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Inklusion/Diversity
04.12.2015  Hilde von Balluseck

Gefährdete Jungs

Ohne Aufmerksamkeit, die sich in Pflege, Zuwendung und Zärtlichkeit ausdrückt, kann ein Säugling nicht zu einem gesunden Kind, das Kind nicht zu einem glücklichen Erwachsenen werden. Das wissen wir alle. Dass dies oft nicht gelingt, weil die Eltern selbst unglücklich, in der Krise und/oder arm sind, wissen wir auch, und es ist schlimm genug. Die Frühpädagogik kann in solchen Fällen das Unglück mildern, abschaffen kann sie es nicht.

Jungen haben dabei eine spezifische Problematik. Denn das Konzept und die Definition von Männlichkeit in unserer, der westlichen Gesellschaft, und hier insbesondere bei den gebildeten Schichten, haben sich von traditionellen Vorstellungen abgelöst. Emanzipative Ideen haben in allen Bildungs- und politischen Bereichen Vorrang vor jenen, die die männliche Dominanz betonen. Einen Sinn kann ein Junge, ein Jugendlicher in dieser Welt - Kita, Schule, Hochschule - finden, wenn er sich ohne seelische Verrenkungen diesem Main Stream anpasst. Dann gibt es die Chance auf Erfolg, dann kann in der Anerkennung durch die Umwelt ein Sinn gefunden werden.

Aber was ist mit jenen Jungen, besonders aus ärmeren Schichten - mit oder ohne Migrationshintergrund - die sich in dieser Bildungswelt fremd fühlen, in der Frauen schon als Personal das Sagen haben und überdies Regeln durchsetzen, die auf egalitäre Verhältnisse zwischen den Geschlechtern zielen? Was fühlen Jungen, die von zu Hause aus vermittelt bekommen, dass diese Gleichheit der Geschlechter ein falsches Konstrukt ist und die ihre Position in den verschiedenen Bildungswelten nicht ansprechen, geschweige denn durchsetzen können? Wie können sie damit umgehen, dass ihre Sehnsucht, ein tapferer Held zu sein, in Kita und Schule nicht erfüllt werden kann? Dass immer andere Lob und Belohnungen erhalten?

Es gibt viele Formen, wie junge Menschen auf fehlende Anerkennung, auf mangelnden Sinn reagieren können. Eine davon beobachten wir zur Zeit mit großem Schrecken: Die Abkehr junger Männer von unserer immer wieder beschworenen Wertegemeinschaft.

Aber was sind das für Werte, die wir leben? Wir preisen uns als Demokratie, aber letztlich bestimmt weniger das Volk als das Kapital unser Leben und Denken. Dieser Widerspruch drückt sich in unendlich vielen Details des täglichen Lebens aus: zum Beispiel in der Massentierhaltung, in der Ausbeutung von Arbeitskräften in der sogenannten Dritten Welt für unsere Bedürfnisse, die Fortführung unseres Lebensstils im Bewusstsein, dass wir andere schädigen.

Die Hinwendung zu radikalen Ideen wie dem Nationalsozialismus und dem Islamismus verspricht einen anderen Sinn und verschafft demjenigen, der sich ihnen verschreibt, Anerkennung. Diese Ideologien sind gleich in ihrer Verabsolutierung des eigenen Glaubenssystems, in der Verachtung aller Andersdenkenden und der Entschlossenheit für eine bis zum Mord gehende Durchsetzung der eigenen Ideen, die auch als Wert verstanden werden.

In vielen Ländern sind es korrupte Herrscher, Armut und die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten für junge Menschen, die diese in die Arme von Radikalen treiben. Religion unterfüttert diese Radikalisierung, unter deren schrecklichen Folgen auf dem afrikanischen Kontinent und in Vorderasien vor allem Muslime zu leiden haben.

Bei uns erleben Jungs sich als nicht anerkannt, wenn sie in den Bildungsinstitutionen keine Erfolge haben, wenn sich ihr Berufsweg als zu holprig erweist, als dass sie in der mangelnden Bestätigung noch einen Sinn erkennen könnten.

Dieser Weg beginnt in der Kita. Hier begegnen Kinder Fachkräften, die bestimmte Vorstellungen von Mädchen und Jungen haben. ErzieherInnen sind damit konfrontiert, dass manche Jungen - in manchen Gruppen auch der überwiegende Anteil - Vorstellungen des Geschlechterverhältnisses mitbringen, die sie in der Kita nicht durchsetzen können und dürfen. Damit vermindern sich die Chancen für Jungen, in der Kita für sich und ihre Eltern Anerkennung zu erhalten. Sie stehen in der Kritik, im Gegensatz zu den Jungs, die von zu Hause aus die gleichen Werte mitbringen wie der Mainstream und wie die Fachkräfte sie verkörpern.

Diese stehen vor einer fast unlösbaren Aufgabe. Sie sollen die Inklusion aller Kinder fördern und allen gleiche Chancen geben. Sie sollen die Eltern unterstützen, präventiv Armutskarrieren der Kinder entgegenarbeiten. Wie wichtig und wie schwer es ist, armen Kindern das Gefühl von Zugehörigkeit zu vermitteln, hat Petra Wagner in einem Vortrag auf dem WiFF-Bundeskongress am 27.11. dargestellt. Aber was ist, wenn arme Kinder den Werten der Kita in zentralen Bereichen zuwider denken, sprechen, handeln? Was sollen die Fachkräfte tun? Wie kann es gelingen, diesen Jungs das Gefühl von Anerkennung, Zugehörigkeit und Sinn zu vermitteln?

Denn die Fachkräfte, gerade wenn sie weiblich sind - und das sind sie in ihrer Mehrheit - fühlen sich ja in vielen Fällen auch in ihrer Weiblichkeit potentiell diskriminiert, sollen aber mit den Eltern, die diese anderen Werte leben, zum Wohle des Kindes kooperieren. Dazu müssen sie ihre eigenen Bedürfnisse nach Anerkennung zurückstellen, geduldig verhandeln, ohne zu verachten, ohne zu diskriminieren.   Das ist eine Höchstleistung - wenn sie denn gelingt.

Wir können aber den Weg von manchen Jungen in eine Radikalisierung nur aufhalten, wenn wir ihnen Anerkennung und das Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln. Den Fachkräften wird dabei unendlich viel an Selbstreflexion abverlangt und die Verantwortung ist groß. Aber sie sind es, die die politischen Sprechblasen - Integration, Inklusion, Chancengleichheit - umsetzen, und es gebührt ihnen, wenn sie sich mit diesen Themen auseinandersetzen, größte Hochachtung, die sich in besseren Rahmenbedingungen und einer besseren Bezahlung ausdrücken muss.

 

 



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