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Kindliche Entwicklung
29.11.2015  Karsten Herrmann

Traumatisierte Flüchtlingskinder

Mit den aktuellen Flüchtlingswellen sind auch Kindertagesstätten zunehmend mit traumatisierten Kindern aus Krisengebieten wie Afghanistan, Syrien, Somalia oder Eritrea konfrontiert. Sie haben dort Erfahrungen von Tod, Gewalt, Folter oder Vergewaltigung gemacht und oftmals auch eigene enge Angehörige verloren.

Traumaerfahrungen können vielfältigste und nicht immer sofort richtig zuzuordnende Auswirkungen auf das (soziale) Verhalten von Kindern haben – sie können ängstlich, traurig, unruhig, zappelig, schreckhaft, aggressiv oder auch völlig in sich zurückgezogen erscheinen. Auch körperliche Beschwerden wie Magen- und Darmprobleme, Müdigkeit oder Essstörungen können die Folge von traumatischen Erlebnissen sein. Hier gilt es für pädagogische Fachkräfte in der KiTa besonders aufmerksam zu sein, sensibel zu reagieren sowie ggf. Unterstützung bei der Vermittlung professioneller psychotherapeutischer Hilfe zu leisten.

Gestörtes Kohärenzgefühl

Grundsätzlich ist bei traumatisierten Kindern das von Antonovsky im Rahmen der Salutogenese beschriebene Kohärenzgefühl des Menschen gestört. Das Kohärenzgefühl basiert auf einer inneren und äußeren Sicherheit des Kindes und dem Gefühl

  • dass das eigene Leben einen Sinn hat
  • dass das eigene Leben gestaltbar und kontrollierbar ist
  • dass das eigene Leben zumindest in größeren Teilen zu verstehen ist.

Ein traumatisches Erlebnis bedeutet einen zentralen Eingriff in das (bereits entwickelte oder sich gerade entwickelnde) Gefühl der Kohärenz und ist verbunden mit dem Verlust von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit des eigenen Lebens.

In der Traumapädagogik bzw. –therapie kommt es daher darauf an, beim Kind das Vertrauen in eine grundsätzliche innere und äußere Sicherheit sowie die Bedeutsamkeit, Gestaltbarkeit und Verstehbarkeit des eigenen Lebens wieder herzustellen. Dafür müssen unter anderem Ressourcen und Veränderungspotentiale des Kindes, die durch traumatisierende Erfahrungen gebunden bzw. blockiert sind, wieder aktiviert und nutzbar gemacht werden.

Barrieren für die Hilfe

Die professionelle Hilfe für traumatisierte Flüchtlingskinder stößt in Deutschland allerdings noch auf viele Barrieren im Hinblick auf muttersprachliche, kulturelle, religiöse und insbesondere auch rechtliche Aspekte. Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht so im Vergleich zum SGB XII zum Teil nur eingeschränkte Gesundheitsleistungen bei laufendem Asylverfahren, bei nur geduldeten Flüchtlingen oder bei aus bestimmten Gründen anerkannten Flüchtlingen vor. Hier droht unter Umständen ein langwieriges Verfahren, um eine Psychotherapie (ggf. nebst Dolmetscherkosten) vom Sozialamt bewilligt zu bekommen.

Unterstützungsangebote

Neben Erziehungsberatungsstellen und Psychotherapeutischen Vereinigungen vor Ort bietet in Niedersachsen auch der Verein „Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge" eine zentrale telefonische Beratung und Unterstützung, um Flüchtlingen eine geeignete psychotherapeutische und/oder psychiatrische Behandlung zu vermitteln. Ggf. kümmert das Netzwerk sich auch um eine diagnostische Abklärung und bietet überbrückend Kriseninterventionsgespräche an. Viele grundsätzliche Informationen zum Thema "Flüchtlinge" und "Asyl" sind desweiteren auch auf der Homepage des Flüchtlingsrates Niedersachsen zu finden.

Quelle: nifbe



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