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Kindliche Entwicklung
21.12.2015  Lisa Rüffer

Prinzessin sein

Maria liebt Kleider und findet Jungs doof. Dabei ist sie selbst einer. Doch der Körper des Kindes passt nicht zu ihrem Gefühl. Nun darf sie als Mädchen leben
Das Leben dieses Kindes beginnt, wie die meisten Kinderleben beginnen. Zweieinhalb Jahre, vielleicht drei, ist alles so, wie es in fast allen Familien ist. Maria, so möchte das Kind von Vanessa und Ralf in diesem Text heißen, lernt die lebensnotwendigsten Dinge: essen, greifen, laufen, sprechen. Maria lernt auch, Ich zu sagen, und irgendwann nimmt dieses Ich Gestalt an und wächst zu einer Identität heran, die an ein Geschlecht gekoppelt ist. Das Kind beginnt zu verstehen, dass es einen männlichen Körper hat. Aber das passt nicht recht zum Gefühl.

Der Junge mit den großen braunen Augen und dem schwarzen Haar verhält sich nicht so, wie man sich Jungen stereotypisch vorstellt: Baustellen und Bagger interessieren ihn nicht, auf Babys reagiert er dagegen entzückt. Er spielt lieber mit Mädchen, nimmt Mamas T-Shirts aus dem Schrank und zieht sie als Kleider an. Die Haare sollen lang sein. Weil sie nicht so schnell wachsen, wie er sich das wünscht, zieht er sich eine Strumpfhose über den Kopf und lässt die Beine links und rechts als Zöpfe neben seinen Ohren baumeln. Viele Jungen probieren sich im Spiel als Mädchen aus, dieses Kind tut es bestimmter. Es dauert etwas, bis die Eltern verstehen, dass es Maria ernst meint.
 
Als das Kind dreieinhalb Jahre alt ist und noch als ein Junge verstanden wird, der Mädchen nur spielt, kommt der Tag im Dänemark-Urlaub, den die Eltern als Schlüsselmoment beschreiben. Mit der ganzen Familie streifen sie durch die Geschäfte, und Vanessa hält ihrem Sohn Jungshosen entgegen. Doch der zeigt auf ein gelbes Trägerkleidchen und sagt: „Ich will das haben.“
  
Wie gehen wir jetzt damit um, fragen sich die Eltern. Kauft man dem Jungen das Kleid oder nicht? Sie besprechen sich und entscheiden sich dafür. Der Junge, die Haare nun schon etwas länger, weil man sie nicht mehr schneiden darf, zieht es gleich an. Er hüpft im gelben Trägerkleidchen durch die dänische Innenstadt. „Voller Glück“, sagt Vanessa und lacht. Sie nimmt sich vor, diese Entwicklung im Auge zu behalten und sich zu informieren.
  
Das gelbe Trägerkleid bleibt nicht das letzte, das sie für ihr Kind kauft. In den nächsten Monaten kommt noch das ein oder andere Prinzessinnenkostüm hinzu. Und auf dem Spielplatz sagt das Kind zu jedem, den es trifft: „Schaut mal, ich habe einen Jungenkörper, bin aber ein Mädchen.“
  
Erwachsenen fällt es oft schwer zu verstehen, was für Maria so einfach und klar ist. Doch Maria hat Glück mit ihren Eltern. Vanessa ist ein verständnisvoller Mensch. Die blonden Haare umrahmen ein rundes Gesicht. Im Frühjahr wird sie ihr Studium beenden, um als Grund- und Mittelschullehrerin zu arbeiten. Kinder sind für sie ernst zu nehmende Persönlichkeiten, trotzdem vergisst sie nicht, dass es Kinder sind.
  
Ihrem Mann Ralf fällt Marias Wandlung zunächst schwerer. „Mir war es peinlich, als sie im Kleid auf den Spielplatz ging und sich so offensiv outete. Ich bin eigentlich jemand, der seine Kinder auch mal gegen einen Pfosten laufen lässt, für den Lerneffekt“, erzählt er. Doch vor den Reaktionen der anderen Kinder will er sie beschützen. Hier im Schanzenviertel, wo die Buchhandlung ums Eck das Buch „Verschieden sein. Nachdenken über Geschlecht und Differenz“ ins Schaufenster legt, begegnen einem täglich die unterschiedlichsten Selbstentwürfe von Menschen. Normal ist hier vieles. Die Erwachsenen reagieren interessiert auf das Mädchen im Jungenkörper. Und die anderen Kleinkinder sortieren Maria als ein weiteres Novum in ihre Welt, die sie eh gerade erst begreifen lernen.
  
Mit jedem Entwicklungsschritt verwandelt sich Maria ein Stück mehr. Und jedes Mal stellen sich die Eltern erneut die Frage: Gehen wir diese Verwandlung jetzt mit?
  
Als sie fünf ist, steht Maria eines Morgens im Zimmer und sagt: „Könnt ihr ab jetzt bitte Mädchen zu mir sagen?“ So, wie sie das sagt, stellt sich ihren Eltern die Frage nicht, ob sie das ernst nehmen müssen. Im Familienalbum ist ein Bild aus dieser Zeit zu sehen: Maria als Blumenkind auf einer Hochzeit. Im rosafarbenen Kleid schaut sie mit ihrem Schmollmund etwas verträumt in die Ferne und trägt eine Blume im Haar.
  
„Es gibt diese Kinder, die schon sehr früh klar sagen: Ich bin das andere Geschlecht“, sagt Timo Nieder. Der Psychologe und Sexualwissenschaftler leitet die Spezialambulanz für Sexuelle Gesundheit und Transgender-Versorgung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Dort werden in Kooperation mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie auch schon sehr junge Patienten behandelt und deren Eltern beraten. Der Körper dieser Kinder stimmt nicht mit dem Geschlecht, als das sie sich wahrnehmen, überein. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Die Forschung zur Geschlechtsdysphorie, wie dieses Phänomen medizinisch genannt wird, ist noch jung. Es gibt in Deutschland nur wenige qualifizierte Ansprechpartner für Eltern und Kinder.
  
Doch langsam spricht es sich herum, dass Transidentität schon im Kindesalter Thema sein kann. Und immer häufiger kommen Eltern mit ihren Kindern zum UKE, erzählt Timo Nieder. Viele kennen die Geschichten von Jugendlichen, die sich im falschen Körper fühlen und darunter massiv leiden. Depressionen und Selbstverletzungen können bei diesen älteren Patienten die Folge sein, weil es einen zerreißen kann, wenn Geschlecht und Geschlechtsidentität nicht zusammenpassen. Eltern wollen nicht, dass ihr Kind diese Zerrissenheit erleben muss. Doch ist es der richtige Weg, das Kind in seinem Empfinden ernst zu nehmen? Oder anders gefragt: Kann man Kinder ins falsche Geschlecht drängen, so wie manche angehende Primaballerina nur den Traum der Mutter leben soll?
  
Es ist schwer zu sagen, wie genau Identitätsbildung funktioniert. Welchen Einfluss nehmen Vanessa und Ralf auf Marias Entwicklung? Wie viel geben die Gene vor? Welche Rolle spielt der große Halbbruder oder die vier Jahre jüngere Schwester?
  
Timo Nieder findet diese Fragen spannend, im Vordergrund stehen sie allerdings nicht. „Wichtig ist: Dieses Verhalten und Empfinden ist ein kindlicher Ausdruck. Der darf sein und ist erst einmal weder gut noch schlecht“, sagt der Psychologe. „Wir können im Kindesalter nicht bestimmen, wie sich die Geschlechtsidentität eines Menschen im Erwachsenenalter entwickelt. Das müssen wir aber auch nicht.“ Vanessa und Ralf lassen sich auch am UKE beraten. Sie werden darin bestärkt, Maria in ihrem Sein zu unterstützen.
 
Auf dem Attest des überweisenden Kinderarztes stand: „psychische Störung“. Ralf runzelt die Stirn. Die braunen Augen gucken verstimmt. „Für mich war ihr Verhalten längst ein Fakt. Ein Mensch, der sich ganz normal als Mädchen durch die Welt bewegt.“ Doch tatsächlich kann es in einigen Jahren dazu kommen, dass die Ärzte eine Diagnose angeben müssen, wenn Maria weiter ein Mädchen sein möchte. Sie könnte dann mit den ersten Anzeichen der Pubertät Hormonblocker erhalten, um etwas Zeit für die endgültige Entscheidung zu erhalten, in welche Richtung sich ihr Körper entwickeln soll. Zwei Jahre lässt sich die Pubertät hinauszögern, dann braucht der Körper Sexualhormone. Seit Maria fünf Jahre alt ist, wird ihre Geschlechtsdysphorie nun ärztlich dokumentiert. Das würde diesen Vorgang erleichtern, heißt es. Doch dass es tatsächlich zu einer Hormonbehandlung kommt, ist statistisch gesehen unwahrscheinlich. Bei acht von zehn Kindern verliert sich die Geschlechtsdysphorie im Laufe der Pubertät.
  
Maria kann sich an die Zeit erinnern, als sie noch kein Mädchen war, während sie mit ihren Einhörnern spielt. „Das war nicht so gut“, sagt sie knapp. In den Herbstferien hat sie eine Woche auf dem Reiterhof verbracht, ihr Lieblingspony dort? „Sabrine. Das war sooo süß!“
  
Im letzten Kindergartenjahr reden Marias Eltern mit der Kindergartenerzieherin und bitten sie, das Kind als sie zu bezeichnen. Ihren echten Vornamen wandeln sie zu einem Mädchennamen um. Seitdem kleidet sich Maria nicht mehr wie eine Prinzessin und zieht auch mal Hosen an. Sind Mädchen und Jungen denn so unterschiedlich? „Ja total“, sagt Maria. „Jungs prügeln sich und außerdem sind sie dumm. Mädchen unterhalten sich lieber und werden dann Freundinnen.“ Nicht nur ihr, auch ihrem Umfeld fällt es leichter, mit ihr umzugehen, seit das Kind wieder einem Geschlecht zuzuordnen ist. Rückblickend lässt sich Marias Wandlung vom Jungen zum Mädchen als lineare Geschichte erzählen. Nur wird es am Ende womöglich doch keine lineare Geschichte sein.
  
Vor einem Jahr wurde Maria als Mädchen eingeschult. Auf ihrem Zeugnis steht jetzt ihr Mädchenname, auf der Klassenliste ist unter Geschlecht das ‚W‘ angekreuzt. Sie geht auf das Mädchenklo und nutzt die Mädchenumkleide. Zwei Monate nach der Einschulung informieren Vanessa und Ralf die Eltern von Marias Klassenkameraden und beantworten Fragen. Mit den Kindern halten sie einen Klassenrat ab unter dem Motto: Jeder ist etwas Besonderes. Mit zwanzig Kindern sitzen sie im Kreis auf dem Teppich. „Paul hat zum Beispiel sehr große Ohren und das Besondere an Mama ist, dass sie ein blaues und ein grünes Auge hat“, erinnert sich Maria, als sie von diesem Tag spricht.
  
„Die Kinder haben das einfach so zur Kenntnis genommen“, sagt ihre Klassenlehrerin. Seit 18 Jahren ist sie an Marias Schule. Große Ohren sind ihr da schon öfter begegnet, aber jemand wie Maria noch nie. „Ich fand das spannend“, sagt sie. Das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg berät mittlerweile in solchen Fällen. Einheitliche Richtlinien gibt es nicht, aber es wird betont, dass die Kinder häufig noch nicht endgültig entschieden sind, wer sie sind. Es ist also ratsam, alle Möglichkeiten offen zu lassen. Letztlich bleibt es den Schulen überlassen, wie sie mit den Kindern umgehen. „Für mich ist klar, das geht vom Kind aus“, erzählt die Lehrerin. „Maria identifiziert sich sehr mit der Mädchenrolle.“
  
Der leitende Oberarzt der Münchner Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Alexander Korte hat Sorgenfalten auf der Stirn. Auch ihm liegt dieses Thema sehr am Herzen. Gemeinsam mit anderen Experten aus Münster, Frankfurt und Hamburg entwickelt er Leitlinien für die Diagnose und Behandlung von Kindern mit Geschlechtsidentitätsstörungen. Der Münchner rät den Eltern und ihrem Umfeld dringend davon ab, bereits in jungen Jahren einen kompletten Geschlechtsrollenwechsel zu unterstützen. Eine spätere transsexuelle Entwicklung ist nicht die einzige Option für das betroffene Kind, daher muss man ihm möglichst lange alle Optionen offenhalten. Einer Einschulung eines Kindes unter geändertem Namen würde er, anders als Timo Nieder vom UKE in Hamburg, daher nicht empfehlen. Natürlich solle man das Kind in der Akzeptanz seiner Besonderheit unterstützen und sein Selbstwertgefühl stärken. Doch je jünger die betroffenen Kinder seien, desto größer sind die Chancen, dass sie sich mit der Zeit mit ihrem Geburtsgeschlecht versöhnen. „Es gilt, Alternativen aufzuzeigen“, sagt Alexander Korte. „Transsexuelle beschreiben im Rückblick, dass sie es immer gewusst haben. Könnten wir herausfinden, wer später tatsächlich transsexuell wird, dann würde ich auch dazu raten, sie zu bestärken. Aber das können wir eben nicht. Ein Großteil wird homosexuell und für die wäre eine solche Behandlung eine Art Homosexualitätsverhinderungsprogramm. Das können wir ethisch und politisch nicht wollen.“
  
Auch in München erleben Alexander Korte und seine Kollegen eine steigende Nachfrage. Eltern kommen sogar aus Südtirol, um sich beraten zu lassen. Korte sieht darin einen Hype, der ihn skeptisch macht. Neben das genormte Bild von Jungen und Mädchen gesellt sich eine neue Norm des transidenten Kindes. „Das müssen wir als Gesellschaft überdenken“, sagt er. „Wer bestimmt, wie eine Frau aussieht?“
  Die Einflüsse, die Identität bilden, sind subtil. Und Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Was ist also, wenn Maria – längst von allen als Mädchen akzeptiert – irgendwann doch wieder ein Junge sein will? Kann sie dann zurück? Wäre es nicht einfacher, wenn ihr Geschlecht unbestimmt bleibt, bis sie sich endgültig für eines entscheidet?
  
Marias Eltern finden diese Normen selbst auch fragwürdig. Sie versuchen, sensibel zu bleiben und offen für die Entwicklung ihres Kindes. Und sie verlangen von Maria nicht, die Gesellschaft zu revolutionieren. „Das ist eine Erwachsenensicht“, sagt Ralf. „Für Maria ist es wichtig, das sie einordnen kann, als was sie sich fühlt. Wenn es irgendwann eine Entscheidung verlangt, dann muss sie die treffen.“
  
Am Abend ist Laternenumzug von Marias Schule im Schanzenpark. Wenn man sie beobachtet, käme man nicht auf den Gedanken, dass dieses Mädchen kein Mädchen ist. Sie kann ziemlich schnell rennen und klettert als erste auf das Dach des Spielhauses. „Die kickt ja voll gut“, sagen fremde Jungs beim Fußballspielen im Park manchmal.
  
Maria ist ein unbedarftes Mädchen, für die das alles gar nicht so besonders ist. Sie hat Eltern, denen sie vertrauen kann. Und sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie von ihnen in ihrer Wahrnehmung ernst genommen wird. Gerade möchte sie weder Mann noch Frau sein, sondern Popstar – wie so viele Siebenjährige. Ob sie für immer ein Mädchen bleibt oder sich das vielleicht noch einmal ändert? „Das kann schon sein“, sagt sie und fängt an zu singen.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).
 
   


 
 

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