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Perspektiven
05.07.2018  Meike Sauerhering

Was Kinder wollen und warum wir darauf hören sollten

Mit ihrem Buch "Was Kinder wollen und warum wir darauf hören sollten", fügen die Autorinnen dem Diskurs um die Qualität in der frühkindlichen Bildung einen wichtigen – häufig vernachlässigten – Blickwinkel hinzu: Die Sicht der Kinder. Deutlich wird die Überzeugung, dass die Interessen und Bedürfnisse derjenigen in den Blick genommen werden müssen, für die die Angebote sind, um eine gute Qualität von Betreuungs- und Bildungsangeboten zu garantieren.
Valeska Pannier und Sophia Karwinkel ist es gelungen, namenhafte WissenschaftlerInnen sowie erfahrene PraktikerInnen als AutorInnen zu gewinnen. Ihrem Anspruch gemäß und besonders bereichernd ist es, dass zudem Kinder und ihre Meinungen durch Originalzitate oder Schilderungen von Beobachtungen sichtbar werden.

Ausgangspunkt der Veröffentlichung ist die Studie des DESI-Instituts im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung „Kita-Qualität aus Kindersicht“ (kurz: QuaKi) von Iris Netwig-Gesemann, Bastian Walther und Minste Thedinga (2017). Hier wurden knapp 80 Kinder aus sechs unterschiedlichen Kitas direkt dazu befragt was eine gute Kita ist. Aus den Aussagen dieser Kinder zwischen vier und sechs Jahren wurden Qualitätsdimensionen entwickelt. Auf diese beziehen sich Valeska Pannier und Sophia Karwinkel. Jedes Kapitel in ihrem Buch befasst sich mit einer dieser Dimensionen. Am Anfang jeden Kapitels wird die Sicht der Kinder selbst auf den entsprechenden Aspekt vorgestellt. Anschließend untermauern WissenschaftlerInnen diese durch akademische Erkenntnisse und es kommen jene zu Wort, die die Qualität vor Ort in ihrer täglichen Praxis umzusetzen haben: Erfahrene PraktikerInnen aus dem Bereich der Bildung, Betreuung und Erziehung. Interessant ist das Buch für alle, die im Feld der frühkindlichen Bildung und Erziehung tätig sind: für Fachkräfte in den Kitas, für Kita-LeiterInnen, für FachberaterInnen, Aus- und WeiterbildnerInnen usw. aber auch für Eltern.

Heike Kahl, die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, betont in ihrem Vorwort, dass sie mit dem Buch die „Überzeugung stärken [wollen], dass Kinder selbst wunderbar ausdrücken können, wie sie den Alltag in der Krippe, Kita oder Kindertagespflege empfinden, was ihnen guttut und was nicht. Wir möchten Sie [die LeserInnen] dazu ermutigen, immer öfter und immer wieder neu die Frage zu stellen: Was wollen Kinder? Wie können wir ihre Wünsche, Interessen und Bedürfnisse noch besser berücksichtigen? Und wie würde die Antwort der Kinder auf die Frage lauten: Was ist euch in eurer Kita wichtig?“ (S. 8).

Valeska Pannier plädiert einleitend für die Erweiterung des Qualitätsverständnisses um die Sicht der Kinder und beschreibt dieses als Entwicklungsaufgabe für das gesamte Feld. Das ist nicht nur notwendig, weil immer mehr Kinder einen immer größeren Teil ihrer frühen Lebenszeit in Kindertageseinrichtungen verbringen (S. 12), sondern auch weil es ein Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen gibt. Daraus entsteht beispielsweise die Notwendigkeit, fortlaufend die eigenen Vorstellungen von Kindheit oder die eigenen Verhaltensweisen zu hinterfragen, um Kindeswohl und Kindeswille den Platz einzuräumen, den sie benötigen (S. 13).

Die im Folgenden beschriebenen Qualitätsdimensionen wurden in der der erwähnten QuaKi Studie aus der Verdichtung des empirischen Materials abgeleitet.
 

Kinder wollen magische Momente erleben

Magische Momente für Kinder entstehen, wenn Regeln nicht immer eingehalten werden, wenn es auch einmal Ausnahmen oder Überraschendes gibt. „Wenn Kinder etwas scheinbar Unvernünftiges tun, erfüllt sie das mit großer Freude.“ (S. 16). Kindheit findet in der Gegenwart statt und zeichnet sich durch erfüllende, sinnliche Momente aus.

Regina Remsberger-Kehm untermauert diesen Befund theoretisch in ihrem Beitrag „Ausnahmen vom Alltag und Freiräume machen Kinder glücklich“ (S. 17 – 19). Das kindliche Spiel (das vertiefte und zuweilen auch von den Regeln und Vorstellungen der Erwachsenen abweichende), bietet den Raum für die Entwicklung physischer, kognitiver sowie sozial- emotionaler Fähigkeiten. Kinder sind besonders glücklich in Situationen, die sich vom Alltag unterscheiden: im Urlaub, bei Feiern und Festen, wenn sie (unbeobachtet von Erwachsenen) Zeit mit Freunden oder im Freien verbringen. Hier haben sie die Möglichkeit Freiräume außerhalb der von Erwachsenen gesteckten Grenzen zu erleben. Schenkt man dieser Erkenntnis Bedeutung, wird deutlich, wie wichtig es ist, die geltenden Regeln kontinuierlich zu hinterfragen: Dienen sie unserem Bedürfnis nach Ordnung, Struktur, Sicherheit und Ruhe? Trauen wir den Kindern zu wenig Handlungsfähigkeit zu oder handelt es sich tatsächlich um Regeln, die notwendig sind, das Zusammenleben zu ordnen und jede(n) in Sicherheit aufwachsen zu lassen, ohne seine oder ihre Entwicklungsmöglichkeiten zu hemmen? Gestehen Erwachsene Kindern Ausnahmen von Regeln zu, beweisen sie, dass ihnen die Kinder wichtig sind – nicht die Regeln. Damit es PädagogInnen gelingt, Kindern diese Räume zu öffnen, braucht es eine gute Beziehung zwischen ihnen und den Kindern, ein hohes Maß an Ruhe und Gelassenheit sowie eine einfühlsame Beobachtung und wertschätzende Kommunikation.

Yvonne Furrer berichtet, wie in ihrer Kita den Kindern ganz selbstverständlich ebensolche Freiräume gewährt werden (S. 20-21). Grundlage dafür ist es, dass alle KollegInnen die Haltung verinnerlicht haben, den Wünschen des Kindes nachzukommen. Es geht im Team darum, den „Kolleginnen den Rücken zu stärken, die sich für die besonderen Momente für die Kinder stark machen“ (S. 21), um die richtigen Signale zu setzen. Handlungsleitend, für manchmal auch schwierige Entscheidungen, ist die Frage: Was können wir den Kindern zutrauen?
 

Kinder wollen über sich selbst bestimmen

Kinder möchten sich von Erwachsenen ernst genommen fühlen, sie möchten die Regeln, die für sie gelten, verstehen und nachvollziehen können. Es ist wichtig, dass sie individuelle Mitwirkungs- und Entscheidungsspielräume erhalten. Denn „Kinder haben ein sehr gutes Gespür dafür, was ihnen im Moment guttut und was sie brauchen.“ (S. 22)

In vielen Situationen stellt sich für PädagogInnen die Frage, ob die kindliche Selbstbestimmung respektiert werden muss oder ob regulierend eingegriffen werden sollte – also wo verläuft die Grenze zwischen Willen und Wohl des Kindes? Das Recht des Kindes auf Selbstbestimmung und die Fürsorgeabhängigkeit kleiner Kinder stehen im Alltag pädagogischer Fachkräfte mitunter im Widerstreit. Entscheidungsgrundlage bietet es hier „Kinder als Subjekte an[zu]erkennen“, unterstreicht Jörg Maywald in seinem Beitrag (S. 25-27). Dessen Inhalte lassen sich wie folgt auf den Punkt bringen:
  • Kinder brauchen Freiräume, in denen sie sich als wirksam erleben.
  • Nur wenn Kinder an den sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden, ist Selbstbestimmtheit möglich.
  • Was kindgerecht ist, kann nur mit dem Kind gemeinsam herausgefunden werden.
Carolin Grehl beschreibt mit ihrem Praxisbeispiel, dass es wichtig ist, dass alle Kinder eine faire Behandlung erfahren – auch wenn sie mal aus der Reihe tanzen. Die Kinderrechte bilden in ihrer Einrichtung die Handlungsgrundlage. Die Selbstbestimmung der Kinder erfährt dort seine Grenzen, wo der Schutz der Kinder anfängt. Mitunter gelten andere Regeln im familialen Umfeld der Kinder als in der Einrichtung – hier gilt es für die professionellen Akteure eine Balance zwischen den Lebenswelten zu schaffen. Um sich zwischen all diesen Herausforderungen zurecht zu finden, sind „Offenheit und Reflexion [...] ständige Begleiter des Teams“ (S. 24).
 

Kinder wollen sich beteiligen und (mit-)entscheiden

Kinder nehmen sich als eigenständige und kompetente Personen war und möchten auch als solche anerkannt werden. Können Kinder ganz selbstverständlich (mit-)bestimmen, wird ihre Meinung gehört und berücksichtigt, vertrauen sie Erwachsenen eher und identifizieren sich mehr mit ihrer Einrichtung.

Raingard Knauer und Rüdiger Hansen beschreiben Partizipation als zentrales Moment pädagogischer Qualität (S. 29-30). Dabei bedeutet Partizipation den Kindern verlässlich Rechte auf Selbst- und Mitentscheidung einzuräumen. So werden Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglicht und Kinder gestärkt. Kinder erfahren sich als DemokratInnen. Die Beteiligung von Kindern ist national wie international in vielen Ländern gesetzlich festgeschrieben. Die Konzepte „Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita“ und „Kinderstube der Demokratie“ befassen sich damit wie Partizipation im Kita-Alltag umgesetzt werden kann. Dabei geht es darum, Partizipation strukturell zu verankern und auch in der PädagogInnen-Kind Interaktion zu verankern. Knauer und Hansen können aus diesem Zusammenhang berichten, dass es insbesondere für die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas eine Herausforderung darstellt, den Kindern durchgängig Beteiligungsmöglichkeiten einzuräumen. Partizipation ist jedoch kein Thema, das lediglich auf die Kinder zu beziehen ist, vielmehr ist es auch hinsichtlich der Eltern und der MItarbeiterInnen in den Einrichtungen zu denken.

Itta Schmidt unterstreicht aus ihrer Sicht als Fachberaterin wie wichtig die Selbstreflexion ist: Immer wieder zu fragen, warum ist jener Ablauf so gestaltet und an dieser Stelle diese Regel so formuliert – geht das auch anders, wird das den Kindern gerecht? Deutlich wird mit dem Beitrag, dass Fachkräfte Macht über die Abläufe haben, das bedeutet – auch die Macht die Abläufe zu verändern.

Kinder wollen erfahren, dass sie etwas können

Kinder erfahren sich als selbstwirksam und kompetent wenn sie ihre eigenen Ideen umsetzen, eigene Pläne verwirklichen und eigene Ziele erreichen können. Das sind wertvolle Momente für das Kind und seine Entwicklung.

Klaus Fröhlich-Gildhoff und Maike Rönnau-Böse beschreiben in ihrem Beitrag „Über das Selbstwirksamkeitserleben“ (S. 34-36) was Selbstwirksamkeitserfahrungen ausmacht und warum sie besonders wichtig für die kindliche Entwicklung sind. Kinder benötigen Rückmeldungen über ihr Handeln. „Loben ist hilfreich, sollte aber sehr zielgerichtet und prozessbezogen erfolgen.“ (S. 34) Positive Rückmeldungen und Spiegelungen ihres Handelns tragen zur Stärkung des Selbstwirksamkeitserlebens bei. Dieses wiederum steht in engem Zusammenhang mit dem eigenen Selbstwertgefühl. Die Autoren unterstreichen, dass kein besonderes Programm notwendig ist, denn „Selbstwirksamkeit lässt sich in nahezu jeder Alltagssituation stärken, wenn die Bezugsperson sensibel für diese wichtige Entwicklungsdimension ist.“ (S. 36) Wie – das wird in den Beschreibungen von Gabriele Schulze und Jaqueline Gawitter ihrer Praxis deutlich (S. 37-38). Dort ist es für die Kinder normal, dass auch einmal etwas schiefgehen kann. So haben sie die Möglichkeit aus Fehlern zu lernen und Misserfolge zu bewältigen. Um einschätzen zu können, ob die Kinder sich in Gefahr bringen, oder ihr Tun noch okay ist – werden sie genau beobachtet. Die Praktikerinnen schildern in ihrem Beitrag aber auch, dass es zuweilen Überwindung kostet, nicht zu früh einzugreifen und dass das „Nichteingreifen“ auch mit Gefühlen des Kontrollverlusts einhergehen kann. Hier sind Vertrauen und offene Kommunikation entscheidende Stellschrauben im Team.

Kinder wollen die Welt um sich herum verstehen

„Kinder sind neugierig, voller Entdeckergeist und wollen ihre Umwelt erforschen – und zwar am liebsten erst einmal auf eigene Faust.“ (S. 39) Sie wollen und können schon gut selbst entscheiden, welcher Idee sie gerade nachgehen wollen.

Frauke Hildebrandt erläutert in ihrem Beitrag „Wie Kinder lernen“ (S. 42-44). Dieses setzt bei der kindlichen Neugier an, ist nicht vorstrukturiert und folgt demnach nicht immer einer bestimmten (erwachsenen) Logik. Lernen beschreibt sie als einen Prozess, bei dem eigene Theorien permanent gebildet und immer wieder überprüft werden. Für das Lernen der Kinder nehmen Erwachsene eine entscheidende Rolle ein. Denn scheinbar nehmen Kinder unbewusst an, dass Erwachsenen ihnen die relevanten Aspekte vermitteln – so folgen sie in der Auseinandersetzung mit Dingen oft dem Beispiel der Erwachsenen. Setzen sie sich hingegen ohne Vorinformationen mit einem Gegenstand auseinander, untersuchen sie diesen deutlich umfassender (S. 43). Dennoch benötigen Kinder Erwachsene als Gesprächspartner, die ihre Gedanken und Ideen teilen und ihr Wissen an Kinder weitergeben.

In ihrem Beitrag mit Fokus auf das Forschen in einer Lernwerkstatt (S. 40-42) hinterfragen Corinna Heitmann, Karin Bode-Bock und Petra Schmid verschiedene Situationen, um herauszufinden, ob es gerade gilt das Kind zu unterstützen und zu bestärken oder auch einmal ob es gilt es zu beschützen.
 

Kinder wollen sich bewegen und ihren Körper ausprobieren

Kinder scheuen beim Austesten ihrer körperlichen Grenzen in der Regel keine Schwierigkeiten und Anstrengungen. Bewegungssituationen, bei denen Kinder sich als selbstwirksam erleben können, sind entscheidend für ihre Entwicklung.

Renate Zimmer beschreibt in ihrem Beitrag „Sich frei und raumgreifend bewegen“ (S. 46-48) die Bewegung als das kindliche Entwicklungsmoment. Dabei führen Bewegungserlebnisse einerseits zur Sensibilisierung der Körperwahrnehmung, andererseits wird auf dieser Basis auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufgebaut (S. 46). Eng verbunden ist dieses damit, dass das Kind den Moment intensiv erlebt und es sich als Verursacher einer Reaktion erfährt – es entsteht ein Gefühl subjektiver Kontrolle, so kann es sich als kompetent erleben (S. 47). Aber auch hier sind die Erwachsenen wieder entscheidende Personen, denn Kinder spüren was man ihnen zutraut. Mit besonderem Blick auf Bewegungsaktionen unterstreicht Angnieszka Moczadlo in ihrem Praxisbeispiel (S. 49-50) wie wichtig der reflektierte Umgang mit Regeln ist. Sind die aufgestellten Regeln tatsächlich notwendig? Dienen sie dem Schutz der Kinder oder schränken sie unnötigerweise deren Möglichkeiten sich und ihren Körper auszuprobieren ein?

Kinder wollen sich an unterschiedlichen Lebensorten auskennen

Kinder sind ExpertInnen für ihre Kita, sie kennen sich dort gut aus, möchten aber auch umfassend informiert werden. Sie möchten ernst genommen werden in dem was sie wissen und können (S. 51).

Welche Entwicklungsprozesse Kinder durchlaufen, wenn sie sich Räume und die Umgebung aneignen, erläutern Claus Stieve und Nick Klapproth (S. 52-54). Räume werden zunächst nicht durch kognitives Nachdenken erschlossen, sondern durch leibliche Orientierung (S. 52). Sich Auskennen lernen bedeutet somit leibliches Wissen zu erwerben (S. 54). Die Raumaneignung vollzieht sich Schrittweise, in der Regel werden zunächst die nahen Orte erschlossen, nach und nach wird der Erfahrungsraum immer weiter ausgedehnt. Insbesondere die Entdeckung weit entfernter Räume wie beispielsweise der ‚dunkle Kellerraum‘ ist mit einer intensiven Emotionalität verbunden (S. 53). Räume stehen jedoch nicht nur für sich und sind attraktiv, weil sie vielleicht noch recht unbekannt sind, vielmehr wird ihr ‚Wert‘ auch durch Tätigkeiten und Personen bestimmt, die ihm zugeordnet werden. Wie zum Beispiel die Küche dem leckeren Essen und der freundlichen Köchin. Wobei Kinder die Bedeutung, die Räumen von Erwachsenen zugewiesen werden, durchaus ausdehnen – man denke an die vielfältigen Spielmöglichkeiten, die Wasch- und Toilettenräume bieten.

In dem Kontext ‚Raumaneignung‘ unterstreicht Monika Becker mit ihrem Blick in die Praxis (S. 55-56) wie wichtig es ist, dass ErzieherInnen sich zurücknehmen, damit Kinder Raum einnehmen können.

Kinder wollen Gemeinschaft und Zusammenhalt erleben

Auf das Erleben von Gemeinschaft und Zusammenhalt üben die Rhythmisierung des Alltags sowie ritualisierte Abläufe einen positiven Effekt aus. Kinder erleben sie positiv und gestalten sie mit Freude mit wenn sie nicht zu starr sind.

Anna Adolphie schildert, welche Rituale Kindern im Kita-Alltag gut tun (S. 58-60) und Jörn Borke beschreibt, warum Rituale für Kinder wichtig sind (S. 61-63). Dabei betont er, dass Rituale handelnd vollzogen werden – also mit Sinneseindrücken verbunden sind. Sie tragen der Gemeinschaftsbildung bei, da es gemeinschaftlich vollzogene Handlungen sind. Rhythmisierung und Rituale unterstützen die kindliche Entwicklung, weil sie der Struktur des Gehirns als „Regelsuchmaschine“ (S. 61) entsprechen. Rituale helfen Kindern Eindrücke zu ordnen und wiederzuerkennen. Das unterstützt die kognitive Entwicklung. Rituale geben Sicherheit und vermitteln kulturelle Gepflogenheiten und unterstützen so die Entwicklung sozialer Fähigkeiten. Dennoch müssen sie variiert werden und den Kindern Möglichkeiten zur Selbstbestimmung lassen, um nicht uninteressant zu werden. (S. 63)
 

Kinder wollen ungestört spielen

Kinder benötigen geheime und versteckte Orte, an denen sie von Erwachsenen unbeobachtet spielen können. Hier werden Grenzen ausgestet und Regeln des sozialen Zusammenseins erprobt.

Dass der Wald besondere Möglichkeiten des Rückzugs bietet schildert Claudia Dawidow mit ihrem Blick in die Praxis eines Waldkindergartens (S. 65-66).

Den „Kindliche[n] Entwicklungsprozesse an ‚geheimen Orten‘“ widmen sich Sonja Perren, Barbara Weiss, Ann-Kathrin Jaggy und Carine Burkhardt Bossi (S. 67-69). Die Suche nach diesen Orten entsteht aus dem Bedürfnis der Kinder, ihre Spielbereiche auszuweiten. An versteckten Orten können Kinder Regeln des Zusammenlebens ohne die direkte Kontrolle von Erwachsenen erproben. Mitunter kommt es dabei aber auch zu Situationen, in denen Kinder ausgeschlossen werden. Hier können Konflikte zwischen verschiedenen Kindern oder Kleingruppen auftauchen. Somit können in diesen versteckten Räumen pädagogische Herausforderungen entstehen.

Kinder wollen anerkannt werden – so individuell, wie sie sind

„Für Kinder ist es wichtig nicht nur ein Teil der Kindergruppe zu sein: Sie sind einzigartige Subjekte und wollen als solche wahr- und ernstgenommen werden.“ (S. 70)

Diese These wird von Petra Völkel theoretisch untermauert (S. 71-73). Die Ich-Entwicklung von Kindern erfolgt im Spiegel von Anderen – sowohl Gleichaltriger als auch in besonderem Maße erwachsener Vorbilder. Als besonders günstig für die Ich-Entwicklung hat sich ein partizipativ-autoritativer beziehungsweise demokratischer Erziehungsstil erwiesen. Hier können Kinder sich als selbstwirksam erleben und erhalten Rückmeldungen zu sich und ihrem Verhalten. Ausgangspunkt dabei ist die ressourcenorientierte Beobachtung, die insbesondere im professionellen pädagogischen Kontext von außerordentlicher Bedeutung ist. Jedes muss Kind wertschätzende Rückmeldungen zu seiner Person erhalten. Wie das in der Praxis gelingen kann, beschreibt Ursula D‘Almeida-Deupmann (S. 74-75).

Abschließend wird ein Blick in die Kindertagespflege geworfen. Diese war nicht Gegenstand der Quaki-Studie, dennoch lassen sich aus den dort entwickelten Qualitätsdimensionen auch für dieses Praxisfeld Schlussfolgerungen herleiten (S. 76-78).

Zudem hält das Buch unterschiedliches Praxismaterial (wie Reflexionsfragen, Gesprächsleitfäden, pointierte Argumentationen für Eltern und Träger und weiterführende Literaturtipps) bereit und hat so einen direkten Nutzen für die Kita-Praxis. All jene, die sich auf den Weg machen wollen der Sicht der Kinder mehr Bedeutung beizumessen, können hier fündig werden.
 
  • Pannier, V., Karwinkel, S. Hg. (2018): Was Kinder wollen und warum wir darauf hören sollten. Argumente und Anregungen für eine kindorientierte frühe Bildung. Verlag das Netz. Weimar


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