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10.12.2015  Martina Bentenrieder

Die Kindergartenleitung als Baustellenleitung

Im Mittelpunkt der aktuellen Serie der Kita-Fachzeitschrift Welt des Kindes stehen Leitungskräfte – ihre Rolle, ihre Aufgaben, die Herausforderungen und Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sehen. In der November/Dezember 2015 - Ausgabe berichtet Martina Bentenrieder von ihren Erfahrungen mit Baumaßnahmen in der Kita.

Mir zitterten ganz schön die Knie. Hatte ich vielleicht doch die falschen Schuhe gewählt? Drei weitere Paar Schuhe lagen noch in meinem Büro – schließlich hatte ich mich seit zwei Wochen auf diesen großen Auftritt vorbereitet, inklusive der Auswahl der richtigen Kleidung. Vielleicht lag der unsichere Gang aber auch daran, dass mich in meiner Ausbildung zur Erzieherin und auch beim Sozialmanagementkurs für Kita-Leitungen niemand auf diesen Moment vorbereitet hatte – nämlich darauf, auf einem Baugerüst herumzuklettern, um den Fortschritt von Baumaßnahmen an unserer Kindertageseinrichtung direkt vor Ort verfolgen zu können. Während ich mich also mit Unterstützung des Architekten und des Bauleiters von Gerüst zu Gerüst hangelte, den Ausblick nach dem ersten Schrecken mehr und mehr genießen konnte, zum Beispiel als ich zum ersten Mal in den neuen Räumen der Aufstockung stand, wurde mir bewusst, wie wichtig auch bei Baumaßnahmen eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit unter allen Beteiligten ist – und das nicht nur in dem Moment, als sich der Architekt als sicherer Führer über das Baugerüst zu erkennen gibt!

Ob Kita-Leitungen gleich über Baugerüste klettern müssen, ist von Fall zu Fall zu entscheiden, und auch inwieweit der eigene Mut dafür ausreicht. Bei einer Baumaßnahme gibt es aber viele weitere Herausforderungen zu bestehen. Der Ausbau von Krippenplätzen, aber auch Sanierungen älterer Kindergartengebäude oder Neubauten bringen es mit sich, dass auf uns Kita-Leitungen Aufgaben zukommen, die mit dem Bauen zu tun haben. Zum Thema Raumgestaltung für Kinder gibt es ausreichend Fachliteratur und Fortbildungsveranstaltungen. Eine Baumaßnahme zu leiten ist jedoch wesentlich komplexer und fordert Kita-Leitungskräfte ganz intensiv. Dies konnte ich im Laufe meiner Karriere als Kita-Leitung bei drei Bauvorhaben erleben. Die wichtigen Erfahrungen, die ich dabei machen konnte, gebe ich gerne an Leitungskolleginnen weiter, die vor der Aufgabe stehen, eine Baumaßnahme zu bewältigen.

Unser aktuelles Bauvorhaben

Im August 2014 fingen wir damit an, unser Kindergartengebäude zu sanieren, umzubauen und den bestehenden Flachbau teilweise aufzustocken. Die besondere Herausforderung: All das musste bei laufendem Betrieb geschehen, da uns kein geeignetes Quartier zum Ausweichen zur Verfügung stand. Zwar durften wir mit Einverständnis der Stadt unsere Kinderzahl reduzieren, dennoch galt es 120 Kindergarten und Hortkinder sowie deren Familien und das pädagogische Team gut durch diese Zeit zu bringen. Ein Jahr sollte dieses Abenteuer dauern. Für mich als Kita-Leitung nach dem Pfingsthochwasser 1999 (teilweise Sanierung) und dem Anbau für die Krippengruppe im Jahr 2010 die größte und umfangreichste Baumaßnahme meiner Berufslaufbahn.

Zeitmanagement

Wer meint, ein Bauvorhaben in einer Kindertageseinrichtung ab einer bestimmten Größe ließe sich mal so einfach neben den alltäglichen Aufgaben einer Kita-Leitung ohne zusätzliches Zeitkontingent bewältigen, begeht einen großen Irrtum. Bereits frühzeitig vor Baubeginn müssen Träger, Leitung und Team klären, wie die anfallenden alltäglichen Arbeiten umverteilt werden können, damit die Kita-Leitung Zeit für diese zusätzlichen Aufgaben hat.

Bei uns hat es sich bewährt, dass wir schon vor der Baumaßnahme ein Leitungsteam aus Kita-Leitung und der ständig stellvertretenden Leitung gebildet haben. Geplant war, dass ich als Kita-Leitung hauptsächlich für Bau, pädagogisches Baukonzept sowie Verwaltung zuständig wäre, die stellvertretende Leitung für die alltägliche Dienstplanung und die Umsetzung des Konzepts. Auch wenn wir sie – wegen Personalmangels – nicht die ganze Bauzeit über so einhalten konnten, war diese Aufgabenverteilung für mich eine große Erleichterung. Außerdem war es eine enorme Entlastung, im Gegensatz zu den früheren Bauarbeiten in unserer Kita für keine eigene Gruppe mehr verantwortlich zu sein. Natürlich kann die oben beschriebene Aufgabenverteilung nur dann funktionieren, wenn die stellvertretende Leitung ebenfalls mehr Zeit für die zusätzlichen Aufgaben bekommt.

Was definitiv nicht Aufgabe der Kita-Leitung sein sollte, ist der ganze Verwaltungsaufwand, der mit einer Baumaßnahme verbunden ist – das ist zeitlich nicht zu bewältigen. Vielleicht gibt es in der Kirchengemeinde Ehrenamtliche, die dies übernehmen könnten.

Rechtzeitige Vorbereitung und Planung

Nach dem Hochwasser 1999 blieb uns keine Zeit, uns zum Beispiel bei der Bestellung der Möbel viele Gedanken zu machen, da wir möglichst rasch Ersatz benötigten. So wurde damals in der Eile das ein oder andere Möbelstück angeschafft, das sich dann doch als für die Praxis untauglich erwies oder nicht mit dem Konzept der Einrichtung mitwachsen konnte.

Aus dieser Erfahrung gelernt, nutzte ich diesmal die Chance, mich schon während der ganzen Planungszeit der Baumaßnahme mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen. Die Kataloge der Kindergartenausstatter bieten ja ein schier unendliches Angebot – aber vieles darin ist nicht sinnvoll. Also wälzte ich Fachliteratur zum Thema und holte mir Tipps auf Fachtagungen. In Gesprächen mit dem Träger und dem Architekten wurden die finanziellen Möglichkeiten festgelegt. Daraufhin machten wir uns als Leitungsteam daran, viele verschiedene Einrichtungen sowohl vor Ort als auch im Internet anzusehen. Wir diskutierten unsere positiven und negativen Eindrücke, planten und entwickelten Ideen, verwarfen aber auch wieder einige davon in Diskussionen mit dem Team, bis ein grobes Konzept für Räume und Ausstattung feststand, bevor die ersten Handwerker kamen.

Die Zusammenarbeit mit dem Architekten

Die Wahl des Architekten ist eine komplexe Angelegenheit, weil hier teilweise gesetzliche und strukturelle Vorgaben je nach Träger berücksichtigt werden müssen – im Unterschied zum privaten Hausbau. Und meistens haben Kita-Leitungen hier kein großes Mitspracherecht. Was schade ist, denn für ein gutes Ergebnis – dass am Ende den Kindern Gebäude zur Verfügung stehen, in denen sie sich gut entwickeln und die Welt selbst erkunden können – ist es wichtig, dass das Fachwissen beider Seiten zusammenkommen kann. Es wäre gut, wenn die Verantwortlichen in Städten, Gemeinden oder Kirchenverwaltungen diesen Vorteil erkennen würden.

Ich hatte das große Glück, dass uns bei allen unseren Baumaßnahmen dasselbe Architekturbüro zur Seite stand. Die Architekten hatten viel Erfahrung mit dem Bauen von Kindertageseinrichtungen, verstanden es hervorragend, uns bei vielen Entscheidungen miteinzubeziehen, und waren zu jeder Tageszeit (auch am Wochenende) erreichbar. Erst im Austausch mit anderen Leitungskräften erfuhr ich, dass dies nicht selbstverständlich ist, dass Vorstellungen von Kita-Leitungen und ihrem jeweiligen Architekten nervenaufreibend nicht in Einklang zu bringen waren beziehungsweise sie gar nicht gefragt wurden. Haben Sie deshalb keine Scheu, bereits vor dem Start der Baumaßnahme mit dem Architekten Vorstellungen über die Zusammenarbeit und auch seine Erreichbarkeit bei Fragen und Notfällen abzuklären (Wasserschäden und andere Baukatastrophen passieren nämlich nicht immer nur montags bis freitags zwischen 8 und 17 Uhr!).

Teilnahme an den Bausitzungen

Vielleicht mag jetzt die eine oder andere Kollegin denken: Was sollen wir Kita-Leitungen denn bei den Bausitzungen, die regelmäßig mit dem Architekten, der Bauleitung, dem Fachplaner und Verantwortlichen der ausführenden Firmen stattfinden? Ist das unser Job? Nun ja, wenn eine Fliese erst einmal an der Wand klebt, dann bleibt sie dort für ein paar Jahre (oder auch Jahrzehnte) − ganz egal ob sie farblich und zweckmäßig geeignet ist. Das Gleiche gilt für Bodenbeläge, Lampen et cetera. Aber es sind nicht immer nur ästhetische Fragen, die in den Bausitzungen entschieden und geklärt werden müssen. Auch viel Organisatorisches muss geregelt werden, gerade wenn im Gebäude der Betrieb weiterlaufen soll.

Bevor die Baumaßnahmen beginnen, sollte unbedingt mit dem Träger geklärt werden, welche Entscheidungsbefugnisse die Kita-Leitung hat. Bei mir war es so, dass ich sehr viele Entscheidungen selbst treffen durfte. Wenn ich mir aber unsicher war, konnte ich mich mit dem Verantwortlichen aus der Kirchenverwaltung beraten. Durch diese Vorgehensweise kurzer Verwaltungswege kam unser Bauvorhaben auch zeitlich gut voran.

Pädagogisches Baukonzept

Da wir ja keine Ausweichmöglichkeiten hatten, waren die Kinder und das pädagogische Team während der ganzen Bauzeit auf der Baustelle anwesend – und das war an Erlebnissen sehr bereichernd. Die Kinder hätten sonst nie die Gelegenheit gehabt, die vielen Erfahrungen und Beobachtungen zu machen, die dadurch möglich waren. Es ist ein großer Unterschied für Kinder, ob sie Handwerker nur bei einzelnen Exkursionen zur Baustelle erleben oder ob diese zum Kita-Alltag dazugehören. Unsere Kinder waren mittendrin.

Etwa alle zwei Wochen veranstalteten wir Bausitzungen mit den Kindern − immer dann, wenn bauliche Ereignisse an der Reihe waren, die unmittelbar vor den Augen der Kinder geschahen, oder wenn neue Sicherheitsregeln wichtig wurden. In diesen Sitzungen besprachen wir die nächsten Bauschritte, was dabei zu beachten war oder welche neuen Regeln und Sicherheitsmaßnahmen es deshalb gab. Und jedes unserer Kinder hielt sich daran! Diese Erfahrung hat uns im Team besonders bewegt. Nie hat eins der Kinder versucht, auf das Gerüst zu gelangen, obwohl sie mich oft darauf herumklettern sahen (mit der Zeit konnte ich den Aufstieg sogar ohne Hilfestellung bewältigen). Beim Aufgang zur neuen Innentreppe – obwohl sie zugänglich gewesen wäre – mussten wir niemals sagen: »Halt! Hier nicht raufgehen!« Und wenn in den Toiletten zum Beispiel noch ein Handwerker am Werk war, suchten sie von sich aus einfach den anderen Toilettenraum auf.

Kontakt zu den Handwerkern konnten die Kinder nach ihrem eigenen Bedürfnis aufnehmen: So wich ein Kind dem Elektriker nicht mehr von der Seite. Manche sonst eher schüchterne Kinder malten von sich aus Bilder, um sie den Handwerkern zu schenken.

Wenn die Auswahl der Firmen – trotz gesetzlich bedingter Ausschreibungen – irgendwie doch beeinflusst werden kann, sollte darauf geachtet werden, dass die Handwerker in der Lage sind, sich an die Gegebenheiten einer Kindertageseinrichtung anzupassen. Unsere Handwerker achteten von sich aus auf die Sicherheit der Kinder und gingen gerne auf ihre Fragen ein.

Aufregend für die Kinder waren besonders die Tage, an denen die einzelnen Gruppen für die Zeit der Gruppenraumrenovierung in die Turnhalle umziehen mussten. Auch dabei wurden die Kinder einbezogen, beim Packen der Umzugskisten und dem Hin und Herräumen der Möbel halfen sie tatkräftig mit.

Schwieriger war es da teilweise – trotz vieler Elternbriefe mit Informationen zum Bauvorhaben und den jeweils kommenden Bauschritten – einzelne Eltern von dem Gewinn an Erfahrungen ihres Kindes auf der Baustelle zu überzeugen, weil aus Platzgründen das eine oder andere gewohnte Angebot ausfallen musste – womit die Kinder allerdings keine Probleme hatten. Zum Glück gab es auch die vielen anderen Eltern, die sich trotz viel Staub und Baudreck mit ihrem Kind und uns über die Baufortschritte freuten. Schließlich wissen nun alle die neuen Möglichkeiten zu schätzen, die nach einem Jahr Bauzeit den Kindern, den Eltern und uns als Team zur Verfügung stehen.

Martina Bentenrieder ist Leiterin des katholischen Kindergartens Herz Jesu in Augsburg.

Quelle: Welt des Kindes 6/2015, Seiten 29 - 31
Foto: Kerstin Pack



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