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Kindliche Entwicklung
01.03.2016  Jörg Maywald, Thomas Fischbach

„Die zuwendungsorientierte Leistung macht das Herzstück ärztlichen Selbstverständnisses und Handelns aus“

Prof. Dr. Jörg Maywald (Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind) führte ein Interview mit Dr. med. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Köln.

Maywald: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Spektrum der Krankheiten, unter denen Kinder in Deutschland leiden, deutlich verändert. Stichwort hierfür ist der Begriff der „neuen Morbidität“. Was ist hierunter zu verstehen und mit welchen Anliegen stellen Eltern heutzutage ihre Kinder beim Kinder-und Jugendarzt bzw. der Kinder- und Jugendärztin gehäuft vor?

 

Fischbach: Die sogenannten „Neuen Morbiditäten“ bedeuten eine Veränderung der Vorstellungsanlässe in der pädiatrischen Praxis, die sich sehr deutlich und zunehmend von primär körperlichen Erkrankungen zu chronischen Krankheiten verlagert haben beziehungsweise verlagern. Es stehen dabei psychische und funktionelle Störungen ebenso im Vordergrund wie auch verhaltensabhängige körperliche Erkrankungen, beispielsweise die Adipositas. In ihrer Pathogenese spielt ein sozialer Gradient eine entscheidende Rolle, weshalb auch gerne der Begriff „Soziogene Entwicklungsstörungen“ verwendet wird. Darauf hat bereits 2012 Hans Georg Schlack, damaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin DGSPJ, auf der 4. Präventionstagung der Bundesärztekammer hingewiesen.

 

Maywald: Die Kinder- und Jugendgesundheitsstudie (KiGGS) des Robert Koch Instituts hat einen Trend „vom Körper zur Seele“ aufgezeigt. Demzufolge gewinnen psychische und psychosomatische Auffälligkeiten bei Kindern gegenüber körperlichen Beschwerden immer mehr an Gewicht. Die Krankheitsfrüherkennungsuntersuchungen – die sogenannten U-Untersuchungen – sind jedoch weiterhin stark somatisch orientiert. Muss hier umgesteuert werden?

 

Fischbach: Die Kinderrichtlinien sind ja inzwischen endlich vom Gemeinsamen Bundesausschuss überarbeitet worden. Dabei wurden auch wichtige Neuerungen wie die sogenannte „Interaktionsbeobachtung“ von Eltern und Kind ebenso einbezogen wie auch präventive Beratungsinhalte. Dennoch ist der G-BA hinter den Erwartungen der Kinder- und Jugendärzte zurückgeblieben, indem er beispielsweise keine Einführung von Checklisten zur besseren Erhebung der Sozialanamnese beschlossen hat.

 

Maywald: Kinder- und Jugendmedizin ist in hohem Maße auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern angewiesen. Dies setzt ausreichend Zeit für Gespräche voraus. Allerdings wird die sogenannte sprechende Medizin nur sehr unzureichend vergütet. Welche Auswege aus diesem Dilemma gibt es?

 

Fischbach: Ein Ausweg kann nur die am Aufwand orientierte Vergütung ärztlicher Leistungen sein. Dabei darf die technische nicht höher als der zuwendungsorientierte Leistung bewertet werden. Letztere macht ja gerade das Herzstück ärztlichen Selbstverständnisses und Handelns aus.

 

Maywald: In der Öffentlichkeit und auch seitens der Politik wird immer wieder die Forderung erhoben, die vorhandenen Vorsorgeuntersuchungen für die Vorbeugung und Früherkennung von Misshandlung und Vernachlässigung zu nutzen. Medizinische Fachvertreter betonen jedoch, dass diese Untersuchungen dafür nicht tauglich sind. Was ist dazu Ihre Meinung?

 

Fischbach: Ja und nein. Natürlich werden körperlich beziehungsweise sexuell misshandelte Kinder dem Arzt nicht auf dem Silbertablett im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung vorgestellt. Aber der Bereich der emotionalen beziehungsweise körperlichen Vernachlässigung wird dabei schon oftmals sichtbar. Hier ist die nun in die Kindervorsorge eingeführte Interaktionsbeobachtung ein wichtiges Element. Wir Kinder- und Jugendärzte haben natürlich von jeher das soziale Lebensumfeld des Kindes im Blick.

 

Maywald: Seit Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes wurden in Deutschland flächendeckend Netzwerke Frühe Hilfen aufgebaut. Welche Rolle kommt hierbei den niedergelassenen Kinderärzten zu, welche Fomen der Kooperation haben sich bewährt und wo besteht weiterer Entwicklungsbedarf?

 

Fischbach: Die Kooperation zwischen Jugendhilfe und Gesundheitswesen ist für den Erfolg der Frühen Hilfen elementar wichtig. Ob dieser eintritt, hängt neben den politischen Rahmenbedingungen sehr stark von den Playern vor Ort ab, den „Kümmerern“. Es gibt durchaus lokal und regional gut funktionierende Kooperationen, zum Beispiel über ärztliche Qualitätszirkel wie in Baden-Württemberg. Aber der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte mahnt auch seit Langem eine bessere Beteiligung des Bundesgesundheitsministeriums am System der Frühen Hilfen an. Dazu gehört aus unserer Sicht auch eine finanzielle Unterstützung. Wenn die Ärzteschaft sich bei den Frühen Hilfen stärker engagieren soll – was ich als sehr wichtig erachte und auch von der Jugendhilfe zurückgespiegelt bekomme –, müssen ihre Leistungen im System auch entsprechend angemessen honoriert werden. Das sehe ich im Moment noch als nicht ausreichend gegeben an. Wir werden bei den anstehenden Beschlüssen des Bewertungsausschusses zur Vergütung der Kindervorsorgeleistungen nach den neuen Kinderrichtlinien bald sehen, was den Krankenkassen diese Leistungen wert sind.

 

Maywald: Unfallverletzungen sind für Kinder ab einem Jahr die häufigste Todesursache und die Hauptursache für eine Behinderung. Zwar ist es in den vergangenen Jahren zu einem Rückgang der Todesfälle gekommen, aber die Zahl der Verletzungen nach Unfällen ist weiterhin hoch. Junge Kinder verunfallen vor allem im häuslichen Bereich. Was ist hier zu tun?

 

Fischbach: Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat einen Beauftragten für Kinderunfälle, der sich sehr intensiv um das Thema kümmert. Ein weiteres wichtiges Instrument sind die Unfallmerkblätter, die wir bei den Kindervorsorgeuntersuchungen den Eltern an die Hand geben. Natürlich klären wir die Eltern im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen über altersspezifische Unfallrisiken auf.

 

Maywald: Erste Erhebungen zeigen, dass ein großer Teil der nach Deutschland vor Krieg und Verfolgung geflüchteten Kinder unter multiplen körperlichen und seelischen Erkrankungen leidet. Ist unser Gesundheitssystem auf diese Herausforderungen ausreichend vorbereitet und was muss sich gegebenenfalls ändern?

 

Fischbach: Die momentane Flüchtlingssituation stellt auch das Gesundheitswesen vor erhebliche Probleme. Dies nicht zuletzt deshalb, weil der primär zuständige Öffentliche Gesundheitsdienst in der Vergangenheit vielerorts zum Sparschwein der Kämmerer verkommen ist und regional nicht in ausreichender Besetzung präsent sein kann. Hier leisten die verfügbaren Kolleginnen und Kollegen des ÖGD eine Herkulesaufgabe! Der Bundesgesetzgeber hat im Rahmen der aktuellen Gesetzgebung grundlegende Regelungen für die psychotherapeutische bzw. psychiatrische Versorgung traumatisierter Flüchtlinge getroffen. Diese gilt es nun konsequent umzusetzen, und dazu braucht es entsprechende personelle Ressourcen. Und es bedarf natürlich eines Ausbaus des ÖGD.

 

Maywald: Gehäuft auftretende Fälle von Masernerkrankungen in den letzten Jahren haben für lebhafte Diskussionen in Fachkreisen und in der Politik, aber auch unter Eltern darüber geführt, ob eine Impfpflicht eingeführt werden sollte. Was ist hierzu Ihre Position?

 

Fischbach: Ich halte zumindest zur Zeit die Einführung einer Impfpflicht in Deutschland für nicht realisierbar. Auch in Amerika, wo eine solche Verpflichtung beim Besuch von Betreuungseinrichtungen besteht, wird diese oftmals durch vorgebliche medizinische Hinderungsgründe trickreich umgangen. Was wir brauchen, sind solide Aufklärungskampagnen und konsequenten Schluß von Impflücken im Rahmen einer Catch-up-Strategie in Schulen. In UK funktioniert das bestens, dort werden die Kinder und Jugendlichen in ihren Schulen hinsichtlich ihres Impfstatus überprüft und dann auch dort gleich geimpft. Aber auch hierfür müsste der ÖGD ausgebaut werden. Die Politik von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, die eine größere Verbindlichkeit des Impfens zum Ziel hat, unterstützt der BVKJ ausdrücklich.

 

Maywald: Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat sich gemeinsam mit weiteren kinderärztlichen Fachverbänden für die Einsetzung eines Kinderbeauftragten auf Bundesebene und ebenso für die Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz ausgesprochen. Einmal angenommen, diese Forderungen haben Erfolg, welche Verbesserungen für Kinder und Jugendliche sind hiervon zu erwarten?

 

Fischbach: Kinder haben in Deutschland keine ausreichende Lobby. Der BVKJ erwartet sich von einem Kinderbeauftragten des Deutschen Bundestages einen parteiunabhängigen Sachwalter der berechtigten Interessen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Im Moment sind an dieser Stelle verschiedene Bundestagsausschüsse und -gremien zuständig. Ein Kinderbeauftragter könnte die Fäden zusammenführen.

 

Maywald: Vor wenigen Monaten haben Sie Ihr Amt als Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte angetreten. Welches sind Ihre wichtigsten Anliegen für die kommenden Jahre?

 

Fischbach: Ich strebe eine Verbesserung der Zusammenarbeit im hausärztlichen wie fachärztlichen Versorgungsbereich im Interesse der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen an. Dies möchte ich auch sektorenübergreifend erreichen. Erste positive Gespräche habe ich mit dem Deutschen Hausärzteverband DHÄV, dem Bund der Internisten BDI, dem Hartmannbund sowie dem Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie BKJJP geführt. Weitere Gespräche – auch mit weiteren Verbänden – werden folgen. Zudem liegt mir eine auch finanzielle Förderung der ambulanten pädiatrischen Weiterbildung am Herzen. Hier hat der Bundesgesetzgeber erste eher zaghafte Schritte im Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VSG) getan, in dem er auch für die fachärztliche ambulante Weiterbildung 1.000 Stellen finanzieren lässt. Die Sicherstellung einer flächendeckenden pädiatrischen Versorgung halte ich für äußerst wichtig, dazu brauchen wir eine versorgungsorientierte Bedarfsplanung. Ich möchte den BVKJ weiterhin in seiner Doppelfunktion als Vertreter der berufspolitischen Interessen seiner Mitglieder einerseits und als Advokat für die Kinder- und Jugendinteressen wahrgenommen wissen. Hier biete ich allen Gleichgesinnten eine konstruktive und vorurteilslose Zusammenarbeit an.

Quelle: frühe Kindheit 01/2016, Seite 58-60)

 



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