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Kindliche Entwicklung
31.12.2015  

Ende der Kinderkrankenpflege?

Ein Beruf wird abgeschafft: Was Eltern chronisch oder schwer kranker Kinder und auch die Kinder-und Jugendärzte befürchtet hatten, zeichnet sich immer deutlicher als Folge der aktuell diskutierten Reform der Pflegeberufe ab – das Ende des Berufs „Kinderkrankenschwester“.

Am 11. Dezember war die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) mit anderen Verbänden zur Anhörung in das Bundesfamilienministerium geladen. Aus der Perspektive und mit der Expertise einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft wollte die DGKJ die zu erwartenden Auswirkungen der „generalisierten Pflege“ auf die Patienten und die Versorgungsqualität hinterfragen. Grundsatzdiskussionen aber, so erfuhren die geladenen Verbände und Experten bei der Anhörung, waren seitens des BMFSFJ und des BMG ausdrücklich nicht erwünscht.

„Das Gesetzesvorhaben, das bislang eher unter dem Stichwort `Akademisierung der Pflege´ diskutiert wurde, ignoriert komplett die komplexen Ansprüche an die fachkompetente Pflege kranker Kinder und Jugendlicher!“, bedauerte DGKJ-Generalsekretär Dr. Karl-Josef Eßer nach der Anhörung. „Der bewährte und überaus sinnreiche Beruf der Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin (so die offizielle Berufsbezeichnung) soll abgeschafft werden, ohne dass für den neuen Ausbildungsberuf der Pflegefachfrau/des Pflegefachmanns überhaupt Inhalte definiert und Curricula-Entwurfe vorliegen und diskutiert werden.“

Die DGKJ fürchtet, dass im Rahmen der generalisierten Ausbildung die Pflege kranker Kinder kaum berücksichtigt wird, allein weil hierfür auch die notwendigen Praktikumsplätze fehlen.
Die DGKJ appelliert gemeinsam mit Verbänden, Elternorganisationen und Initiativen an die Politik, die Kinderkrankenpflege zu erhalten und weist erneut auf die Notwendigkeit einer auf das Kind und dessen Entwicklung und Bedürfnisse ausgerichteten Fachpflege hin (www.dgkj.de).
Irritierend ist, dass zur gleichen Zeit, in der BMG und BMFSFJ eine auf das Kind zugeschnittene medizinische Pflege für überflüssig halten, eine große Plakataktion des Bundesfamilienministeriums um mehr Aufmerksamkeit für Kinder wirbt: Die Kampagne „Starkmachen für Kinderrechte!“ weist auf die Notwendigkeit hin, Kinder zu schützen und ihre Rechte zu stärken. – Das Recht auf fachkompetente, gute Versorgung im Krankheitsfall zählt offensichtlich nicht dazu.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) fordert im Interesse ihrer kleinen Patienten das Weiterführen dieser speziellen Qualifikation.

Eine Generalisierung der Pflege ignoriert die besondere und verletzliche Situation des kranken Kindes: „Schwer kranke oder chronisch kranke Kinder werden die Verlierer einer Reform sein, die in erster Linie den Personalmangel in der Altenpflege bewältigen will“, kritisiert Professor Dr. med. Bernd Tillig, Präsident der DGKCH, die Pläne der Bundesregierung, die Ausbildung zum „Gesundheits- und KinderkrankenpflegerIn“ künftig abzuschaffen.

„Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger sind in der Kinderchirurgie unverzichtbar“, betont Tillig. „Ob zarte Frühgeborene, schwer kranke Säuglinge mit komplexen Fehlbildungen, ein verunfalltes Kleinkind oder pubertierende Jugendliche, die operiert werden müssen – ohne die über mehrere Jahre fachspezifisch geschulten Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger verliert das kranke Kind immens wichtige Partner für seine Genesung und Betreuung“, sagt Tillig. Die Erfolge der Kinderchirurgie seien nur in fachübergreifenden Teams möglich.

Die Unterzeichner des Aufrufs zum Erhalt der Kinderkrankenpflege in Deutschland werden sich weiterhin bei Politikern auf Landes- und auf Bundesebene intensiv dafür einsetzen, bei den Gesetzes- und Reformplänen im Gesundheitsbereich die spezifischen Bedürfnisse von Kindern im Krankenhaus entsprechend zu berücksichtigen. Die Pläne zur Pflegeausbildungs-Reform sind stillschweigend über etwas Grundlegendes hinweggegangen: „Das Recht auf fachgerechte und qualitativ hochwertige Betreuung im Krankheitsfall gilt auch für Kinder und ist nicht verhandelbar“, stellt Tillig fest.
Weitere Informationen: http://www.dgkch.de/images/dgkch/Dokumente_oeffentlich/Positionspapiere/1510_Positionspapier_Kinderkrankenpflege.pdf

Quellen:

Presseinformation der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) vom 17.12.2015
Presseinformation der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) vom 1.12.2015



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