Anmelden
Perspektiven
05.06.2018  Yuriko Wahl-Immel, (Köln)

Studie zu Kita-Beiträgen: Ärmere Familien stärker belastet

Einkommensarme Familien sind nach einer Studie bei Kita-Beiträgen überproportional stark belastet. Zwar sind die Gebühren vielerorts nach Einkommen gestaffelt – Haushalte unterhalb der Armutsrisikogrenze müssen aber einen nahezu doppelt so hohen Anteil ihres Einkommens für die Kita aufwenden wie finanziell besser gestellte Familien. Das geht aus der am 28. Mai von der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh veröffentlichten Erhebung „ElternZoom 2018“ hervor.
Zudem fallen die Gebühren für die Kindertageseinrichtungen je nach Bundesland stark unterschiedlich aus. Die finanzielle Belastung der Familien variiere nach Wohnort, kritisierte Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

Armutsgefährdete Eltern, die über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens verfügen, geben monatlich knapp zehn Prozent ihres gesamten Haushaltsnettoeinkommens – im Mittelwert 118 Euro – für die Kita aus. Bei Familien oberhalb der Armutsgrenze sind es 178 Euro – rund fünf Prozent ihres Einkommens. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bekräftigte das Ziel, schrittweise zu beitragsfreien Kitas zu kommen. Eine Gratis-Kita für alle würde nach Schätzungen der Stiftung 7,3 Milliarden Euro pro Jahr kosten – plus 8 Milliarden Euro für mehr Qualität.

Durchschnitt: 173 Euro im Monat zahlen Eltern für Kita

Unterscheidet man nicht nach „Arm und Reich“, ergibt sich aus der Studie folgendes Bild: Bundesweit geben Eltern 5,6 Prozent ihres Nettoeinkom-mens – 173 Euro – monatlich für die Kita aus. Aber: Die Beiträge schwan-ken laut Erhebung bei 90 Prozent der Eltern zwischen 30 und 390 Euro monatlich. Hinzu kommen Zusatzgebühren etwa für Mittagessen, Hygieneartikel oder Ausflüge von 45 Euro im Schnitt.
Die Ergebnisse der Befragung beruhen laut Bertelsmann auf zwei bundes-weit teilweise in Kooperation mit Infratest-dimap erhobenen separaten Befragungen von insgesamt rund 10 490 Eltern.

Die finanzielle Belastung sei ungerecht verteilt, bilanzierte die Stiftung. Es solle Beitragsfreiheit für alle armutsgefährdeten Familien eingeführt werden. Das würde geschätzte 730 Millionen Euro kosten. Die vielerorts geltende Staffelung der Elternbeiträge nach Einkommen reiche nicht. Unter einkommensarmen Eltern gaben 68 Prozent an, Kita-Beiträge zu entrichten. Oberhalb der Armutsrisikogrenze sollten künftig die Beiträge bundesweit einheitlich nach Einkommenshöhe berechnet werden, empfahl die Stiftung.

Wenn Eltern unterschiedliche Beiträge je nach Wohnort zahlen müssen, sei das ein Beleg dafür, „dass der Staat von der Erfüllung seines Auftrags, für gleiche Bildungschancen zu sorgen, weit entfernt ist“, kritisiert der Vorsit-zende des Bildungsverbands VBE, Udo Beckmann. Die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen (AFG) fordert, dass Familien nur gemäß ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit an den Kita-Kosten betei-ligt werden.

Ministerin Giffey betonte, frühkindliche Bildung sei ein Zukunftsthema für ganz Deutschland. Hohe Elternbeiträge könnten eine Hürde sein. Das Einkommen dürfe aber nicht darüber entscheiden, ob und wann Kinder in eine Kita gehen. „Eine zentrale Säule unseres Gute-Kita-Gesetzes ist deshalb der Einstieg in die Beitragsfreiheit.“ In dieser Wahlperiode sollten 3,5 Milliarden Euro des Bundes in die Kindertagesbetreuung fließen.

Reform notwendig, um regionale Unterschiede auszugleichen

Der Paritätische Wohlfahrtsverband forderte Beitragsfreiheit für einkommensschwache Familien. Eine Reform der Kita-Finanzierung sei notwendig, um regionale Ungleichheiten zu beenden. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) mahnte: „Gebührenfreiheit, zumindest aber Gebührengerechtigkeit, sind das Gebot der Stunde.“

Die 3,5 Milliarden Euro bis 2021 reichten bei weitem nicht aus, kritisierten AWO und Arbeiter-Samariter-Bund. Der Deutsche Städtetag wertete die Mittel als positiven Schritt, befand sie aber für viel zu knapp. Die Städte rechneten mit einer Mehrbelastung von über 10 Milliarden Euro jährlich, wenn man Empfehlungen einer Bund-Länder-Kommission zu Qualitätsverbesserungen umsetzen wolle.

Infratest-dimap hatte auch 1036 Eltern befragt, warum sie ihren Nachwuchs bis sieben Jahre nicht in eine Kita schicken. 20 Prozent begründeten das mit zu hohen Kosten. Beckmann mahnt: „Wenn wir bereits die Kleinsten verlieren, hat das verheerende Auswirkung auf deren Bildungsbiografie und damit auch auf die Zukunft der Gesellschaft.“

Kitas in Schleswig-Holstein am teuersten – in Berlin am billigsten

Laut Studie schlagen die Gebühren regional deutlich unterschiedlich zu Buche: Am meisten geben Eltern in Schleswig-Holstein mit 8,9 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Kita aus, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (7,8), Niedersachsen (7,3) und dem Saarland (7,2). Eher we-nig zahlen Familien in Berlin (2,0), Rheinland-Pfalz (4,0) und Hamburg (4,3). Das bevölkerungsreichste Bundesland NRW liegt – wie Bremen – mit 6,6 Prozent leicht über dem Bundesschnitt. Ähnlich sieht es in Hessen (6,7), Baden-Württemberg (6,5), Brandenburg (6,2), Thüringen (6,1) und Bayern (5,9) aus. Und innerhalb der Länder gibt es dann oft noch mal große Unter-schiede.

Qualität ist Eltern wichtig: Eine Mehrheit von 53 Prozent der einkommens-schwachen und 59 der finanzkräftigeren Eltern würde für mehr Personal und bessere Ausstattung auch höhere Beiträge akzeptieren.
Die Angaben der Studie beziehen sich auf die Kita-Betreuung – nicht Tagespflege – und hier jeweils auf die Kosten für das älteste Kind, wie eine Projektverantwortliche erläuterte.

Quelle: © dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH. Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Jegliche Nutzung von Inhalten, Texten, Grafiken und Bildern ist ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung der dpa unzulässig. Dies gilt insbesondere für die Verbreitung, Vervielfältigung und öffentliche Wiedergabe sowie Speicherung, Bearbeitung oder Veränderung.
Alle Rechte bleiben vorbehalten.

Foto: shutterstock



 

Teilen auf
Teilen auf Facebook