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Kindliche Entwicklung
29.11.2015  Madeleine Martin im Interview mit Hilde von Balluseck

Kinder lieben Tiere. Kinder essen Tiere

Wie Kinder mit Tieren umgehen, ist immer wieder auch ein Thema in der Kita. Morgens klagt Marta über den kranken Hamster, am nächsten Tag ist Jans Katze ein Thema, die den Vögeln hinterher gestiegen ist. Frühpädagogische Fachkräfte bringen Kinder nicht nur das Leben mit Tieren nahe, sie müssen sich auch dem Konflikt stellen, dass Tiere getötet und gegessen werden. Zu diesen Themen haben wir ein Interview mit der Tierschutzbeauftragten von Hessen geführt. Sie bietet innerhalb von Hessen sowohl zu Heimtieren wie auch zu den Tieren in der Landwirtschaft ein Kitaprojekt an.

Frühe Bildung Online: Welche Bundesländer verfügen über eine/n Tierschutzbeauftragte/n? Wie kam es dazu, dass Hessen dieser Aufgabe ein eigenes Ressort zugeordnet hat?

Madeleine Martin: Baden-Württemberg, Berlin, das Saarland und Hessen haben sich für ein solches Amt entschieden. Allen voran richtete Hessen es schon 1990 ein. Die politisch verantwortlichen Menschen in Hessen wie der damalige Ministerpräsident hatten den Eindruck, dass die zuständigen Behörden (Veterinärämter) den Tierschutz nicht alle angemessen in ihrer Arbeit berücksichtigen. Deshalb wurde eine unabhängige Stelle geschaffen, die frei von Weisungen ist und eigene Pressearbeit machen darf.

Frühe Bildung Online: Wie sehen Sie Ihre Aufgabe im Hinblick auf Kinder in der Kita?

Madeleine Martin: Meine Aufgaben und die Aufgaben meines Teams bestehen darin, das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Tieren und für ihr Verhalten in den Kindern zu wecken. Dieses Bewusstsein ist sehr uneinheitlich verbreitet. Leider können wir aber diese Arbeit nicht so stringent machen, wie es nötig wäre, dazu fehlt Geld und Zeit.

Schon 1994 haben wir das bundesweit erste Tierschutz-Lehrmittel für Schulen erarbeitet.

Danach begannen wir mit Fibeln zu Heimtieren, Hunden, Pferden und letztlich Schweinen. Auch erschien 2014 eine Basisfibel. Die entstand aus dem inzwischen durch Kindergartenbesuche gewonnenen Wissen, wie heterogen die Kenntnisse zu Tieren im Kindergarten sind: Ich erlebte Kinder, die unglaublich viel verinnerlicht hatten, aber weit mehr, denen jeglicher Zugang zu Tieren fehlte.

2013 haben wir ein Projekt für Kindergärten entwickelt. Dabei werden den Kindern wichtige Fakten zum tiergerechten Umgang mit Heimtieren vor Ort durch ein interaktives Konzept nahegebracht. So lernen die Kinder spielerisch, welche Bedürfnisse Heimtiere haben. Zudem gibt es für die Vor- und Nachbereitung unseres Besuches verschiedenste Materialen für Erzieherinnen und Erzieher, z.B. eine altersgerechte Geschichte zur Heimtierhaltung, weitergehende Informationen und Basteltipps.

Das Projekt richtet sich aber nicht nur an Kinder und Erzieher, sondern auch an die Eltern. Das Gespräch über Tierschutz und Heimtiere zuhause im familiären Umfeld ist ein wichtiger, Bestandteil des Projektes. Um möglichst viele Eltern zu erreichen, wurden ein Flyer und die Inhalte der Heimtierfibel auch in die Sprachen Russisch, Polnisch, Serbisch, Arabisch und Türkisch übersetzt.

Frühe Bildung Online: ErzieherInnen in der Kita begegnen sehr unterschiedlichen Einstellungen zu Tieren, die die Kinder aus der Familie mitbringen. Nehmen wir als Erstes die allgemeine Liebe zu Tieren. In manchen Kulturen werden Tiere sehr schlecht behandelt, wie man an den Tötungsfabriken für Hunde in manchen Ländern sehen kann. Wie kann die Erzieherin / der Erzieher damit umgehen, dass manche Kinder Haustiere für grundsätzlich überflüssig halten?

Madeleine Martin: Genau für diese Fälle veröffentlichten wir 2014 unsere Basisfibel. Ihre Texte werden voraussichtlich 2015 in verschiedene Sprachen übersetzt. sodass an weit über das Kind auch die Eltern aus anderen Kulturkreisen erreicht. Wir dürfen hier aber wirklich nicht mit dem Finger auf andere Kulturen zeigen und überheblich sein, ob man letztlich Hunde oder die noch intelligenteren Schweine unter tierschutzwidrigen Bedingungen hält, um sie zu essen, bleibt für das Individuum gleich schrecklich.

Frühe Bildung Online: Die einzelnen Tierarten werden sehr unterschiedlich bewertet. Ein Hund z. B. wird gerne als Haustier gesehen, bei einem Schwein hingegen hat man eher negative Assoziationen (schmutzig, dumm). Was sollten Kinder über die unterschiedlichen Tiere lernen und wie kann eine ErzieherIn ihnen dieses Wissen vermitteln?

Madeleine Martin: Diese Unterschiedlichkeit in unseren Köpfen kann aufgehoben werden, wenn man die Tiere an sich (ohne den Nutzwert oder die Art der Verwendung ) vergleicht. Tiere haben Bedürfnisse, die aus ihren angeborenen Verhaltensweisen erwachsen. Denen müssen wir Rechnung tragen. Genau dazu dient unsere Schweinefibel.

Frühe Bildung Online: Haustiere sind auch eine Frage des Geldes und der Wohnsituation. Wie können Fachkräfte damit umgehen, dass manche Kinder Sehnsucht nach einem eigenen Tier haben, dies der Familie aber nicht möglich ist?

Madeleine Martin: Wer sich wirklich für Tiere engagieren will, kann (mit älteren Geschwistern oder Eltern, später auch alleine) z. B. im Tierheim helfen oder in den Tierschutzkindergruppen der Tierschutzorganisationen. Auch kann man sich in der Umgebung Tierhalter suchen, die man in der Pflege oder beim Gassi gehen unterstützen darf. Gerade mit Senioren bieten sich da schöne generationsübergreifende Möglichkeiten.

Frühe Bildung Online: Auf der anderen Seite wird in den meisten Haushalten und in den meisten Kitas Fleisch gegessen. Wie kann man Kindern diesen Widerspruch zwischen Liebe zum Tier und seiner Tötung vermitteln?

Madeleine Martin: Das ist im Kindergarten-/Vorschulalter m.E. sehr individuell. Manche Kinder hatten ja im familiären Umfeld schon Kontakt mit dem Tod allgemein, manche noch nie. In vielen Familien wird der Tod, in jeder Form, völlig verschwiegen.

Man kann Kindern aber durchaus verständlich machen, dass man ein Schnitzel, ein Würstchen oder einen Hamburger nur essen kann , weil ein Schwein oder Rind dafür sterben musste-auch wenn das Leben davor schön und artgerecht war. Auch in diesem Fall laden wir Schuld auf uns. Tiere habe nach meiner Meinung auch ein Recht auf Leben.

Vielleicht helfen hierzu die Gedanken von Albert Schweitzer zur „Ehrfurcht vor dem Leben“, die er mit den Worten zusammenfasst „ Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Deshalb gibt es Menschen, die Tiere nicht essen (Vegetarier) oder auch nicht einmal Produkte von Tieren essen (Veganer).

Frühe Bildung Online: Welche Einstellungen zu Tieren sollten alle Kinder - gleichgültig ob mit oder ohne Haustier, ob Fleischesser oder Vegetarier - mitnehmen können?

Madeleine Martin: Respekt vor dem Anderssein der Tiere, Freude an Beobachtung/Pflege und Beschäftigung mit Tieren, das Bewusstsein, dass Tiere dort, wo sie uns gleich sind, gleich behandelt, wo sie anders sind, von uns unterschiedlich behandelt werden müssen.

Dr. Madeleine Martin, 2 Kinder, arbeitete nach dem Studium der Veterinärmedizin als Tierärztin in Kliniken und Praxen in Deutschland und in den USA. Seit 1992 ist sie Landestierschutzbeauftragte in Hessen, davon ein Jahr in Brüssel zur Bearbeitung von Europäischen Tierschutzthemen. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen zu Tierschutzthemen verfasst und ist häufig als Gutachterin in Tierschutzfällen vor Gericht tätig.

Kontakt: Madeleine.Martin@umwelt.hessen.de



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