Welche Hilfe ist nötig? Welche Hilfen sind möglich? Beispiele von Kindeswohlgefährdung aus der Praxisbegleitung für Tagespflegepersonen
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Kinderschutz
08.08.2018  Bärbel van Dawen

Beispiele von Kindeswohlgefährdung aus der Praxisbegleitung für Tagespflegepersonen

Bärbel van Dawen leitet seit vielen Jahren Gruppen zur Praxisbegleitung für Tagespflegepersonen an unterschiedlichen Orten. Hier können im geschützten Rahmen Situationen aus dem Alltag in der Kindertagespflege besprochen werden, in denen Tagesmütter und -väter sich fragen, ob möglicherweise eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, ob sie aktiv werden müssen – und wenn ja wie.

 Hier schildert sie zwei Situationen aus solchen Beratungsrunden: Gespräche über Einzelfälle mit dem Verdacht einer Kindeswohlgefährdung. Es geht um folgende Fragestellungen: Welche Hilfe ist nötig? Welche Hilfen sind möglich? Wir übernehmen den Beitrag von Bärbel van Dawen aus ZeT 4/2018 (Zeitschrift für Tagesmütter und -väter) mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
 

Tagesmütter und -väter haben in der Regel ein gutes Gespür dafür, ob es in der Familie ihrer Tageskinder gerade nicht so rund läuft, ob man sich um ein Kind Sorgen machen muss, ob es rund um Fragen der Entwicklung oder Erziehung im Elternhaus Schwierigkeiten gibt. Oft liegen solche Situationen im „grauen Bereich“, und es ist nicht immer leicht zu erkennen, ob eine Situation noch akzeptabel ist oder eingegriffen werden muss. In den Gruppen zur Praxisbegleitung für Tagespflegepersonen, die ich leite, können Fragen wie „Was könnte möglicherweise passieren? Was kann ich tun? Welche Hilfsangebote gibt es?“ aufgeworfen und beantwortet werden. Das gemeinsame genaue Hinschauen in der Beratung ist hilfreich, um zu erkennen: Liegt hier eine vorübergehende oder dauerhafte besondere Stresssituation und/oder Überforderung vor? Was liegt noch im „Normbereich“ und was geht darüber hinaus? Eine vertraute Gruppe und eine entsprechend geschulte Ansprechpartnerin können helfen, Gefühle und Gedanken auszusprechen, ohne schon eine Meinung vertreten oder eine Haltung einnehmen zu müssen.

 

 

Erstes Beispiel: Ein Tageskind braucht sehr viel Nähe – die Mutter ist mit dem Baby überfordert

Tagesmutter Anna (alle Namen geändert) kam emotional sehr aufgebracht in die Praxisbegleitung: „Ich habe heute ein Thema. Diese Mutter kümmert sich nur um ihr Baby, sie trägt es den ganzen Tag im Tuch und kümmert sich gar nicht um Pepe, dabei ist der noch so klein und braucht auch seine Mutter!“ Ausführlich schildert Anna, wie sich die Mutter zu Pepe verhält, es gebe keine liebevolle Begrüßung, nur eine grobe Ansprache: Mach voran, wir müssen los, trödle nicht so herum und hör auf mit dem Gejammer. Sie habe keinen Körperkontakt zu Pepe. Der ziehe dann mit gesenktem Kopf mit der Mutter los. „Und das geht seit mehreren Wochen so! Mir tut der Pepe so leid. Er sitzt morgens in der Ecke, spielt nicht richtig und ich darf den Raum nicht verlassen. Glücklich ist er nur, wenn er dann auf meinen Schoß sitzt. Der ist doch zwei Jahre alt, da sollte er schon selbstständiger sein. Der Höhepunkt war: Als ich der Mutter angeboten habe, nach der Tagespflege mal auf das Baby aufzupassen, damit sie mal etwas Zeit nur mit Pepe hat, meinte sie nur, dann lasse ich beide bei dir und habe endlich mal etwas Zeit für mich.“ Die Diskussion unter den Tagesmüttern ging los: Ist dies Egoismus oder ein Zeichen von Überforderung?

Nachdem Anna erstmals alles, was sie beschäftigt, ausgesprochen hatte, gingen wir daran, die Situation näher zu betrachten. Die Mutter zeigte nach der Geburt des zweiten Kindes ein verändertes Verhalten Pepe gegenüber und dies dauerte nun schon einige Zeit. Anna schilderte, wie sich das Verhalten der Mutter schleichend verändert hatte und sie selbst nicht genau wusste, ab wann sie es bemerkte. Pepes Verhalten in der Tagespflege bereitete ihr Sorgen, da er bislang ein fröhliches Kind gewesen war und auch gern mit den anderen Kindern gespielt hatte. Es ist normal, so Anna, dass Kinder ihr Verhalten verändern, wenn ein Geschwisterchen da ist, das hat sie schon oft erlebt. Bei Pepe sei dies jedoch sehr ausgeprägt. Er klammert jetzt oft, sucht ihre Nähe und spielt kaum. Sie nimmt ihn dann oft auf den Schoß und schaut ein Bilderbuch mit ihm an. Dies macht er gerne, doch Tina und Esther (zwei andere Tagesmütter) haben auf dem Spielplatz Bemerkungen gemacht im Sinne von „Der könnte mal selbstständiger werden“.

In unserem Gespräch ging es dann zunächst um Pepe: Pepe sucht die Nähe zur Tagesmutter, er braucht sie als sicheren Hafen, auch, um seine Gefühle zu zeigen. Es geht ihm zurzeit nicht gut und die Tagesmutter hilft ihm durch ihre Nähe – Anna reagiert auf sein Bedürfnis nach Bindung.

Und die Mutter? Durch Nachfragen wurde klar, dass Anna einige Informationen zu ihr hatte: Das Baby ist sehr unruhig und deshalb trägt sie es viel im Tragetuch, nur dort ist es ruhig. Der Vater ist beruflich sehr belastet und zudem über mehrere Wochen auf einer Dienstreise. Ein familiäres Unterstützungssystem ist vor Ort nicht vorhanden und kann auch nicht aktiviert werden.

Die Praxisbegleitung der Tagespflegepersonen findet in den Räumen der Familienbildung statt. Diese Familienbildungsstätte gehört zu einem Familienzentrum und eine Mitarbeiterin ist Mitglied in dem Arbeitskreis Frühe Hilfen in diesem Stadtteil. Im Arbeitskreis geht es um die Vernetzung und Koordinierung der Hilfsangebote für junge Familien, angefangen von den Familienhebammen über diverse Beratungs- und Unterstützungsangebote bis hin zu offenen Treffs und Gruppenangeboten. Die entsprechenden Informationen und Broschüren liegen dort aus.

Wir sprachen dann über die Situation der Mutter: Was könnte ihr weiterhelfen? Das Unterstützungsangebot „Guter Start ins Leben“ wurde erläutert: Hier kann eine Mutter sich an die Koordinatorin wenden, dann kommt eine geschulte Ehrenamtlerin nach Hause und gemeinsam wird besprochen, wo und wie Unterstützung möglich ist. Wenn diese Hilfe nicht ausreicht, gibt es ein Gespräch zwischen Koordinatorin und Ehrenamtlerin und danach mit der Familie, um eventuell auf weitere Hilfsangebote aufmerksam zu machen und sie zu vermitteln.

Annas Eindruck war, dass die Mutter mit dem Baby überfordert ist. Ich machte sie mit dem im Stadtteil vorhandenen kostenfreien Beratungsangebot einer Familienbildungsstätte bekannt, das Eltern von Babys mit besonderen Bedürfnissen, die beispielsweise Schwierigkeiten beim Beruhigen und Schlafen oder andere sogenannte Regulationsschwierigkeiten haben, in Anspruch nehmen können. Einige der Tagesmütter hatten schon von diesem Angeboten gehört. Anna nahm die entsprechenden Infoblätter und Broschüren mit, um sie der Mutter zu geben.

Vier Wochen später fragten wir: „Wie geht es dir mit Pepe und seiner Mutter?“ Anna berichtete, dass die Mutter etwas entspannter geworden sei, sie habe die Angebote und Hinweise mitgenommen und sich bedankt. Zu „Guter Start ins Leben“ ist sie hingegangen und fand die Unterstützung für die Zeit, in der ihr Mann auf Dienstreise ist, sehr hilfreich. Von der Beratung erzählte die Mutter nicht direkt, jedoch machte sie eine Bemerkung, aus der Anna schließen konnte, dass die Mutter sie in Anspruch genommen hatte. Pepe brauchte sie immer noch sehr stark in der Tagespflege, die Beziehung zwischen Mutter und Kind hatte sich aber verbessert. Anna wurde von den Kolleginnen darin bestärkt, ihrem Gefühl zu trauen und Pepe die Zuwendung zu geben, die nach ihrer Auffassung gut

für ihn ist. Gemeinsam überlegte die Gruppe auch, was gewesen wäre, wenn die Mutter die Hinweise zu den Hilfsangeboten von Anna nicht erhalten hätte.

 

 

Zweites Beispiel: Ein Tageskind ist zuhause nicht gut versorgt

Dilara betreute drei Kinder in ihrer Tagespflegestelle. Eines davon war ein Säugling, ein elf Monate altes Kind einer minderjährigen Mutter, die durch den Allgemeinen Sozialdienst unterstützt wurde. Der Vater des Kindes lebte nicht mit der Mutter zusammen. Alle zwei Wochen war der Säugling am Wochenende bei ihm. Montags brachte dann der Vater das Kind zur Tagesmutter, war dabei immer kurz angebunden und verließ schnell die Tagespflege. An einem Montagmorgen war Dilara über das Aussehen des Kindes erschrocken, die Haut war sehr blass und auch etwas faltig. Sie gab dem Kind sofort etwas zu trinken und gleich noch eine zweite Flasche. Danach zog sie es aus. Die Kleidung roch abgestanden und die Windel schien auch längere Zeit nicht gewechselt worden sein. Die anderen beiden Tageskinder brauchten aber auch ihre Aufmerksamkeit und als in der Mittagszeit die Kinder schliefen, wurde ihr die Tragweite der Beobachtungen am Vormittag bewusst. Sie griff zum Telefon und konnte den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) sowie die Großmutter des Säuglings erreichen und die Situation schildern. Die Oma, die nach Beobachtungen von Dilara die eigentliche Bindungsperson des Kindes war, kam, um den Säugling abzuholen. In Absprache mit der jungen Mutter und der Großmutter wurde Dilara in die Beratung durch den ASD miteinbezogen, um den Hilfebedarf für den Säugling und seine Mutter zu klären. Endlich gab es auch einen „Beweis“ für das nicht angemessene Verhalten des Vaters.

Dilara hat diese Situation sehr lange beschäftigt. Zwar hatte sie spontan dem Kind helfen können, als es dringend Flüssigkeit brauchte. Aber sie beschäftigte sehr, was noch alles beim Vater hätte passieren können. Es half ihr, all dies noch einmal in einer vertrauten Runde zu erzählen und von den anderen dabei bestärkt zu werden, mit Begleitung auch durch den ASD ihre Aufgabe als Tagesmutter mit dieser besonderen Familie gut bewältigen zu können.

Quelle: ZeT (Zeitschrift für Tagesmütter und -väter) 4/2018, Seite 8-9

Foto: Fotolia Oksana Kuzmina

 

 



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