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Fachzeitschriften
05.02.2016  Karsten Herrmann

Mehrsprachigkeit und Spracherwerb (Review)

Die Ausgabe 3-2015 von "Frühe Bildung" rückt das Thema der Mehrsprachigkeit und des Spracherwerbs unter Migrationsbedingungen in den Fokus. Weiter Beiträge diskutieren die Vor- und Nachteiler von Alltagsintegrierter Förderung und Intervention, beleuchten die Inklusion von Kindern mit Down Syndrom und stellen die Potenziale der digitalen Beobachtung und Dokumentation vor.

Schwerpunktthema Mehrsprachigkeit
Wie Sabine Weinert und Herman Schöler im „Editorial“ ausführen,  zeigen die großen international vergleichenden Bildungsstudien gemeinsam mit vielen anderen empirischen Untersuchungen, dass das Aufwachsen unter Bedingungen von Mehrsprachigkeit und Migration oftmals mit Risiken für Bildung und Bildungslaufbahn verbunden ist und dass dies in starkem Maße auf nicht ausreichende Kompetenzen in der Mehrheits- und Bildungssprache zurückgeführt werden kann. Die praktisch wie theoretisch bedeutsame Frage sei nun, worauf die beobachtbaren interindividuellen und einwanderungsgruppen bezogenen Unterschiede beim Erwerb der Mehrheitssprache zurückzuführen seien.
 
Im ersten Schwerpunkt-Beitrag nehmen Karin Berendes, Wolfgang Wagner, Detmar Meurers und Ulrich Trautwein das „Grammatikverständnis von Kindern unterschiedlicher sprachlicher und sozioökonomischer Herkunft“ unter die Lupe. Sie gehen dabei der Frage nach, inwieweit Kinder verschiedener sprachlicher und sozioökonomischer Herkunft unterschiedliche Ergebnisse im Bereich Grammatikverständnis erzielen. Geprüft wurde hierbei, ob komplexe grammatische Strukturen eine besondere Hürde für Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache und Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status darstellen. Hierfür wurden auf der Basis von Daten des Nationalen Bildungspanels die Grammatikleistungen von etwa fünfjährigen Kindergartenkindern Differential Item Functioning-Analysen unterzogen. Als Prädiktoren zur Vorhersage relativer
itemspezifischer Leistungsdifferenzen wurden verschiedene grammatische Merkmale herangezogen.
Für die Kinder mit einem niedrigen sozioökonomischen Status zeigte sich im Vergleich mit den übrigen Kindern eine nahezu perfekte Übereinstimmung der relativen Itemschwierigkeiten.
Im Ergebnis zeigt der Leistungsvergleich zwischen Kindern mit deutscher und Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache zeigte dagegen teilweise deutliche gruppenspezifische Itemschwierigkeiten, wobei sich die spezifischen Itemschwierigkeiten bei Kindern mit nicht-deutscher Familiensprache u. a. durch eine Zunahme der Satzlänge erklären ließen.
 
Aus bildungssoziologischer Perspektive untersuchen Ilona Relikowski, Thorsten Schneider und Tobias Linberg die „Rezeptiven Wortschatz- und Grammatikkompetenzen von Fünfjährigen mit und ohne Migrationshintergrund“.  Untersuchungsdesign und Ergebnisse fassen die AutorInnen wie folgt zusammen: Der rezeptive Sprachstand im Deutschen wurde bei 5-jährigen Kindergartenkindern mit türkischem und sowjetischem Migrationshintergrund im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund aus bildungssoziologischer Perspektive untersucht. Mit Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) wurden unter Verwendung von Mehrebenenmodellen Einflüsse der Familien und der Kindertageseinrichtung (KiTa) analysiert. Im Vergleich zu Kindern ohne  Migrationshintergrund erwies sich der Rückstand bei Kindern, deren Eltern beide in der Türkei geboren wurden, am größten. Durch Berücksichtigung sozialstruktureller und prozessualer Familienmerkmale reduzierten sich diese Differenzen. Variationen innerhalb der Gruppe von Zuwanderern ließen sich über den familialen Sprachgebrauch, die Muttersprache des Kindes und das Alter beim Eintritt in die KiTa erklären. Der Migrantenanteil einer KiTa trug nur unwesentlich zur Aufklärung der Kompetenzunterschiede bei.
 
Im dritten Schwerpunkt-Beitrag beleuchten Karin Keller, Larissa M. Troesch, Sarah Loher und Alexander Grob die „Deutschkenntnisse von Kindern statusniedriger und statushoher Einwanderergruppen“ unter der Frage, welchen Einfluss der familiale und der extrafamiliale Sprachkontext dabei haben. Die Daten der Studie stammen aus einer im Kanton Basel-Stadt flächendeckend durchgeführten Fragebogenerhebung bei Eltern von dreijährigen Kindern. Sowohl die elterlichen Deutschkenntnisse als auch der Besuch einer familienergänzenden Einrichtung hatten signifikante Effekte auf die mittels Fragebogen erfassten Deutschkenntnisse der Kinder, wobei die Bedeutung der Entwicklungskontexte differenziert nach Einwanderergruppen unterschiedlich ausfiel. Bei statushohen Einwanderergruppen vermochten insbesondere die Deutschkenntnisse der Eltern Varianz in den Deutschkenntnissen der Kinder zu erklären, während die Prädiktion bei statusniedrigen Einwanderergruppen vor allem durch den Besuch einer familienergänzenden Einrichtung erfolgte.
 
Abgerundet wird der Frühe-Bildung-Schwerpunkt „Mehrsprachigkeit und Spracherwerb unter Migrationsbedingungen durch eine Zusammenstellung von Fachbeiträgen, Forschungsprojekten, Infoportalen und Arbeitshilfen auf dem Deutschen Bildungsserver.
 
 
Thema Inklusion / Integration: Kinder mit Down-Syndrom
Wie steht es um die sozialen Beziehungen und schulrelevanten Fähigkeiten von Kindern mit Down-Syndrom in integrativen Kindertagesstätten? Dieser Frage ging Klaus Sarimski anhand einer Befragung von 30 ErzieherInnen nach, die Kinder mit Down-Syndrom betreuen. Wie Sarmiski näher ausführt, handelt es sich dabei um Kinder, die gemeinsam mit anderen Kindern mit besonderem Förderbedarf in integrativen Gruppen oder als einziges Kind mit einer Behinderung in einem allgemeinen Kindergarten aufgenommen sind. Im Beobachtungsbogen PERIK, in einem Fragebogen zur Beurteilung von sozialen Beziehungen (CBC) sowie in einem Fragebogen zu Temperaments- und Verhaltensmerkmalen (TABS) zeigten sich bei etwa der Hälfte der Kinder unterdurchschnittliche Fähigkeiten zur Selbstregulation und (vor allem bei Jungen mit Down-Syndrom) eine unterdurchschnittliche Kontaktfähigkeit, die die sozialen Beziehungen zu den anderen Kindern der Gruppe beeinträchtigen. Gravierende Verhaltensauffälligkeiten der Kinder werden nicht häufiger beobachtet als bei Gleichaltrigen. Eine soziale Ausgrenzung durch die anderen Kinder wird nicht berichtet.
 
Diskussion: Alltagsintegrierte Förderung oder Förderprogramme im Vorschulalter?
Diese Frage stellt Franz Petermann in einem weiteren Beitrag von Frühe Bildung 3-2015 zur Diskussion und führt sie am Beispiel der Sprachförderung näher aus. So sei nach aktuellen Studienergebnissen bei 20% der einsprachig und bei 52% der zwei- und mehrsprachig aufwachsenden Kindern eine Sprachauffälligkeit festgestellt worden. Eine solche Problemlage unterstreich die Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen. Prinzipiell böten sich zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze an, nämlich (a) eine ganzheitliche, alltagsintegrierte
Sprachförderung oder (b) eine systematisch aufgebaute und durch wissenschaftlich überprüfte
Förderprogramme unterstützte Intervention. Petermann nimmt jeweils die Vor- und Nachteile der beiden Ansätze in den Blick und stellt kritische Frage zur ihrer jeweiligen Umsetzung. Er kommt zu dem Schluss: Kinder mit Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten müssen frühzeitig erkannt und altersangemessen gefördert werden. Die Förderung sollte idealerweise alltagsnah und durch pädagogische Fachkräfte erfolgen. Es sollte also nach der Maxime verfahren werden: Pädagogische Förderung als Regelfall, Therapie als Ausnahme – oder Notfall. Im Hinblick auf die Rolle der pädagogischen Fachkraft unterstreicht er noch, dass Ohne eine akzeptierende Grundhaltung und die damit verbundene Sensibilität und Verantwortung einem Kind gegenüber keine der beiden Ansätze erfolgreich sein könne.
 
Innovativ: Digitale Dokumentation
Unter der Rubrik „Innovation“ stellen Lars Burghardt und Daniel Knauf die „Potenziale digitalen Beobachtens und Dokumentierens in Kindertagesstätten“ vor. Grundsätzlich sei die Beobachtung und Dokumentation des Verhaltens von Kindern in institutionellen Betreuungssettings zu einer Kernaufgabe frühpädagogischer Fachkräfte geworden und werde entsprechend in allen Bildungsprogrammen der Bundesländer als zentrales Element beschrieben. Allerdings sei der Zeitaufwand dafür häufig nicht in der regulären Arbeitszeit zu leisten. Digitale Programme / Applikationen könnten hier eine sinnvoll Alternative zu herkömmlichen Entwicklungsbeobachtungsverfahren und Portfolios bieten.
 
Zur besprochenen Ausgabe von "Frühe Bildung" geht es hier

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