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Erziehungspartnerschaft
03.12.2015  Parvaneh Djafarzadeh

Erziehungspartnerschaft mit muslimischen Eltern

Bei der Einführung eines sexualpädagogischen Konzepts in der Kita müssen die Eltern einbezogen werden. Viele Eltern sind dem Thema gegenüber sehr reserviert, weil sie davon ausgehen, dass kindliche Sexualität nicht existiert. Gleichzeitig wollen sie aber um jeden Preis ihre Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen.
Wenn in einer Kita viele Kinder  mit der muslimischen Religion aufwachsen, sind die Fachkräfte – wenn sie nicht selbst Muslime sind – gefordert, unterschiedliche Glaubenswelten miteinander in Einklang zu bringen. Oberstes Ziel dabei ist, und das kann den Eltern vermittelt werden, der Schutz des Kindes und seine Bildungs- und Entwicklungschancen.

Es ist zunächst einmal wichtig, dass muslimische Eltern über die sexuelle Entwicklung von Kindern informiert werden. Im Rahmen eines Elternabends sollten Informationen vermittelt werden, die den Eltern die Möglichkeit geben, anzuerkennen, dass Kinder, wenn auch in anderer Form als Erwachsene , sexuelle Bedürfnisse haben, dass sie Formen sexueller Aktivität entwickeln, und dass die Lust, die sie dabei empfinden, natürlich ist und nichts mit Erotik zu tun hat.. Wenn muslimische Eltern über das Thema mehr erfahren, interessieren sie sich dafür genauso wie alle anderen Eltern. Da auch unter Erwachsenen das Thema schambesetzt ist, ist ein getrennt geschlechtlicher Elternabend sinnvoll, bei dem eine weibliche Fachkraft den Müttern und eine männliche Fachkraft für Väter erläutert, welche Bedeutung Sexualität in der kindlichen Entwicklung hat.

Bei einem zweiten Elternabend  sollten beide Eltern eingeladen werden, um über den Schutz des Kindes zu sprechen. Dabei können Fachkräfte betonen, dass Eltern die wichtigsten Bezugspersonen von Kindern sind und für alle Belange ihrer Kinder da sein sollten. Wenn sie aber ihren Kindern Gespräche über Sexualität verweigern, lassen sie diese unter Umständen in Situationen im Stich, in denen die Kinder Unterstützung brauchen. Muslimische Eltern  haben oft Angst, dass ihre Kinder mit Informationen konfrontiert werden, die sie überfordern. Fachkräfte können hier argumentieren, dass Kinder umso selbstsicherer sind, je mehr sie um den eigenen Körper und seine Funktionen wissen. Informierte und selbstbewusste Kinder werden seltener Opfer sexueller Gewalt.

Eine Tabuisierung des Themas Sexualität und Intimität seitens der Eltern, so kann man weiter argumentieren, führt oft dazu, dass ein Kind sich seinen Eltern nicht anvertraut, wenn es sexuelle Übergriffe oder gar sexuellen Missbrauch  erlitten hat. 

Ein Gespräch mit muslimischen Eltern über diese Themen bedarf eines geschützten Rahmens. Dies bedeutet für viele von ihnen geschlechtergetrennte Räume und ein möglichst homogenes Publikum, also Angehörige der eigenen Religion. Dies ist in einer Kita nicht immer zu leisten. Möglich sind aber separate Informationsabende, wobei eine muslimische Mitarbeiterin sehr hilfreich wäre. Auch Musliminnnen anderer Organisationen könnten einbezogen werden. 

Darüber hinaus sollten Eltern Bilderbücher und sexualpädagogische Materialien vorgestellt werden, die die Fachkräfte nutzen und/oder Eltern übergeben werden können. Die meisten vorhandenen Materialien beinhalten zu offenherzige Bilder und schrecken die Eltern eher ab. Deshalb bedarf es möglichst vieler verschiedener Bücher mit vielfältigen Inhalten, die auch optisch unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.

Mehr zu diesem Thema in:
Djafarzadeh, Parvaneh (2010): Geschützter Rahmen, offene Haltung. In: AMYNA e.V. (Hrsg.): Prävention geht alle an! München, S. 77–84
Djafarzadeh, Parvaneh (2012): „Mut zur Vielfalt, Mut zur Prävention – Arbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund“ in IzKK-Nachrichten 2012.Heft 1 (DJI). Abgedruckt in http://www.erzieherin.de/mut-zur-vielfalt-mut-zur-praevention.php?searched=djafarzadeh&advsearch=oneword&highlight=ajaxSearch_highlight+ajaxSearch_highlight1

Literatur, die auch Eltern empfohlen werden kann:
Strohhalm e.V. (Hrsg.2006): „Kindliche Sexualität zwischen altersangemessenen Aktivitäten und Übergriffen". Hinweise für den fachlich-pädagogischen Umgang. Bernau
Strohhalm e.V. (Hrsg. 2004): "Wie können Mädchen und Jungen vor sexuellem Missbrauch geschützt werden?" Berlin
Erhältlich türkisch-deutsch und arabisch-deutsch 
Zur Sexualerziehung: Schmidt, Elke; Djafarzadeh, Parvaneh; Rudolf-Jilg, Christine (2011): „Pelin und Paul - Ein Buch über Mädchen und Jungen, den Körper und mehr“ Herausgegeben von AMYNA e.V., München.
Zur präventiven Erziehung: Djafarzadeh/Breen in: AMYNA e.V. (Hrsg., 2007):„Abulimaus ist höflich -  Ein Kinderbuch auch für Eltern“. München . Zu beziehen über AMYNA e.V. 

Zum Thema Prävention: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationsliste,did=5810.htm

Die Autorin:
Parvaneh Djafarzadeh,
Dipl. Pädagogin, Interkulturelle Trainerin und Beraterin bei AMYNA - Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch. Kontakt. info@amyna.de
 
 

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