Anmelden
Qualitätsmanagement
05.12.2015  Hilde von Balluseck

Qualitätsmanagement mit partizipatorischem Ansatz

Zwar reden viele über Qualitätsmanagement, aber niemand weiß so genau, was sich darunter eigentlich verbirgt: "Kennzeichnend für die bisherige Debatte ist, dass es weder eine gemeinhin anerkannte und konzeptionell geteilte Definition des Qualitätsbegriffs gibt, noch Einigkeit darüber besteht, wie frühpädagogische Qualität hinreichend erfasst und langfristig gefördert bzw. gesichert werden kann." (Wolff-Marting, Kalicki 2015: 7). Wir befassen uns im Folgenden mit drei Elementen der Qualitätssicherung: Beobachtung und Dokumentation, Weiterbildung von Fachkräften, und Care.
Unterschiedliche Ansätze

Die Dokumentation kindlicher Entwicklung gehört heute zum Standardrepertoire von frühpädagogischen Fachkräften. Dafür gibt es verschiedene Methoden (http://www.bildungsserver.de/Arbeitshilfen-zur-Dokumentation-von-Entwicklung-und-Bildung-in-der-Kita-3044.html), Portfolios, Dokumentationen des Werdegangs eines Kindes, Wand-Poster sind nur einige davon. Die neueste Methode ist das von der Bertelsmann Stiftung entwickelte Instrumentarium Kompik.

Die Methoden unterscheiden sich danach, inwieweit versucht wird, ein objektives Bild von der Entwicklung des Kindes zu erhalten und dadurch standardisierte Inhalte abzufragen oder aber, dies ist das andere Extrem, die Entwicklung des Kindes mit den Eltern und im Extremfall auch mit ihm selbst zu dokumentieren und daraus ggf. Veränderungswünsche und -möglichkeiten abzuleiten. Je stärker die Dokumentation standardisiert und - wie bei Kompik - in zahllose Einzelfragen aufgefächert ist, desto eher wird bei der Erzieherin ein diagnostischer Reflex ausgelöst. Dem entsprechen aber weder die Tests bzw. Fragebögen noch die Ausbildung der Erzieherin, auch sind die Rahmenbedingungen für eine sorgfältige Dokumentation ohne Zeitdruck selten gegeben. Gravierend ist auch die Kritik an der Denkweise dieses in standardisierte Einzelschritte aufgefächerten Qualitätsbegriffs, wenn Moss ihm vorwirft, "ein Werkzeug des Managements und der Kontrolle, ein Mittel, um Konformität nach einer vermeintlich objektiven Norm zu sichern - eine Konformität, die oft durch Zahlen ausgedrückt wird, wie zum Beisipiel die Ergebnisse einer Einschätzskala, die uns mitteilen, inwiefern diese Kinderkrippe oder jener Kindergarten dem autorisierten Standard entspricht. ... Dieses Paradigma ist hoch instrumentell, kalkulatorisch und technizistisch; es schätzt Ordnung, Kontrolle, Macht, Objektivität, Gewissheit, Stabilität, Geschlossenheit" (Moss 2015: 33).

Die Unterschiede zwischen den Dokumentationsformen schlagen sich in den Einstellungen  der anwendenden Fachkräfte nieder. Es ist ein Unterschied, ob ich eine standardisierende Dokumentationsmethode anwende, weil ich daran glaube, damit die Eigenart eines Kindes erfassen zu können, also es zu bewerten. Oder ob ich bereit bin, mich auf eine intensive Kommunikation mit Kind und Eltern einzulassen, um zu ergründen, welche zusätzlichen Anregungen und Unterstützung Kind und Eltern brauchen. Auch diese Haltungen sind natürlich von den Rahmenbedingungen abhängig.

Im Folgenden berichte ich über drei Studien, deren Ergebnisse in Early Years veröffentlicht wurden und in denen eine partizipatorische Dokumentationsform begründet.

Dokumentationsstile in Deutschland

Helen Knauf hat unterschiedliche Ansätze in deutschen Kindertageseinrichtungen untersucht. Im Ergebnis wurden in den 40 Einrichtungen vier Dokumentationsstile unterschieden: 

Kindergartenbericht: In diesen Einrichtungen wird Dokumentation eher als zeitraubendes Hindernis  betrachtet, denn als Gewinn. Bei dieser Auffassung sind Kinder Objekte der Beobachtung und nicht aktive Subjekte in der Dokumentationsarbeit.
Klare Regeln: In diesen Kitas wird Standardisierung nach festen Regeln als Bedingung für Dokumentation angesehen. Dokumentation ist demnach ein Mittel zur Unterstützung der eigenen Arbeit, indem sie eine Überprüfung u.a. der altersgerechten Entwicklung der Kinder ermöglicht.
Professionalisierung: Für Fachkräfte in Kitas, in denen dieses Muster dominiert, hat Dokumentation die Funktion, die eigene Arbeit transparenter zu machen und die Qualität zu verbessern.
Dokumentation als Bildungsprozess: In diesen Einrichtungen ist Dokumentation eine integrale Komponente pädagogischer Arbeit. Sie dient dazu, das Denken und die Handlungen der Kinder besser zu verstehen, aber nicht für diagnostische Zwecke. Die Dokumentation wird wenig standardisiert, sondern flexibel an die Situationen angepasst. Kinder werden aktiv mit einbezogen. Alle diese Einrichtungen basieren ihre Arbeit auf der Reggio-Pädagogik.

Ein großer Teil der Kindertageseinrichtungen sieht demnach Dokumentation als Pflicht an, die beiden zuletzt genannten sehen den Gewinn, den Dokumentation bringt. Die Mehrheit der Einrichtungen nutzt jedoch Dokumentation als Bewertungsmittel. 

Partizipation in der Weiterbildung für Evaluationsmethoden

Der partizipatorische Ansatz lässt sich auch im Bereich der Weiterbildung realisieren. In dem von  Sara Barros Araújo  beschriebenen Projekt ging es um eine Weiterbildung für die Bewertung der Arbeit der Fachkräfte, die sie dann an die Peers weitergegeben haben. Die Qualität der Arbeit wurde nicht als abhängig von monolithischen und vorgeschriebenen externen Kriterien gesehen, sondern beinhaltete eine kontextualisierte Konstruktion, die offen war für die subjektiven, vielfältigen Deutungen der teilnehmenden Fachkräfte. Mit dieser Ansicht wird Empowerment möglich, so die Autorin.

Dokumentation mit Eltern und Kindern

Dies trifft im übertragenen Sinne auch auf die Evaluationsmethoden der Fachkräfte für die Kinder zu. Wenn Eltern und Kinder hier in den Kontext der Dokumentation einbezogen werden, profitieren natürlich am meisten diejenigen, die wenig Macht haben: die Armen, die Ausgegrenzten, und heute die Flüchtlingsfamilien.
Zweifelsohne ist die Herausforderung, Beobachtung und Dokumentation als einen solchen gemeinsamen, kontextbezogenen Prozess zu begreifen, für die Fachkräfte eine weitaus größere als eine standardisierte, scheinbare "Erfassung" der kindlichen Entwicklung. Aber sie lohnt sich, wenn nämlich Eltern mit den Fachkräften tatsächlich an einem Strang ziehen und sich nicht (wieder einmal) dominiert fühlen - oder ihren Wünschen nach Autorität nachgeben.

Care und Kompetenzen

Ein Aspekt wird  in der deutschen Qualitätsdiskussion kaum thematisiert: Care. Die Sorge, die Fürsorge, die Pflege der Kinder, d.h. die Fähigkeit der Fachkräfte, auf die schlichtesten und doch elementarsten Bedürfnisse, gerade von kleinen Kindern einzugehen.  Care ist das, was Frauen immer in Familie und Beruf getan haben: Die Pflege von Kindern, Kranken und Alten war und ist ihre ureigenste Domäne. Auch mit Gender Mainstreaming hat sich dies nicht wesentlich geändert. Mag sein, dass Frauen jetzt die Vorstandsetagen erobern, damit ändert sich aber nicht das Geringste an der fehlenden Wertschätzung der einstmals traditionellen weiblichen Tätigkeiten. Eben weil dies eine traditionell weibliche Tätigkeit ist, wird sie nicht so hoch bewertet wie die pädagogischen Tätigkeiten, die direkt auf den Erwerb von Kompetenzen bei Kindern zielen. Dabei ist Care "eine grundlegende Bedingung für das Individuum, um Wissen über das soziale Leben zu erwerben" (Löfdahl/Folke-Fichtelius 2015: 261, Übersetzung HvB).

Zwei schwedische Forscherinnen weisen auf diese vernachlässigte Komponente kindlicher Bildung hin: Annica Löfdahl und Maria Folke-Fichtelius. Sie analysierten die Reaktionen von Fachkräften auf die fehlende Wertschätzung für Care. Wenn die Tätigkeit der Fachkräfte nach dem Kompetenzerwerb von Kindern bewertet wird, fällt Care unter den Tisch. Abern nur im Zusammenhang mit hochwertiger Care-Arbeit entwickeln Kinder ein Gefühl für den eigenen Körper und den eigenen Wert als hilfsbedürftige Person. Das sind keine abfragbaren, direkt beobachtbaren Kompetenzen, sondern Persönlichkeitsanteile, die sie brauchen, um für Bildungsprozesse offen zu sein.

Fazit
Qualitätsmanagement bedeutet nach den Ergebnissen dieser sehr unterschiedlichen Forschungsprojekte sowohl auf der Ebene der Pflege, wie der Bildung der Kinder wie der Weiterbildung des Personals die Einbeziehung der Bedürfnisse und Wahrnehmungen derjenigen, deren Arbeit qualitativ verbessert werden soll. Ein Qualitätsmanagement von oben dürftet weniger erfolgreich sein.

Quellen:
Barros Araújo, Sara (2015): Professional development within the Effective early Learning Programme: a contribution to a participatory and contet-sensitive approach to ECEC evaluation. In: Early Years (35), No.3, S. 249-259
Kalicki, Bernhard (2015): Pädagogische Qualität und Qualitätssteuerung: Konzepte und Strategien. In: Kalicki/Wolff-Marting 2015: 12-22
Kalicki, Bernhard/Wolff-Marting, Catrin (Hrsg., 2015): Qualität in aller Munde. Themen, Positionen, Perspektiven in der kindheitspädagogischen Debatte. Freiburg i.Br.: Herder
Knauf, Helen (2015): Styles of documentation in German early childhood education. In: Early Years (35), Nr. 3, September, S. 232 -248
Löfdahl, Annica/Folke-Fichtelius, Maria (2015): Preschool's new suit: care in terms of learning and knowledge. In Early Years (35), Nr. 3, p. 260-272.
Moss, Peter (2015): Über die Qualität hinaus zu einer ethischen und politischen Frühpädagogik. In: Kalicki/Wolff-Marting: 31-40
Wolff-Marting, Catrin/Kalicki, Bernhard (2015): Qualität in aller Munde - eine Einführung. In: Kalicki/Wolff-Marting: 7-9
 

Teilen auf
Teilen auf Facebook