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Soziale und ethische Kompetenz
07.12.2015  Clemens Finzer

Religiöse Erziehung bei Kindern

Kinder bereits von den ersten Lebensjahren an mit Gott in Berührung zu bringen - das ist keine leichte Aufgabe, wenn Eltern keine religiösen Dimensionen pflegen. Seit 2012 gibt es Daten zur Situation der religiösen Erziehung in Deutschland.
Deutschlands Kindergärten und Kindertagesstätten haben Defizite bei der interreligiösen Bildung. Das hat eine Studie "Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten" der Tübinger Religionspädagogen Albert Biesinger, Anke Edelbrock und Friedrich Schweitzer mit Unterstützung der Stiftung Ravensburger Verlag ergeben. So haben beispielsweise nur sieben Prozent der rund 500 untersuchten Einrichtungen einen Moscheebesuch im Programm; zugleich kommt aber beinahe jedes achte Kind in einer deutschen Kita aus einer muslimischen Familie.

"Die Pädagogik in Deutschland hat in den vergangenen zwanzig Jahren einen Fehler gemacht, weil man gedacht hat, man kann interkulturelles Lernen gestalten und die Religion ausgrenzen. Und das geht eben mit muslimischen Kindern gar nicht. Man kann mit türkischstämmigen Kindern nicht über ihre Kultur reden und den Islam auf die Seite drücken. Und das haben wir mit dieser Studie als große Herausforderung auf den Tisch bekommen, dass über Religion Integration entsteht."

Albert Biesinger, Katholischer Religionspädagoge, Uni Tübingen

UNO: Religion ist Kinderrecht

Drei Zielgruppen nehmen die Religionspädagogen in die Pflicht: Zum einen die Träger der Einrichtungen, also Kommunen oder Kirchen. Viel zu wenig würden die Orientierungspläne für Kindertagesstätten der Bundesländer dabei berücksichtigt, die eindeutig das in den Kinderrechten der Vereinten Nationen verbriefte Recht des Kindes auf Religion und religiöse Bildung festschrieben. Aus Angst, nicht tolerant genug zu sein gegenüber Religionslosen, würden religiöse Themen lieber vermieden.

"Ich finde das bei unserer Kita manchmal ein bisschen lustig, dass die bis ins Letzte laizistisch ist, so dass du da kein einziges Weihnachtslied hörst, wo Josef, Maria oder Christuskind drin vorkommt, sondern nur irgendwelche Winterlieder."

Amalie aus Berlin, Mutter zweier Kinder

Kirchliche Träger – so die Studie – wiesen zwar gute religiöse Praktiken auf, allerdings fehle es an interreligiöser Erziehung. Als zweite Gruppe nennen die Religionspädagogen die Erzieherinnen. Auf ihrer Fantasie und ihren Ideen stützen sich Maßnahmen, um die interreligiöse Verständigung nachhaltig und erfolgreich voranzutreiben. Schon jetzt gebe es überzeugende Beispiele, allerdings seien diese noch die Ausnahme, so Biesinger und sein Team. Und als dritte Gruppe stehen die Eltern im Fokus. Natürlich böten die Einrichtungen oder später auch die Schule gute Impulse und Begleitung bei der religiösen und interreligiösen Erziehung. Letztlich müssten die Eltern das allerdings fortführen und ausbauen im Alltag.

Ohne die Eltern geht es nicht

Die Religionspädagogen wollen dabei gar nicht missionarisch vorgehen, wenn sie Eltern einfache Ratschläge an die Hand geben. Beten - bei Tisch oder anderen Gelegenheiten -, das Kind segnen, wenn es morgens das Haus verlässt, und abends eine einfach Tagesrückschau halten. Die Ergebnisse sind verblüffend: Der Alltag erhält eine Struktur, die Eltern bauen einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern auf, und das Abgeben der Verantwortung an eine höhere Macht verschafft Entlastung. Die Kinder aber erhalten eine Vision für ihr Leben (woher komme ich, wohin gehe ich?). Insgesamt, so das Ergebnis, entstehe ein Sinnüberschuss, der durch religiöse Erziehung in den Familien zustande komme und sich fruchtbar für die Gesellschaft auswirke.

"Wir werden immer mehr muslimische Menschen unter uns haben. Dann kommt es eben darauf an, ob es langfristig zu Hasstiraden auf beiden Seiten oder zu einer Verständigung führt, die auch der Gesellschaft gut tut. In den Religionen sind die Themen Solidarität und Toleranz ein inneres Thema, also Nächstenliebe oder beim Koran das Almosengeben, so dass man sagen kann, die Kinder lernen über den interreligiösen Austausch gleichzeitig etwas kennen, was auf der Werteebene sehr wichtig ist."

Albert Biesinger, katholischer Religionspädagoge, Uni Tübingen

Literatur-Tipps

  • Wie viele Götter sind im Himmel? Religiöse Differenzwahrnehmung in Kindesalter. Interreligiöse und interkulturelle Bildung im Kindesalter Bd. 1, hrsg. v. Albert Biesinger, Anke Edelbrock und Friedrich Schweitzer, Münster, New York, München, Berlin 2010.
  • Auf die Eltern kommt es an. Interreligiöse und Interkulturelle Bildung in der Kita. Interreligiöse und interkulturelle Bildung im Kindesalter Bd. 2, hrsg. v. Albert Biesinger, Anke Edelbrock und Friedrich Schweitzer, Münster, New York, München, Berlin 2011.
  • Interreligiöse und Interkulturelle Bildung in der Kita. Eine Repräsentativbefragung von Erzieherinnen in Deutschland - interdisziplinäre, interreligiöse und internationale Perspektiven. Interreligiöse und interkulturelle Bildung im Kindesalter Bd. 3, hrsg. v. Albert Biesinger, Anke Edelbrock und Friedrich Schweitzer, Münster, New York, München, Berlin 2011.
  • Religiöse Vielfalt in der Kita. So gelingt interreligiöse und interkulturelle Bildung in der Praxis, hrsg. v. Albert Biesinger, Anke Edelbrock und Friedrich Schweitzer, Berlin 2012.
  • Anselm Grün und Jan-Uwe Rogge: Kinder fragen nach Gott. Wie spirituelle Erziehung Familien stärkt, Reinbek bei Hamburg 2011.
  • Brauchen Kinder Religion? Neue Erkenntnisse - Praktische Perspektiven, hrsg. v. Albert Biesinger u.a., in Zusammenarbeit mit der Stiftung Ravensburger Verlag, Weinheim und Basel 2005.
  • Albert Biesinger: Kinder nicht um Gott betrügen. Anstiftungen für Mütter und Väter, Freiburg im Breisgau 2010.
  • Mein Gott - Dein Gott. Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten, hrsg. v. Albert Biesinger, Anke Edelbrock und Friedrich Schweitzer, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Ravensburger Verlag, Weinheim und Basel 2008.

Dieser Text wurde 2012 im Bayerischen Rundfunk gesendet.
Quelle: http://www.br.de/radio/bayern2/wissen/iq-wissenschaft-und-forschung/gesellschaft/religioese-erziehung100.html
Foto: 
Fotolia #4749470 © Ferenc Szelepcsenyi-old cinema interiors

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