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Personal und Arbeitssituation
12.05.2018  Stefan Brückner

Auf Ausgrenzung und Fremdenhass klug reagieren

Kinder erleben – teilweise bei den eigenen Eltern – Fremdenhass und bringen diese Einstellung mit in die Kindertagespflege und in die Kita. Zwei Fallbeispiele zeigen, wie Fachkräfte mit rassistischen Äußerungen umgehen können. Wir übernehmen den Beitrag aus Meine Kita, didacta Magazin für die frühe Bildung 02/18 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
"Früher hieß es, Rechtsextreme stiegen oft aus der Szene aus, wenn sie eine Familie gründeten. Heute gibt es zunehmend Paare, bei denen beide Partner in der rechtsextremen Szene aktiv sind und die ihre Kinder entsprechend ideologisch erziehen“, schreibt die Autorin Simone Rafael auf der Website „Netz gegen Nazis“. Ausgrenzung, Fremdenhass – pädagogische Fachkräfte sind gefordert, zu reagieren.

Die Kita bietet Entwicklungschancen für alle Beteiligten, von der Vielfalt an Unterschieden zu profitieren. Ihre Aufgabe besteht darin, zusammen mit den Eltern die Kinder in Zeiten der Globalisierung fit zu machen für ein Leben in Weltoffenheit und Diversität. Welche Maßnahmen können hier helfen?

Fallbeispiel:

Lea, 5 Jahre, ruft in ihrer Begeisterung aus: "Das ist ja cool" Daraufhin ermahnt sie Max, 6 Jahre: "Was sagst du denn da! Wir reden hier doch deutsch!" Der Erzieher weiß über die Eltern, dass sie sich als Reichsbürger bekennen.

In Anlehnung an einen pädagogischen Situationsansatz überlegt sich der Erzieher, wie er auf diese Situation eingehen kann. Er vermeidet eine Ermahnung und gibt stattdessen den Kindern Raum zur Beteiligung an einer Reflexion. Dabei knüpft er an dem kürzlich durchgeführten Thema „Andere Länder – andere Flaggen“ an und fragt: „Wer weiß, zu welchem Land das Wort ‚cool‘ gehört? „Die Kinder überlegen und geben entsprechende Antworten, auch Lea. Daraufhin kann der Erzieher Lea die Kompetenz attestieren, dass es ein Wort aus einer anderen Sprache benutzt. Im Blick auf Max könnte dann das Gespräch fortgesetzt werden mit der Frage: „Welche Länder kennst du?“ Eventuell kann auf erlebte Länderbegegnungen eingegangen werden, wie beispielsweise Fußball- Länderspiele oder Urlaube im Ausland. Ziel ist eine positive Grundhaltung zum sprachlichen und kulturellen Nationalitäten-übergreifenden Austausch, ohne dass eines der beiden Kinder bloßgestellt wird oder das Gesicht verliert.

Tipps zur Demokratieförderung
  • Zusammen mit den Kindern werden anhand einfacher Bespiele aus dem Alltag gemeinsame Umgangsregeln entwickelt. Dies kann beispielsweise mit folgenden Frageimpulsen eingeleitet werden: „Wenn du gerade etwas erzählst, was wünschst du dir dann von den anderen Kindern? Was machen wir, wenn ein Kind ausgelacht wird? Was können wir machen, wenn beim gemeinsamen Spiel nicht alle Kinder mitmachen wollen oder können?“ Mit diesen oder ähnlichen Impulsen können die Kinder zur gemeinsamen Verantwortung angeleitet werden, was ein wichtiger Bestandteil der Demokratieerziehung ist.
     
  • Die verwendeten Spielsachen und Bilderbücher werden auf Diversität überprüft
    .
  • Die Leitlinien der Kita werden in Absprache mit dem Träger um folgende Inhalte ergänzt: Auf der Grundlage von Geborgenheit und Vertrauen erleben die Kinder die Chancen und Herausforderungen im Umgang mit Vielfalt. Alle Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung werden vermieden. Die Kinder werden eingeübt in demokratisches Verhalten und Minderheitenschutz. Das sichtbare Tragen von extremistischen und gewaltverherrlichenden Symbolen auf Kleidung oder Haut ist im Bereich der Kita verboten.
     
  • Im Anmeldegespräch wird mit den Eltern über die Leitlinien der Kita gesprochen und eine Zustimmung der Eltern eingefordert.
Fallbeispiel:

Ein Vater holt sein Kind in der Kita ab. Die Schuhe des Kindes stehen neben einer Kinderbank etwas abseits. Das Kind sagt zum Vater: „Gib mir meine Schuhe!“ Darauf antwortet der Vater seinem Kind, sichtbar entrüstet – auch zur Erzieherin hingewandt: „Ich bin doch nicht dein Neger!“

Bei der Erzieherin läuten alle Alarmglocken. Sie kann den Vater nicht mit einer Intervention vor dem Kind bloßstellen. Am nächsten Tag geht sie auf den Vater zu und fragt ihn, was er gestern seinem Kind gegenüber ausdrücken wollte, als er beim Abholen den Begriff „Neger“ verwendete. Es kommt zum Gespräch zwischen der Erzieherin und dem Vater, wobei sie zu verstehen gibt, dass die Kita ein diskriminierungsfreier Raum sein soll, in dem diese Äußerung keinen Platz hat. Solch ein Gespräch zwischen der Erzieherin und einem Elternteil kann nur gut gehen, wenn die Erzieherin ihr Team und den Träger hinter sich weiß und nicht befürchten muss, dass ihr jemand in den Rücken fällt.

Der Autor
Stefan Brückner ist Theologe, Sozialpädagoge und systemischer Coach sowie freier Mitarbeiter beim
Demokratiezentrum Baden-Württemberg. Er verfasste die Broschüre „Kita-Beratung zur Demokratieförderung – gegen Rechtsextremismus“ und bietet Vorträge und Workshops an. www.demokratiezentrum-bw.de


Zum Weiterlesen:
Broschüre „Kita-Beratung zur Demokratieförderung – gegen Rechtsextremismus“ 2013
Herausgegeben von der Landeskoordinierungsstelle Jugendstiftung Baden-Württemberg
kostenlos abrufbar auf:
www.demokratiezentrum-bw.de

Quelle: Meine Kita - Das didacta Magazin für die frühe Bildung 02/18, Seite 12-14, 
dort unter "Ich bin doch nicht dein Neger"

Foto: Photographee.eu / Shutterstock

 

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