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Erziehungspartnerschaft
05.12.2015  

Elternchance ist Kinderchance

Um soziale Chancengleichheit für jedes Kind zu erreichen, müssen nicht nur die Kinder möglichst früh gefördert werden. Dringend notwendig ist auch der Ausbau der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern, um die Familie als ersten und elementaren Bildungsort im Lebenslauf zu stärken.

Im Rahmen des Bundesprogramms „Elternchance ist Kinderchance" (2011-2014) wurden über 5.500 Fachkräfte aus Familienbildungsstätten, Kindertageseinrichtungen, Familienzentren und anderen Feldern der Familienbildung zur Elternbegleiterin bzw. zum Elternbegleiter qualifiziert. Zudem wurden an 100 Modellstandorten Kooperationsnetzwerke aufgebaut und gefördert. Die abschließenden Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation durch das Deutsche Jugendinstitut und die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg liegen nun vor.

Der überwiegende Teil der Teilnehmenden stellte der Qualifizierung ein gutes Zeugnis aus. Dass mehr als 86 Prozent der Fachkräfte zufrieden bis vollkommen zufrieden mit der Fortbildung waren, lag vor allem an der hohen Praxisrelevanz des Gelernten. Insbesondere die wertschätzende Haltung gegenüber Eltern, das Wissen über Bildungsverläufe und Bildungsübergänge sowie das vermittelte methodische Repertoire wurden als wertvolles „Rüstzeug" betrachtet. Neue Kenntnisse über Beratungsformen und -techniken führten in der Praxis dazu, dass Gespräche mit Eltern – sei es in Form von organisierten Elternabenden, Einzelgesprächen oder sogenannten Tür-und-Angel-Gesprächen – weniger intuitiv, sondern professioneller geführt werden konnten. Die Follow-up-Befragungen belegten die Nachhaltigkeit des Wissenszuwachses.

Als zentral für eine wirksame Elternbegleitung wurde nicht nur der Zugang zu den Eltern, sondern mehr noch der Aufbau stabiler Erziehungs- oder Bildungspartnerschaften bewertet. Gerade der Kontakt zu Eltern mit anderem kulturellen Hintergrund oder zu sozial schwachen Familien ließ sich für die Fachkräfte jedoch nur schwer dauerhaft halten. Um diese Eltern besser als bisher zu erreichen, wurden vielfältige und kreative Angebote und Zugänge entwickelt. Vor allem offene Angebote wie Eltern- und Mütter-Cafés, Elternfrühstück, Eltern-Kind-Kochkurse, Ausflüge und interkulturelle Feste wurden genutzt, um die Eltern niedrigschwellig zu erreichen. Solche Angebote dienen als erfolgversprechende „Türöffner", mit denen Eltern zur Teilnahme an Bildungsangeboten motiviert werden können.

Insbesondere Fachkräfte aus Familienzentren hatten einen überdurchschnittlich guten Zugang zu Familien aus benachteiligten Gruppen, während Fachkräfte aus Einrichtungen der Familienbildung seltener mit diesen Familien arbeiteten. „Es ist ja bekannt, dass herkömmliche Angebote der Familienbildung vor allem Familien erreichen, die besser gebildet sind. Das Programm soll hier bewusst gegensteuern, indem die Fachkräfte gezielt mit bildungsfernen Familien und Eltern mit Migrationshintergrund zusammenarbeiten und damit wesentliche Grundlagen für einen qualitativen Ausbau der Familienbildung legen", erklärt Prof. Dr. Sabine Walper, stellvertretende Direktorin des Deutschen Jugendinstituts. Voraussetzung hierfür sei der gezielte Auf- und Ausbau von Kooperationen im Sozialraum.

Durch die zusätzliche Förderung „Elternbegleitung Plus" konnten 100 Modellstandorte ihre Angebote erweitern, niedrigschwellige Zugänge zu den Zielgruppen erproben und die Zusammenarbeit mit Akteuren vor Ort ausbauen. Im Einzugsgebiet der meisten teilnehmenden Einrichtungen gab es hohe Anteile von Menschen mit Migrationshintergrund und viele einkommensarme Familien. Diesen Zielgruppen wurde seitens der beteiligten Einrichtungen und deren Kooperationspartner zwar ein erhöhter Bedarf an Förderung und Begleitung zugeschrieben – sei es aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oder aufgrund nur schwach ausgeprägter Erziehungskompetenzen. Gleichzeitig wurde aber auch auf Zugangshürden aufgrund mangelnden Vertrauens seitens der Eltern verwiesen. Vor allem bildungsferne Eltern ohne Migrationshintergrund wurden als schwer erreichbar gesehen.

Die Modellstandorte suchten vor allem die Kooperation mit Kindertageseinrichtungen, um Eltern in ihrer Lebenswelt anzusprechen. Wichtigste Kooperationspartner neben den Kindertageseinrichtungen (69 Prozent) waren Erziehungs- und Familienberatungsstellen (58 Prozent), Grundschulen (52 Prozent), Familienzentren (47 Prozent) und Jugendämter (46 Prozent). Gut ein Drittel der befragten Modellstandorte arbeitete im Rahmen der Förderung auch mit Einrichtungen der Sozialpädagogischen Familienhilfe zusammen (39 Prozent), während jeweils ein Viertel mit Mehrgenerationenhäusern, Migrationsdiensten und Kinderärzten kooperierte.

Jenseits des Vorschulbereichs, in dem der Bedarf an Elternbegleitung bei der Vorbereitung auf den Schuleintritt besonders hoch war, gestaltete sich die Kooperation mit Schulen zum Teil schwieriger. Trotz der hohen Relevanz, die der Bildungsbegleitung in Schulen zugeschrieben wurde, gelang einer Reihe von Modellstandorten der Zugang zu Schulen noch nicht in gewünschtem Maße. Gründe hierfür wurden darin gesehen, dass die Zusammenarbeit mit Eltern für Lehrkräfte (noch) einen geringeren Stellenwert hat als für Erzieherinnen und Erzieher im Kita-Kontext. Auch das Fehlen einer Kommunikation auf Augenhöhe wurde als Hindernis genannt. Vermutlich kann Elternbegleitung leichter an Schulen verankert werden, wo sie z. B. über den Hortbereich der Kinder- und Jugendhilfe zugänglich ist.

Auch aus Elternsicht war das Programm ein Erfolg. Nahezu alle Eltern waren zufrieden mit ihrer Elternbegleiterin bzw. ihrem Elternbegleiter, die überwiegende Mehrheit (79 Prozent) war sogar sehr zufrieden. Zudem gaben 94 Prozent der Eltern an, die Elternbegleitung weiterempfehlen zu wollen. An der Arbeit der Fachkräfte schätzten die Eltern vor allem deren Wissen und Engagement sowie gut verständliche Erklärungen und Ratschläge. Sie lobten Angebote wie z. B. Elterncafés wegen des informativen Austauschs in einer angenehmen Gruppenatmosphäre. Für Eltern mit Migrationshintergrund, deren Familiensprache nicht Deutsch war, war es zudem wichtig, dass die Begleitung ihre Muttersprache sprach. Besonders gut gelang den Fachkräften der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung bei armutsgefährdeten Eltern.

Familien, die Kontakt zu einer Elternbegleiterin bzw. einem Elternbegleiter hatten, nutzten insgesamt mehr Angebote zur Förderung und Bildung der Kinder als Eltern ohne Begleitung. Sie verfügten auch über eine bessere Kenntnis, an wen sie sich bei Fragen zum Thema Bildung wenden konnten und hatten weniger Ängste vor dem Schuleintritt der eigenen Kinder. Außerdem waren Eltern, die Elternbegleitung nutzten, häufiger in gemeinsame alltägliche Aktivitäten wie Spiele, Unternehmungen, Haushaltsaufgaben oder Gespräche mit ihren Kindern eingebunden. Insgesamt begrüßt Prof. Dr. Sabine Walper die Fortsetzung des Programms, „denn wir haben mit unseren Auswertungen gezeigt, dass der Einsatz von Elternbegleitung in Kombination mit dem Aufbau dauerhafter Kooperationen nachhaltigen Nutzen verspricht und konnten durch unsere Anregungen wichtige Impulse zur Fortführung des Programms als Elternchance II setzen."
Links: Abschlussbericht: Evaluation des Bundesprogramms „Elternchance ist Kinderchance – Elternbegleitung der Bildungsverläufe der Kinder": http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/elternchance/Abschlussbericht_Evaluation_Elternchance_ist_Kinderchance.pdf
Bundesprogramm „Elternchance ist Kinderchance": http://www.elternchance.de/elternchance/root.html

Quelle: Medieninformation des Deutschen Jugendinstituts vom 5.8.2015



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