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Kindliche Entwicklung
06.12.2015  Hilde von Balluseck

Körperlichkeit und Sinnlichkeit in der Pädagogik

Der vorliegende Beitrag beinhaltet eine kritische Sicht auf pädagogische Theorien und Vorgehensweisen, die in Deutschland das Ziel eines Schulabschlusses für alle Jugendlichen nicht erreichen, und in der Rest- (Haupt-) schule ebenfalls keinen für berufliche Erfolge brauchbaren Abschluss vermitteln. Von manchen KritikerInnen wird das dreigliedrige Schulsystem dafür verantwortlich gemacht, von anderen der zu späte Bildungsansatz erst im Kindergartenalter, wiederum von anderen die deutsche Halbtagsschule. Die genannten Phänomene mögen eine Bedeutung haben.
 Ich habe zu diesem Thema nach ausführlichem Literaturstudium eine neue Hypothese entwickelt, die ich in den Raum stellen möchte: Die Misserfolge des deutschen Bildungssystems haben auch zu tun mit einer Pädagogik, in der Körper und Sinnlichkeit auf der Strecke bleiben. Dies beginnt in der Sprache. Kinder haben zunächst einmal eine am körperlichen Befinden orientierte Sprache. Diejenigen unter ihnen, die nicht den von körperlichen Befindlichkeiten abstrahierenden Code der hiesigen Mittelschicht zu Hause lernen, sind von ihrem Verständnis her in einem gravierenden Nachteil. Daraus ergeben sich Fragen, die ich im folgenden Beitrag ansprechen möchte:
  • Welche Bedeutung haben Körper und Sexualität?
  • Welche Veränderungen von Körperlichkeit und Sexualität sind für die Pädagogik besonders bedeutsam?
  • Wie reagiert die Pädagogik auf diese Herausforderungen und was wäre zu verändern?

Der eigene Leib ist in der Welt wie das Herz im Organismus“. Maurice Merleau-Ponty)

Die Leiblichkeit menschlicher Existenz und die Bedeutung der Sinne
Der Körper

Wir erfahren die Welt zu allererst über unseren Körper. „Die mich durchströmende leibliche Existenz .. stiftet unseren ersten Kontakt mit der Welt“ (Merleau-Ponty 1966: 198). Durch die Interaktionen zwischen Körper und Welt kommt es zu Erfahrungen, die das Körpererleben, das Körperbewusstsein und Verhalten wie Handeln prägen.

Der Körper als Tor zur Welt ist unhintergehbar (Funken 2000). Diese Unhintergehbarkeit der Körperlichkeit unserer Existenz zeigt sich zunächst einmal darin, dass kein Mensch sich seinen Körper, seine Geburts- und seine Todesstunde aussuchen kann – wenn wir von den Suizidanten/-innen absehen. Auch kann niemand wählen, ob er/sie behindert auf die Welt kommt oder durch einen Unfall Behinderungen erwirbt, ob er/sie eine schwere Krankheit wie Krebs bekommt oder ein Pflege-„Fall“ wird. Alle diese Ereignisse werden gemeinhin „Schicksal“ genannt, weil sie sich nicht vorhersehen und berechnen lassen. In den auf Rationalität vertrauenden Wissenschaften haben sie somit keinen Platz, es sei denn als gesundheitliche „Störung“. Dafür melden sich für diese unerwünschten Phänomene Philosophie oder Religion zu Wort; (Sozial-) Pädagogik und Psychologie befassen sich mit den Folgen, sofern diese sozialstaats-kompatibel oder pädagogik-tauglich sind.

Die abendländische Philosophie, das abendländische Denken überhaupt, hat sich seit Platon der Trennung von Geist und Körper, von Physis und Psyche verschrieben (Brenner 2008). Der Satz „Cogito ergo sum“ dreht das Verhältnis von Körper und Erkenntnis um (vgl. Merleau-Ponty). Existenz (oder Sein), Denken und Handeln lassen sich nicht trennen, wie dies Descartes getan hat. Es müsste also eigentlich heißen: Sum ergo cogito. Denn ohne Körperlichkeit gibt es kein Denken. Die Begriffe „Leib“ und „Körper“ entstammen verschiedenen philosophischen Schulen. Im Leibe sind noch alle Gefühle und Empfindungen aufgehoben, er wird allerdings heute höchstens in der Philosophie und Religion benannt. Daher spreche ich im Folgenden vom Körper.

Durch die Trennung von Körper und Geist und den endgültigen Abschied von der Idee der Leiblichkeit war es im Gefolge der Aufklärung möglich, den Körper für die Zwecke des Subjekts zu nutzen (Brenner 2008). Mehr und mehr wird der Körper als Instrument zur Durchsetzung kognitiver oder emotionaler Ziele eingesetzt, bis hin zur Integration in Maschinen.

Sinnlichkeit und Sexualität

Von Beginn des Lebens an spielen der eigene Körper und die körperliche Lust eine wesentliche Rolle für die Entwicklung und Wahrnehmung der Identität, das Selbstwertgefühl, die Beziehungsfähigkeit, für das Sein in der Welt. Der Körper fühlt und erlebt, wenn er nicht traumatisiert ist, mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen. Begreift man Sinnlichkeit in dieser Weise, könnte jede sinnliche Erfahrung auch eine sexuelle sein. Denn Sexualität ist nicht allein, und schon gar nicht primär durch Genitalität und die Fortpflanzungsfunktion bestimmt, sondern durch sinnliches, lustvolles Erleben (vgl. Sielert 2005). Weil also weder die Genitalität noch die sexuelle Orientierung die entscheidenden Weichen für sexuelle Lust stellen, wird die Frage der Geschlechtlichkeit und der Geschlechterdifferenzen in diesem Text nur gestreift (2).

Sinnliches und damit auch sexuelles Erleben als Möglichkeit wird dem Körper von Anfang an durch Berührungen, Befriedigung oder Versagung von Bedürfnissen und beginnende Beziehungen eingeschrieben (Quindeau 2008). In welcher Weise dies geschieht, ist kulturabhängig – Kultur verstanden als Produkt von Geschichte, von Gesellschaft, von Normierungen und aktuellen Erfahrungen. Die Pädagogik befasst sich seit kurzem intensiver mit den damit zusammenhängenden Fragestellungen (vgl. v.a. Sielert 2005; Schmidt/Sielert 2008).

Da die abendländische Denkweise Körper, Seele und Geist trennt, kann auch die Sexualität auf körperliche Reaktionen reduziert und vom seelischen Erleben getrennt werden. Aber nirgendwo wie in der Sexualität macht der Körper sein Fühlen deutlich: „Das Sexuelle ist wohl der Bereich unseres Sozialverhaltens, in dem die Handlungsqualität des Körpers am stärksten ausgebildet ist“ (Lautmann 2002: 28).

Die gesellschaftliche Konstruktion von Körper und Sinnlichkeit
Der Körper

Auch der Körper, obgleich durchaus sicht- und greifbar, ist ein soziales Konstrukt. In ihm werden sozial geteilte und individuell interpretierte Bedeutungen abgespeichert. Soziale Normen, Konventionen und „die feinen Unterschiede“ (Bourdieu 1987) werden körperlich erfahren und internalisiert (vgl. Foucault 1977), bis sie zum Habitus (3) (Bourdieu a.a.O.) geronnen sind. Wie der eigene Körper wahrgenommen, wie auf ihn reagiert wird, prägen die Selbstwahrnehmung und das Selbstverständnis der Individuen.

Noch bedeutender als Ess- und Trinksitten oder Kleiderordnungen sind dabei die unbewussten Einschreibungen in den Körper, die das Erleben, also weitgehend unbewusste Prozesse, gestalten. Durch die Interaktionen in und mit der Welt entstehen Muster der Erfahrung, des Lernens und der Affektivität, die den Körper zu Handlungen und Interaktionen veranlassen.

In diesen Einschreibungen ist der Körper Produkt und Produzent der herrschenden Machtverhältnisse (Foucault 1977). Während in früheren Jahrhunderten in Mitteleuropa die Macht als „Ausbeutungsmechanismus“ auftrat (a.a.O.: 162) bildet sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts ein Machttypus heraus mit dem Ziel „das Leben in all seinen Elementen und Erscheinungsformen in Regie zu nehmen. Nicht Verhinderung, nicht primär Abschöpfung und Ausbeutung, sondern eher Anreizung, Verstärkung, Kontrolle, Überwachung, Steigerung und lückenlose Organisation der unterworfenen Potentiale sind ihre allgemeinen Bestimmungsmerkmale“ (Hegener 1998: 56 f.). Die Aufklärung, die angetreten war, die Herrschaft über die äußere Natur zu erringen, um das Leiden zu dezimieren, resultiert schlussendlich in einer Veränderung des Körpers selbst, der Kontrollmechanismen integriert. Zusätzlich zu der Einschließung der Unerwünschten in Gefängnis und Psychiatrie werden neue Diapositive der Macht entwickelt, die sich an der Schiene Sicherheit - Gefahr orientieren. Der Körper wird für Video- und andere Kontrollmechanismen zum zentralen Kriterium für den Ausschluss aus der Gesellschaft (Schmincke 2007).

Zu dieser Gesellschaft, die eine Sicht auf Fortschritt im Sinne ökonomischen Wachstums hat, gehört die Negierung der Vergänglichkeit. Die Verletzlichkeit des Körpers und die Endlichkeit des Seins haben in der kapitalistischen Gesellschaft kein hohes Ansehen. Die Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern, deren Person im Werden ist und die sich daher Kontrollen und anderen Selbstverständlichkeiten noch entziehen, findet ohne große gesellschaftliche Anerkennung statt. Behinderung, Pflegebedürftigkeit und das Sterben werden an spezielle Systeme übergeben. Die Integration („Inklusion“) von Menschen mit Behinderungen ist Programm, aber nicht Realität. Die Exklusion von erwachsenen Menschen mit Pflegebedarf ist Alltag. Der Status von Professionellen in den speziellen Hilfesystemen ist umso niedriger, je mehr sie mit den körperlichen Bedürfnissen von Menschen und daher mit deren körperlicher Verletzlichkeit zu tun haben (4). Hilfsbedürftigkeit bis hin zur Pflege erinnert an die Endlichkeit des Lebens und wird wie auch der Tod weitgehend verdrängt. „Im Mythos ewiger Körperfrische wird die Zeit des Verfalls angehalten und damit die Todeserfahrung negiert.“ (Küchenhoff 1998: 48). Auch dies sind gesellschaftliche Konstruktionen wie Beispiele aus anderen Kulturen belegen (vgl. z.B. Rinpoche 1999).

Die Negierung der Vergänglichkeit wird erleichtert, die Vergänglichkeit ihrerseits vervielfacht durch die rasante Beschleunigung der Gesellschaft, die sich auch in der Technik niederschlägt bzw. diese ermöglicht (vgl. Rosa 2005: 199) Das Handeln selbst wird beschleunigt, Pausen und Leerzeiten werden reduziert oder eliminiert, mehrere Handlungen werden gleichzeitig ausgeführt. Der Körper hat diesen Anforderungen zu gehorchen: durch höchste Konzentration in unterschiedlichen (jedoch nicht allen) Arbeitswelten, durch die schnelle Reaktion auf geistige Herausforderungen (Beschleunigung des Schriftverkehrs über Internet), durch die schnelle Verarbeitung unterschiedlicher Informationen, die so zu Erlebnissen werden und nicht mehr zu Erfahrung gerinnen können (a.a.O.). Ein wesentlicher Motor für diese Beschleunigung ist die „zeitökonomische Konkurrenzlogik des kapitalistischen Wirtschaftens“ (a.a.O.: 268). Deren Medien sind Technik und Geld, wobei wir hier nur die Technik näher betrachten. Durch die elektronischen Kommunikationsmedien kommt es zu einer Veränderung der Funktionen und der Bedeutung des Körpers.

Die Veränderung zeigt sich in der „Virtualisierung, Immaterialisierung, Multiplizierung von Körper und Identität in elektronischen Kommunikationsnetzwerken“ (Becker 2000: 67). Der als Ballast erlebte Körper soll in der virtuellen Welt abgeschüttelt werden. „Die Repräsentation des Körpers in formalisierten, stereotypisierten Zeichen, wo er als imaginiertes Wunschkonstrukt in Erscheinung tritt, spaltet ihn ab von der Widerständigkeit seiner biologischen Verfasstheit“ (a.a.O.: 46). Häufig haben die NutzerInnen „ein heikles Verhältnis zu ihrem eigenen Körper, ja zur Sphäre der menschlichen Körperlichkeit überhaupt. Die Schwelle des Ekels vor organischen Vorgängen ist niedrig, das Gefühl für die eigene phsyische Existenz einseitig und unbalanciert: Der Körper bleibt im Objektstatus befangen und wird nicht ergänzt durch Empfindungen eines leiblichen Bei-sich-Seins“ (Ellrich 2000: 89). Auf der anderen Seite findet eine „Anthropomorphisierung der Technologie in den Mediendiskursen“ statt und „nimmt dem menschlichen Körper seine bislang exklusive Stellung“ (Schneider 2000: 31). „Medien spielen also in Bezug auf Körperkonzepte eine Doppelrolle: Sie setzen den Körper immer stärker in Distanz zu sich selbst, ... zugleich wird ihnen die Eigenschaft zugesprochen, neue, sinnliche Körpererfahrungen zu ermöglichen“ (a.a.O.: 32). Die „Distanz im Physischen und Nähe im Virtuellen“ ist quasi eine „postmoderne Variante der Trennung von Körper und Geist“ (a.a.O.:33). Spinnt man diesen Gedanken weiter, so handelt es sich um eine Entwertung des Körpers zugunsten einer Virtualisierung des Erlebens (5).

Sexualität

Unter diesen Bedingungen verändern sich auch Sinnlichkeit und Sexualität. Für eine kurze Zeit galt die sexuelle Befreiung als Grundlage einer gesellschaftlichen Umwälzung, wie bei Wilhelm Reich. In der Tat ist die „Unverfügbarkeit des Begehrens“ (Küchenhoff 1998) eine Grundtatsache, mit der sich Menschen in allen Zeiten auseinandersetzen. Weil das Bedürfnis nach Lust, Intimität und intensivem körperlichem Kontakt so stark verwurzelt ist, wurde und wird Sexualität in allen Gesellschaften durch Sitte, Moral und/oder Recht reguliert. In der mitteleuropäischen Gesellschaft erhält sie seit der Aufklärung einen neuen Stellenwert, weil sie sich allmählich von der Fortpflanzung löst. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gerät dann nicht nur die Fortpflanzung, sondern auch die nicht an sie gekoppelte Sexualität in den Mittelpunkt gesellschaftlichen Interesses, das die entstehenden Wissenschaften (Medizin, Psychologie, Pädagogik) fördern. Die Masturbation bei Kindern und die vermeintliche Hysterie von Frauen werden zu großen Themen der Gesellschaft und der Wissenschaften. Eine weitere Trennung („Dissoziation“) findet durch die Trennung zwischen Körpergeschlecht und sozialem Geschlecht bzw. Geschlechtsidentität statt (vgl. Sigusch 1998). Dabei wird das Körpergeschlecht als ebenso konstruiert angesehen wie die Geschlechtsidentität selbst.

Neben der Dissoziation in der sexuellen Sphäre unterscheidet Sigusch zwei weitere Phänomene: die „Dispersion der sexuellen Partikel“ (Sigusch 1998:5) z.B. in Form von Sex in der Werbung, und Indienstnahme der Erotik für die Distribution von Waren, und die Diversifikation, d.h. die Vervielfältigung der (sexuellen) Beziehungsformen (a.a.O.: 6).

Das Geschlecht spielt auch in der virtuellen Sphäre eine Rolle. Der abwesende Körper wird durch sprachliche Verweise gegenwärtig (durch Emoticons, durch Beschreibungen von Habitus, Mimik, oder Handlungen) und „ver-körpert“, eine Reaktion auf die Abschaffung des Körpers in der virtuellen Welt. Während in der realiter stattfindenden Kommunikation der Körper Ausgangspunkt ist, ist er im Netz Resultat, weil er sich allmählich erst durch, wenn auch restringierte, Beschreibungen „enthüllt“, bis es dann möglicherweise zu einer realen Begegnung kommt. Geschlechtsbe- oder zuschreibungen müssen nicht den Fakten entsprechen (Funken 2004). Wenn eine persönliche Begegnung angestrebt wird, ist dieses Phänomen temporär. Wenn jedoch das Netz die Lebenswelt kompensiert, kann die Ablösung vom realen Körper und der Geschlechtlichkeit sich als Leben in der virtuellen Welt verfestigen.

Es scheint so, als habe die kapitalistische Warenlogik in den Medien erreicht, was vorher kein Herrscher durchsetzen konnte: Die Entdramatisierung der Sexualität. Sie mündet in der Zerstreuung („Dispersion“) sexueller Bedürfnisse und ihrer Verfügbarkeit in zerrissenen Zusammenhängen. Die Formen, in denen dies geschieht, sind unterschiedlich je nach Schichten. Aber wenngleich die Mittelschichten über die Darstellung sexueller Bedürfnisse im Privatfernsehen die Nase rümpfen (vgl. Sichtermann 1998), sind auch sie von der Dispersion infiziert.

Die subjektive Bedeutung von Körper und Sexualität

Was bedeuten diese Veränderungen für die Subjekte? Wie gehen sie damit um?

Körper

Der Körper des Neugeborenen ist in den ersten Monaten in extremer Weise verletzlich und auf Schutz, Fürsorge und Aufmerksamkeit angewiesen, um gedeihen zu können. Vom Körper und den diagnostischen Instrumenten der Medizin wird zu Beginn das Geschlecht zugewiesen, das dann in vielfältigen Prozessen und Prozeduren Kinder auch subjektiv zu Jungen und Mädchen werden lässt. Das Erlebnis des eigenen Körpers, seiner Sensibilität und seiner Fähigkeit, Lust zu empfinden, begleitet Kinder von Geburt an. Gleichzeitig wird der Körper auch von Anfang an kontrolliert. Abhängig von gesellschaftlichen Normierungen und der lebensweltlichen Kultur lernen kleine Kinder schon sehr früh die Begrenztheiten ihrer Körperlichkeit: die Notwendigkeit, Nahrung zu sich zu nehmen und wieder auszuscheiden, die Erdhaftung durch die Schwerkraft und die Freude oder den Schmerz sinnlicher Erfahrung über die Haut, die Augen, die Ohren. Auch darin drücken sich die Verletzlichkeit und die Sinnlichkeit des Körpers aus. Diese Beschränkungen widerstreben dem Bild des effektiv agierenden Individuums, umso mehr ist dies bei Krankheit und Behinderung der Fall.

Ob ein Kind gesund oder nicht gesund oder mit Behinderungen körperlicher oder anderer Art auf die Welt kommt, prägt das gesamte weitere Leben und das seiner Eltern. Auch wenn Kinder oder Jugendliche – und später auch Erwachsene – an chronischen Krankheiten leiden, ist ihr Erlebnisradius eingeschränkt, sie müssen auf viele Erfahrungen verzichten und vor allem sich ständig medizinischen Maßnahmen unterziehen. Ihre Autonomie ist daher eingeschränkt.

Ähnlich wie die Gesundheit ist auch körperliche Attraktivität zunächst einmal ein Geschenk der Natur. Schöne Kinder werden häufiger als nicht schöne als reif, als sozial kompetent, als intelligent und umgänglich eingeschätzt, sie werden weniger bestraft und sowohl Mütter wie Kinder spielen lieber mit schönen Kindern als mit weniger attraktiven (Lippert 2005:107). Entsprechend der sich selbst erfüllenden Prophezeiung ist davon auszugehen, dass damit die Erwartungen der Kinder an sich selbst und ihr Selbstbewusstsein positiv geprägt werden (a.a.O.). Auch im Erwachsenenalter wird schönen Menschen eher Intelligenz, soziale Kompetenz und Anpassungsfähigkeit zugeschrieben (111). Bei der Partnerwahl hat das Äußere zunächst den entscheidenden Einfluss (S. 108), gerade in einer Zeit, in der traditionelle Orientierungen verblassen.

Gesundheit und Schönheit sind in einer Gesellschaft, in der auch der menschliche Körper unter Warengesichtspunkten bewertet wird, so wichtig, dass Jugendliche, jüngere und ältere Erwachsene zu vielen Prozeduren bereit sind, um den Anforderungen entsprechen zu können.

Fitness- und Wellnesscenter, Schönheitsstudios, Tatooing und Piercing, Jogging und kosmetische Operationen sind Ausdruck der Sehnsucht nach dem perfekten Körper. Bei Jungen und Mädchen wird der Körper als „form- und wandelbare Skulptur“ angesehen (Gaugele 2000). Schönheit besteht dann in der Übernahme von Segmenten der Stars und damit in der Aneignung von Körpern, die in den Medien repräsentiert werden (S. 234). Der Kapitalismus der Markenkonzerne „bemächtigt sich ...der Körper in ihrer Funktion als Konsumenten in einer bisher nicht gekannten Heftigkeit. Medienbilder werden im Ringen um die Kunden zu den zentralen Instrumenten“ (Gaugele 2005: 231). So werden Sinnstiftung und Selbstverwirklichung auf den eigenen Körper verschoben (Küchenhoff 1998).

Das Internet macht es darüber hinaus möglich, für eine gewisse Zeit die eigene Person, den eigenen Körper neu zu erfinden. Was diese Aufspaltung in virtuelle und reale Welt für die Entwicklung des Selbst (Psychologie), die kindliche Sozialisation (Sozialisationsforschung), den Status von Kindheit in der Gesellschaft (Kindheitsforschung) und Erziehung sowie Bildung (Pädagogik) bedeutet, wissen wir nicht (6).

Sexualität

Das Körpergefühl und das Begehren, das sich in den Körper einschreibt, entwickeln sich durch die ersten zwischenmenschlichen Begegnungen, die unbewusst verarbeitet werden (Quindeau 2008). In den verschiedenen Phasen der Kindheit werden laut Freud unterschiedliche erogene Zonen aktuell, und gleichzeitig damit Beziehungsthemen zum eigenen und zum anderen Geschlecht erforscht und gelebt. In der Adoleszenz erhält der Körper eine neue Relevanz und Bedeutung für Jungen und Mädchen (vgl. Flaake 2005; King/Flaake 2005). Beide Geschlechter müssen sich durch die hormonellen und körperlichen Veränderungen „durcharbeiten“ und entwickeln ein neues Verhältnis zu ihrem geschlechtlichen Körper und dem Körper der Anderen. Die Persönlichkeitsentwicklung in dieser Phase ist eng damit verbunden, wie der Einstieg in die Welt sexuellen Erlebens gelingt: ob sich der Junge oder das Mädchen von den Eltern als werdender Mann, als werdende Frau akzeptiert fühlen, wie die Umwelt (Lehrkräfte, Peers) auf sie reagieren (Schmidt 2008 b, Schmidt/Schetsche 2008, Martin 2008). Der Bedarf nach einem Erfahrungsaustausch über sexuelle Themen ist groß und kann inzwischen auch über das Internet kostenlos und anonym gedeckt werden (vgl. Döring 2008 a). Diese Phase entscheidet mit darüber, wie Sexualität im Erwachsenenleben gelebt wird, gelebt werden kann. Im Erwachsenenalter kann die Beziehung zum eigenen Körper und zur Sexualität in einer stabilen Partnerschaft in geordnete Bahnen gelangen, häufig aber nur für eine begrenzte Zeit, bis eine neue Partnerschaft sich entwickelt oder angestrebt wird. So spielt Sexualität für Menschen je nach Lebensalter, Lebenslage und –situation eine je unterschiedliche Rolle – aber sie ist immer präsent: als glückvolle Befriedigung, die Kraft verleiht, als Sehnsucht, die zu Aktivität drängt, als Verdrängung, die sich in Süchten äußert, als Trauma oder Verbitterung, und nicht zuletzt – unter patriarchalischen Bedingungen insbesondere - als Machtinstrument zur Knechtung der Anderen.

Da auch die Sexualität den Bedingungen der Warengesellschaft unterworfen wird, ist sie heute mehr denn je eine Ware. Prostitution wird in Deutschland pro Jahr von geschätzt 4,5 Millionen Männern in Anspruch genommen, auf deren sexuelle Bedürfnisse ca. 200.000-400.000 weibliche und 5.000-40.000 männliche Prostituierte eingehen. Hinzu kommen ca. 10.000 Sextouristen, die im Ausland ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen. Deutschland hat den zweitgrößten Pornomarkt (nach den USA) weltweit mit einem Umsatz von ca. 1 Milliarde Euro (vgl. Möller 2008), zu dem auch Kinderpornographie gehört (vgl. Balluseck 2009 b), die in Deutschland von 30.000 bis 40.000 Personen konsumiert wird. Ca. 30.000 Menschen haben täglich Telefonsex (vgl. Möller 2008).

Der Konsum von Sexualität als Ware findet auch im Netz statt. Damit verändern sich die Möglichkeiten sexuellen Erlebens. Das Netz hat den Vorteil der Anonymität; körperliche Risiken, soziale Kontrollen fehlen, Schamgefühle werden reduziert. Die Pornographie bietet Entspannung, Ablenkung, Masturbationshilfen und Zeitvertreib (Döring 2008). Aufwand wie Risiken einer Beziehung fehlen.

Die Herauslösung sexueller Befriedigung aus einem interaktiven Kontext der eigenen Lebenswelt war immer ein Fluchtweg für Männer, die sich der Prostitution bedienten. Heute ist sie in Form von elektronischen Medien nicht eine Flucht, sondern eine Lebensform. In dieser leben die Geschlechterklischees fort, Reflexionen über sich selbst oder das Gegenüber und die Schwierigkeiten der Interaktion sind stark reduziert. Damit sind die Subjekte stärker auf sich selbst bezogen, die Individualisierung erfährt eine Hypertrophie. Möller stellt in seinem Artikel fest: Es „kann gerade für den warenmäßigen Sexverbrauch eine masturbatorische Funktion angenommen werden. Marktförmig sexuelles Agieren entkoppelt sich damit von lebensweltlicher sozialer Rückbindung“ (Möller 2008: 469 f.) In ähnlicher Weise hat Wolfgang Hegener 10 Jahre vor Möller die Onanie als „kanonische Form des Orgasmus“ beschrieben (1998:67), jedoch nicht auf das Internet bezogen, sondern allgemein für die Sexsymbole wie das Mannequin – heute würde man „Model“ sagen. Für ihn ist das Model der Prototyp des durch und durch sexualisierten Körpers, ohne sexuell/geschlechtlich zu sein. Es bleibt „unberührbar und selbstbezüglich, geschlechtslose Schablone für diverse einsam-narzißtische, gleichsam ‚onanistische’ Inszenierungen“ (68). Und ganz ähnlich können die Subjekte sich selbst als Avatare (vgl. Jörissen 2009) konstruieren oder den/die Andere(n) nach Wunsch konzipieren. Hässliche Effekte in der Lebenswelt sind durch diese Formen der Interaktion nicht zu befürchten. Es fragt sich dann allerdings, ob die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Lebenswelt immer noch interessant genug ist.

Der pädagogische Zugang zu Körper und Sexualität

Was leistet die Pädagogik bislang, um die vielen Fragen im Hinblick auf die Funktionalisierung des Körpers und der Sexualität aufzunehmen und vielleicht sogar zu beantworten? Welche Hilfen gibt sie Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen an die Hand, um ihre Auseinandersetzung mit der Vermarktung von Körper und Sexualität reflexiv zu gestalten?

Die Pädagogik kann auf die dargestellten gesellschaftlichen Zwänge und die neuen Formen der Indienstnahme von Sexualität für die Waren- und Erlebnisgesellschaft (vgl. Schulze 1992) nicht direkt einwirken. Indirekt jedoch hat sie – über den Zugang zu jungen und älteren Menschen – die Möglichkeit, Reflexionsprozesse in Gang zu setzen und damit auch Gegenbewegungen zur klag- und fraglosen Abkehr von mühsamen Interaktionen in der jeweiligen Lebenswelt zu unterstützen. Dazu bedarf es in erster Linie einer Veränderung der PädagogInnen selbst. Eine adipöse oder anorektische Erzieherin, ein Pornos konsumierender Lehrer, ein Sozialarbeiter mit panischer Angst vor körperlichen Berührungen, eine Hochschullehrerin ohne Partnerbeziehung – alle diese Lebensformen gilt es zunächst einmal wahrzunehmen, zu analysieren und reflexiv (Über-) Lebensformen, ggf. auch Gegenstrategien zu entwickeln. Dabei wäre zu beachten, dass Reflexion die Verbindung zwischen Physis und Psyche nicht herstellt. Diese muss vielmehr erarbeitet werden über die Wahrnehmung der Gefühle im Körper. Eine Methode, mit der dies geübt werden kann, sind systemische Aufstellungen, in denen zum Erstaunen aller Beteiligten alle Emotionen körperlichen Ausdruck finden (7). In der Pädagogik jedoch, wenn sie denn auf Rationalität und Ausblendung der körperlichen Befindlichkeiten, insbesondere aber der Sexualität setzt, ist dies nicht möglich. Diese Themen werden allenfalls für die KlientInnen an- und ausgesprochen. Darin liegt das größte Handicap für eine gelungene pädagogische Intervention. Ebenfalls ausgeblendet wird immer wieder der Einfluss der sozialen Lage auf die Haltung zu Körper und Sexualität. „Bildungsferne“ Schichten ohne Erfolgsorientierung oder so genannte „verhaltensgestörte“ Kinder aus „Multiproblemfamilien“ haben subjektiv nicht primär das Problem der geringeren Schulleistungen, sondern der Akzeptanz ihrer Person, ihrer Körperlichkeit und damit auch ihrer Sprachfähigkeit.

Die Bildungsoffensive der letzten Jahre konzentriert sich primär auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern. Die sexualpädagogischen Bemühungen im Hinblick auf verschiedene KlientInnen beziehen eine sozialwissenschaftliche Einordnung von Körperlichkeit und Sexualität oft gar nicht erst ein. Es wäre die Frage zu stellen, wie die Beziehung der WissenschaftlerInnen, SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen und LehrerInnen zu ihrem eigenen Körper ist. Können sie die körperlichen Symptome für ihre Empfindungen wahrnehmen oder werden diese verdrängt, bis sie allenfalls noch unter Psychosomatik rubriziert werden? Sind sie selbst der Ökonomisierung des Körpers und seiner Sinnlichkeit erlegen? Können sie den Gedanken an die Vergänglichkeit des eigenen Körpers ertragen oder versuchen sie die Angst durch Süchte jedweder Art zu überspielen? Unterwerfen sie sich den Schönheitsritualen durch kosmetische Operationen und Wellness-Urlaube? Was können sie dann Menschen vermitteln, die dafür das Geld nicht haben? Können sie ggf. Sexualität im Internet reflektieren? Oder sind sie selbst den Verführungen der Erziehungswissenschaft, immer „bessere“ Methoden für Lernprozesse zu entwickeln, erlegen? Wie sollen Kinder und Jugendliche ein reflexives Verhältnis zu Körper und Sexualität entwickeln, wenn die Professionellen diese Fragen – außer im Aufklärungsunterricht - und deren Behandlung in der virtuellen Welt ausblenden?

In einer Vielzahl von Büchern, die sich wissenschaftlich mit Kindheit (Borke/Eickhorst 2008; Konrad/Schultheis 2008) und Erziehungswissenschaft bzw. Pädagogik (Adick 2008; Böhnisch 2008; Hillenbrand 2006; Holst 2008; Nohl 2006), bzw. mit der psychischen Entwicklung (Steinebach 2000) befassen, kommt Körper, kommt Sexualität nicht vor oder wird als Nebenthema kurz abgehandelt (Charlton/Käppler/Wetzel 2003; Raithel/Dollinger/Hörmann 2005). Das aktuellste deutsche Beispiel für die Vernachlässigung von Körper und Sexualität ist das Handbuch der Erziehungswissenschaft, das im Jahre 2009 erschienen ist. Sexualität kommt in keiner der Überschriften der fast 300 Artikel des dreibändigen Werks vor. Auf 3.500 Seiten wird Körperlichkeit in wenigen, Sexualität in zwei kurzen Artikeln erwähnt. Bei den Ausführungen zur Medienpädagogik bleibt die Sexualität außen vor. Da diese Bilanz schon niederschmetternd ist, muss man nicht hinzufügen, dass Phänomene wie der Konsum von Sexualität als Ware nicht erwähnt werden. Wie sollen Lehrkräfte an Hochschulen und Schulen dann die Kompetenzen erwerben, die sie befähigen, sich mit den ihnen Anvertrauten darüber auseinanderzusetzen? Wie sollen Kinder und Jugendliche ein reflektiertes Verhältnis zu Körper und Sexualität entwickeln, wenn die Professionellen das Thema und seine Behandlung in den Medien ausblenden?

Voraussetzung für eine körperbezogene, Sinnlichkeit und Sexualität integrierende Pädagogik ist die Reflexion der Professionellen im Hinblick auf den eigenen Körper, die eigene Sexualität. Dazu gehört auch, Frustrationen zu verarbeiten und mit ihnen zu leben: Keiner kann verlangen, dass alle PädagogInnen glücklich sind. Aber sie müssen in der Lage sein, das körperliche und sexuelle Glück anderen zu gönnen und eventuelles Unglücklichsein über vermeintliche körperliche Mängel und sexuelle Desaster anzusprechen. Es geht darum, mit Selbstbewusstsein gegenüber den eigenen körperlichen Bedürfnissen auf die anderer einzugehen und sie auf dem Weg zu einem positiven Selbstbild im Hinblick auf Körperlichkeit und Sexualität zu begleiten. Und es geht darum, sich einen Zugang zu Sexualität als Ware zu erarbeiten, der ein Gespräch mit den KonsumentInnen überhaupt erst ermöglicht.

Im Folgenden werden einige Überlegungen zur pädagogischen Arbeit mit verschiedenen Altersgruppen vorgestellt.

  • Körper- und sexualitätsbezogene Pädagogik im Kleinkindalter kann sich nicht auf den Verzehr von Gemüse und die Einführung sportlicher Übungen beschränken. Vielmehr brauchen Kinder eine Wertschätzung alles dessen, was mit ihrem Körper und ihren Bedürfnissen zu tun hat. Die „Töpfchenpädagogik“, die vielerorts noch praktiziert wird, passt dazu ebenso wenig wie eine Abwertung kindlicher Masturbation. Ebensowenig ist aber eine krampfhafte Sexualfreundlichkeit zu demonstrieren. Der gesamte Umgang mit Körper und Sexualität muss mit den Eltern erarbeitet werden, was an PädagogInnen höchste Anforderungen im Hinblick auf Feinfühligkeit und Toleranz stellt.
  • Kinder in der Grundschule und Sekundarstufe I brauchen Ermutigungen für die ihnen je eigene Körperlichkeit, zunächst einmal im Sportunterricht. In den anderen Fächern brauchen sie Lehrkräfte, die Körper und Sexualität beim Namen nennen und die wissen, was Kindern im Netz begegnet und welche Bilder sie sich verschaffen. Nur dann besteht eine Chance, dass Lehrkräfte und/oder andere in der Schule tätige Professionelle (SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen) auf Erfahrungen der Kinder adäquat reagieren können. Dies kann weder im Sinne eines moralischen Zeigefingers noch in einem Druck zur Veröffentlichung von Privatem bestehen. Es muss ein Klima, ein zeitlicher Raum geschaffen werden, in dem offenes Sprechen möglich ist. Dies ist die Grundlage für eine Reflexion über die pädagogischen Lehrbücher hinaus.
  • Für Jugendliche mag die eigene Körperlichkeit manchmal etwas Bedrohliches haben, weil die Sexualität (Küchenhoff spricht von der Unverfügbarkeit) nicht kontrollierbar erscheint. Die Angst vor dem Neuen, die Beglückung durch neue Bedürfnisse und ihre Befriedigung, aber auch die Verzweiflung angesichts scheiternder erotischer/sexueller Anerkennung und Liebe können in der Schule nicht durch explizitere Lernanforderungen weggedrückt werden. Die Didaktik muss einbeziehen, dass Kinder und Jugendliche einen Körper haben und darf nicht nur davon abstrahieren. Wenn der Körper nicht gespürt werden darf, leidet in vielen Fällen die Lernfähigkeit. Körper und Sexualität können daher nicht nur im Sport oder in der Aufklärungsstunde Thema sein.
  • Erwachsene begegnen pädagogischen Bemühungen in der Ausbildung, im Studium, in der Weiterbildung. Hier kann nicht in allen Bereichen auf ihre Körperlichkeit eingegangen werden. Aber auch hier ist entscheidend, wie die PädagogInnen über den Körper und die Sexualität sprechen. Dies wiederum setzt ihre Selbstreflexion voraus.
  • Bei Menschen über 60 ist Sexualität durchaus ein Thema (Sydow 2008), wobei offenbar die Frauen den größten Mangel erleben: weil ihre Partner nicht zärtlich oder potent genug sind, und weil der ‚double standard of aging’ sie als Singles in die Verliererrolle drängt. Für diese Lebenssituation müssten brauchbare geragogische Konzepte entwickelt werden, die den Status des Alters und insbesondere den alter Frauen mit einbeziehen.

Im Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung werden diese Themen, allerdings mit unterschiedlichem theoretischem Hintergrund und häufig wohlwollenden, nicht durchdachten Ratschlägen immerhin angesprochen. In einem der besten Artikel (Möller 2008)sind Forderungen aufgeführt, die hier zum Schluss zitiert werden sollen:

In einer „multimedial hypersexualisierten Welt“ (471) sind wohlgemeinte emanzipationspädagogische Sexualaufklärung und Ratschläge deplatziert. Vielmehr ist ausdrücklich zu fordern eine „Mobilisierung sexueller Beratung, Erziehung und Bildung ... 1. 1. im Sinne einer Erhöhung ihres Stellenwertes innerhalb und außerhalb pädagogischer, beratender und sozialarbeiterischer Professionen und Arbeitsfelder, 2. in Gestalt einer Veralltäglichung ihrer Aktivitäten und damit ihrer Entgrenzung aus den Reservaten einer Bindestrich-Pädagogik, die sich mehr oder minder in speziellen Bildungseinheiten, Maßnahmen, Projekten und u.U. auch Trägerschaften erschöpft, vor allem aber 3. in Richtung auf eine Entdeckung neuer Räume, in denen sie stattfinden kann, durch stärker aufsuchende Anteile innerhalb der durch leibhaftiges Erleben gekennzeichneten Lebenswelten wie aber auch im Cyberspace“ (a.a.O.).

Anmerkungen

(1) Ich danke meinen Schwestern Barbara von Balluseck und Bettina von Balluseck für ihre Verbesserungsvorschläge zu diesem Artikel.

(2) Damit will ich die Bedeutung der Gender-Debatten nicht in Abrede stellen. Es würde aber zu weit führen, sie hier zu dieskutieren. Dies habe ich an anderer Stelle getan, vgl. Balluseck 2009a, in diesem Portal unter http://www.erzieherin.de/geschlechtsbewusste-erziehung-und-bildung.php

(3) Der Begriff des Habitus umfasst bewusste und unbewusste Charakteristika der Persönlichkeit in Form von Körperhaltung, Bewegung, Sprache, Umgangsformen, die den Status in der Gesellschaft ausdrücken und in bzw. mit ihr interagieren.

(4) Das gilt für ErzieherInnen und für AltenpflegerInnen. Für ErzieherInnen wurden jetzt bessere Statusbedingungen erkämpft, weil das Ziel einer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt eine Bildungsoffensive schon im Kleinkindalter verlangt. Generell gilt, dass Professionelle in Pädagogik und Pflege, die sich auf die kognitiven Fähigkeiten stützen und die jede Berührung ihrer KlientInnen vermeiden, den höchsten Status haben.

(5) An weiteren Veränderungen der Konstruktion von Körper wären zu nennen: die Technisierung der Reproduktions- und der Transplantationsmedizin, die Diskussion um Stammzellenforschung und die Verfahren zum Klonen.

(6) So beschreibt Jörissen (2009) in seinem Artikel über Avatare eigentlich nur, wie Avatare funktionieren - was sie jedoch für die kindliche/jugendliche Entwicklung bedeuten, wird kaum angesprochen. Sexualität kommt auch in diesem Artikel nicht vor (vgl. die Kritik am Handbuch der Erziehungswisssenschaft in diesem Beitrag).

(7) Die Verfasserin dieses Beitrages hat Weiterbildungen zu systemischen Aufstellungen absolviert und führt Seminare dazu durch.

Literatur

Adick, Christel (2008): Vergleichende Erziehungswissenschaft. Stuttgart: Kohlhammer

Balluseck, Hilde von (2009 a): Männerbilder in Konkurrenz. In: Krause, Hans-Ulrich/Rätz-Heinisch, Regina (Hrsg.): Soziale Arbeit im Dialog. Opladen, Farmington Hills: Barbara Budrich

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Dieser Beitrag ist 2010 erschienen in der Festschrift für meine ehemalige Rektorin, Prof. Dr. Christine Labonté-Roset: Brigitte Geißler-Piltz/Jutta Räbiger (Hrsg.): Soziale Arbeit grenzenlos. Opladen, Farmington Hills: Budrich Uni Press



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