikationsarbeiten, die fast oder vollständig ohne Finanzierung auskommen. Ergebnisse bundesweiter repräsentativer Befragungen mit aufwendigen und anspruchsvollen Stichprobendesigns werden manchmal weniger breit rezipiert als quantifizierte Ergebnisse von Studien mit eher kleinen, regionalen Convenience-Stichproben. Qualitativ Forschende müssen sich Fragen zur Reliabilität ihrer Methodik und zur Generalisierungsfähigkeit ihrer Ergebnisse gefallen lassen, quantitativ Forschende Fragen zur Stichprobengüte, dem Erkenntnisgehalt von Selbstauskünften, zum Beispiel bei Befragungen zur Kompetenzentwicklung, und der Interpretierbarkeit von querschnittlich gewonnenen Daten im Hinblick auf kausale Zusammenhangshypothesen. Manches Ergebnis würde einer kritischen Überprüfung nicht standhalten, würde nicht repliziert werden können. Empirisch arbeitende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kennen die Begrenzungen und Fehleranfälligkeiten der Methoden, die sie einsetzen, auch wenn sie nach bestem Wissen und Können innerhalb der Grenzen agieren, die oftmals durch das Finanzierungsvolumen, enge Zeitpläne und drängende Verwertungsinteressen des Drittmittelgebers gesetzt sind. Es sind die Bereitschaft und der Mut, den kritisch-konstruktiven Diskurs über die Qualität von Forschung – der eigenen wie der von Kolleginnen und Kollegen –, über die Reichweite und Belastbarkeit von Forschungsergebnissen und schließlich über das, was Professionalität von Forschenden im Kern ausmacht, immer wieder zu suchen und zu pflegen. Sie sind über formale Prüfverfahren hinaus unverzichtbar, damit frühpädagogische Forschung den hohen Erwartungen, die mit ihr verbunden werden, gerecht werden kann.

Prof. Dr. Susanne Viernickel ist Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Alice Salomon Hochschule in Berlin.



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