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Sprachliche Bildg./Mehrsprachigkeit
05.12.2015  Hilde von Balluseck

Wie lernen Migrantenkinder am leichtesten Deutsch?

Die Familiensprache


Im Dezember letzten Jahres rauschte es im Blätter und Netz-Wald: Die CSU hatte für ihren Parteitag einen Leitantragsentwurf formuliert, nach dem Migrantenfamilien auch zu Hause deutsch sprechen sollten. Das war politisch natürlich sehr ungeschickt, denn die Freiheit der Sprachwahl schien dadurch eingeschränkt. Dies war die Formulierung, die Empörung hervorrief: "Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen." Die CSU schwächte angesichts des Sturmes der Entrüstung die Empfehlung ab und formulierte kurz darauf: : "Wer dauerhaft hier leben will, soll motiviert werden, im täglichen Leben Deutsch zu sprechen.".. 

Es gibt eine ausgedehnte wissenschaftliche Literatur, in der bewiesen wird, dass das Erlernen der Herkunftssprache die beste Voraussetzung für das Erlernen der Zweitsprache ist, in unserem Falle Deutsch.. Es liegen jedoch neue Forschungsergebnisse vor, nach denen Kinder mit Migrationshintergrund dann besser in Kita und Schule klarkommen, wenn die Eltern mit ihnen deutsch sprechen bzw. darauf achten, dass sie mit deutschsprachigen Medien in Berührung kommen. Die Frage, ob in der Familie deutsch gesprochen wird, wurde in drei Studien einbezogen, die die Zeitschrift Frühe Bildung in ihrer neuen Ausgabe veröffentlichte. In der ersten Studie geht es um "das Grammatikverständnis von Kindern unterschiedlicher sprachlicher und sozioökonomischer Herkunft", in der zweiten um "rezeptive Wortschatz- und Grammatikkompetenzen von Fünfjährigen mit und ohne Migrationshintergrund", in der dritten um "Deutschkenntnisse von Kindern statusniedriger und statushoher Einwanderergruppen". In allen drei Studien stellte sich heraus, dass die sprachlichen Kompetenzen von Kindern mit Migrationshintergrund besser waren, wenn die Familien zu Hause deutsch sprachen.

Die Dauer des Kitabesuchs

Man darf der CSU die Genugtuung gönnen, die ein solches Ergebnis erzeugt. Aber es gibt auch einen Tiefschlag gegen diese Partei, und zwar gegen ihr Konzept vom Betreuungsgeld. Denn die zweit- und die drittgenannte Studie haben außerdem ergeben, dass die Sprachkenntnisse von Kindern aus Migrantenfamiien mit der Dauer des Besuchs einer Kita anstiegen. Das zeigt eindeutig, was wir auch aus anderen Ländern wissen: dass die ohnehin vorhandene Scheu vor außerfamilialen Betreuungseinrichtungen bei manchen MigrantInnen nicht durch das Betreuungsgeld verstärkt werden sollte, da dies zu größeren Sprachdefiziten führt.

Der sozioökonomische Status

Der Schichtaspekt - denn es sind vorwiegend die armen MigrantInnen, die ihre Kinder lieber zu Hause betreuen - wird in den drei Studien berücksichtigt. Es zeigte sich, dass Eltern mit einem hohen sozioökonomischen Status nicht unbedingt zu Hause deutsch sprechen müssen, um ihren Kindern einen optimalen Zugang zur deutschen Sprache zu ermöglichen. Vielmehr erhalten Kinder dieser Eltern Zugang zu anderen Kontexten, in denen deutsch gesprochen wird - Bekannte, Freunde, Nachbarn, Musikgruppe o.ä. -und entwickeln von daher ein gutes Sprachgefühl für die Zweitsprache. Für Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus hingegen stellt die Kita möglicherweise die erste und wichtigste Möglichkeit dar, mit deutsch sprechenden Menschen - Kindern und Fachkräften - in Kontakt zu kommen. Auch von daher ist das Betreuungsgeld für diese Familien kontraproduktiv, wenn man Integration als Ziel setzt.

Alltagsintegrierte Förderung contra Förderprogramme?

Was die Fachkräfte in Kitas tun können, um Kinder mit Entwicklungsdefiziten, nicht nur in der deutschen Sprache, zu fördern, wurde auch auf diesem Portal schon ausführlich dargestellt. Heute gibt es neben der alltagsintegrierten Förderung Förderprogarmme, zu denen Franz Petermann im gleichen Heft von Frühe Bildung eine Einschätzung liefert. Dies erscheint besonders interessant, weil das Ausufern von Tests und Diagnosen zur Zeit diskutiert wird. Alltagsintegrierte Förderung ist zwar nah am Kind, in vieler Hinsicht jedoch nicht systematisch genug, während Förderungsprogramme möglicherweise das einzelne Kind nicht ausreichend im Blick haben. Entscheidend für beide Ansätze ist jedoch die Sensibilität und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den einzelnen Kindern.

Fazit

Politische und fachliche Entscheidungen sollten danach beurteilt werden, ob sie auch den sozial und anderweiitig Schwachen in unserer Gesellschaft zugute kommen. Insofern sind die in den zitierten Forschungsprojekten erzielten Ergebnisse Bausteine auf dem Wege einer optimalen Sprachförderung. Umsetzen müssen dies die Fachkräfte, die entsprechende Weiterbildungen brauchen, und Programme, die in der Praxis anwendbar sind und die kindliche Entwicklung unterstützen.



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