Voehringer, Isabel_Interview_Intelligenzdiagnostik
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Intelligenzdiagnostik ab dem Alter von drei Jahren

Ist mein Kind hochbegabt?

Dr. Isabel Vöhringer-Trabitz leitet die Begabungspsychologische Beratungsstelle der Kleine Füchse Raule-Stiftung in Wiesbaden und führt dort altersgerechte Intelligenzdiagnostiken mit Kindern ab 3 Jahren durch. Im Interview erklärt die promovierte Psychologin, warum es wichtig ist, Hochbegabung und besondere Begabungen bereits im Vorschulalter zu erkennen und was Erzieher und Erzieherinnen tun können, um Kinder begabungsgerecht zu fördern und zu fordern.

Julia Bröder

Julia Bröder: Frau Dr. Vöhringer-Trabitz eine Intelligenzdiagnostik mit 3 Jahren – ist das nicht ein bisschen früh?

Frau Dr. Vöhringer-Trabitz : Kinder kommen mit kognitiven Potenzialen zur Welt, sie entwickeln ihre Intelligenz nicht erst im Leistungsvergleich, zum Beispiel wenn sie in die Schule kommen. Daher ist es durchaus sinnvoll, bereits im Kindergartenalter auf eine mögliche Hochbegabung oder besondere Begabung zu achten und diese gegebenenfalls auch mithilfe eines altersgerechten Intelligenztests zu diagnostizieren. Denn hochbegabte und begabte Kinder haben besondere Bedürfnisse, auf die es einzugehen gilt.

Sie sprechen von Hochbegabung und besonderen Begabungen. Wann genau gelten Kinder als hoch- beziehungsweise besonders begabt?

Menschen mit einem Intelligenzquotienten von 130 und mehr sind hochbegabt. Sie gehören zu den klügsten 2 Prozent unserer Gesellschaft. Ab einem Intelligenzquotienten von 120 sprechen wir von besonderen Begabungen. Diese kommen bei weiteren 8 Prozent vor. In beiden Fällen kann das Begabungspotenzial bestimmte Bereiche besonders betreffen, etwa die Sprache oder das logische Denken.

Wie äußern sich Hochbegabung und besondere Begabungen?

Hochbegabung wird leider oft mit sozialer Inkompetenz in Verbindung gebracht. Das seien doch nur verzogene Kinder von reichen Eltern, die sich nicht benehmen können – Vorurteile wie diese hören wir immer wieder. Zuallererst sollte man sich aber klar machen, dass hochbegabte Kinder genauso unterschiedlich sind wie alle anderen Kinder auch. Sie zeichnen sich schließlich nicht rein durch ihren IQ aus, sondern sind kleine Persönlichkeiten mit einem eigenen Charakter. Da Hochbegabung über intellektuelle Fähigkeiten definiert ist, sind es vor allem kognitive Merkmale und deren Ausdruck im Verhalten, die auf eine Hochbegabung hinweisen können. Die Kinder sind kognitiv sehr leistungsfähig, interessieren sich für Spiele, die eigentlich für Ältere vorgesehen sind, stellen früh Fragen, die auch Erwachsene an ihre Grenzen bringen, und sind sprachlich weiter als ihre Altersgenossen. Dieser „Vorsprung“ ist für die Kinder nicht immer leicht. Sie haben oft ein starkes Moralbewusstsein, legen viel Wert auf Regeln und deren Einhaltung und sind schnell frustriert, wenn es nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben. Auch psychosomatische Schmerzen wie häufiges Bauch- oder Kopfweh können Anzeichen dafür sein, dass eine Hochbegabung vorliegt, auf die bisher nicht richtig eingegangen wird.

Wie können Erzieher und Erzieherinnen auf diese ersten Anzeichen reagieren?

Am wichtigsten ist auch für hochbegabte Kinder, dass sie mit ihren Bedürfnissen gesehen werden. Das funktioniert nur, wenn die Erzieher und Erzieherinnen über das entsprechende Wissen verfügen und sich optimaler Weise auf dem Gebiet der Hochbegabung fortgebildet haben. In der Grundausbildung kommt das Thema bisher leider viel zu kurz. Hat das Fachpersonal in der Kita die Vermutung einer höheren Begabung, sollte es dies mit den Eltern besprechen. Eine gelebte Erziehungspartnerschaft ist hier ganz wichtig! Der nächste Schritt kann ein altersgerechter Intelligenztest sein. Dieser gibt den Erzieherinnen und Erziehern, vor allem aber auch den Eltern, Sicherheit darin, dass ein spezifisches Förderangebot ihr Kind nicht überfordert, sondern es auf seinem Leistungsstand abholt.

Wie sieht ein altersgerechter Intelligenztest genau aus?

Im Wesentlichen besteht er aus Knobelaufgaben und Rätselspielen – so könnte man ihn den Kindern auch im Vorfeld beschreiben. Bei uns dauert er in der Regel bis zu drei Stunden, und die eigentlichen Tests finden ohne Eltern statt. Zwischendurch gibt es mehrere Pausen. Meinen Kolleginnen und mir ist es sehr wichtig, uns diese Zeit zu nehmen. Denn nur, wenn die Familien sich wohl fühlen und die Kinder Vertrauen zu uns gefasst haben, können sie optimale Leistung zeigen.

Stichwort Leistung: Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, Hochbegabung und damit die besondere Leistungsfähigkeit eines Kindes schon so früh zu diagnostizieren? Immerhin steht am Ende eines Intelligenztests erst einmal eine Zahl. Inwiefern hilft diese dem Kind, seinen Eltern und Erziehern?

Das ist ein guter Punkt. Natürlich ist es mit der Feststellung des IQs nicht getan, aber sie dient als Erklärung und hilft Eltern und Erziehern, die besonderen Verhaltensweisen ihrer Kinder zu verstehen. Insgesamt sollte eine Intelligenzdiagnostik aber am Anfang eines begabungsgerechten Bildungswegs stehen, auf dem die Kinder individuell gefördert und gefordert werden. Wie gesagt: Kinder mit besonderen Begabungen haben besondere Bedürfnisse. Ebenso wie geistig beeinträchtige Kinder gehören sie einer Randgruppe an, die die Unterstützung ihrer Bezugspersonen, also ihrer Eltern und Erzieher, braucht. Es wird oft angenommen, dass hochbegabte Kinder bevorteilt sind und aufgrund ihrer Intelligenz ihre Talente von ganz alleine entdecken und entfalten. Diese einfache Annahme stimmt nicht!

Mit welchen konkreten Maßnahmen können begabte und hochbegabte Kinder in der Kita gefördert werden?

Hochbegabte Kinder haben altersuntypische Bedürfnisse. Erzieher und Erzieherinnen können sie in der „Altersrange“ steigen lassen. Sie können Brücken bauen zu Älteren, sodass Spielsituationen entstehen, in denen sich auch das hochbegabte Kind nicht unterfordert fühlt. Außerdem eignen sich beispielsweile naturwissenschaftliche Projekte wunderbar, um auf die unterschiedlichen Begabungspotenziale in einer Kita-Gruppe einzugehen. Ein Beispiel wäre das beliebte Raupen-Züchten. Hier können sich die Kinder gemäß ihren Begabungen einbringen – die einen können die Raupe beobachten und füttern, die anderen malen sie und wieder andere messen und wiegen sie jeden Tag und führen ein kleines Forschertagebuch. Von diesem begabungsorientierten Ansatz profitiert dann die ganze Einrichtung.

Die Kleine Füchse Raule-Stiftung bietet für Erzieher und Erzieherinnen eine Fortbildung zur „Begabungspädagogischen Fachkraft Kleine Füchse“ an. Wie ist diese aufgebaut und welche Inhalte werden vermittelt?

Die zertifizierte Fortbildung findet an sechs Tagen über ein halbes Jahr statt und legt neben fundierter Wissensvermittlung großen Wert auf Praxis. Die Referenten bringen den Teilnehmern grundlegende Kenntnisse zum Thema Hochbegabung und Begabtenförderung nahe, geben ihnen aber auch praktische Beobachtungs- und Anwendungsmethoden an die Hand. Teil der Fortbildung ist beispielsweise ein Projekt, das die Teilnehmer in der eigenen Kita durchführen und am Ende dem Plenum vorstellen.

Warum lohnen sich diese Investitionen?

Unsere Fortbildung fängt auf, was in der Hauptausbildung von Erziehern und Erzieherinnen noch zu stiefmütterlich behandelt wird. Wir wollen nicht nach einer besonderen Elite suchen oder den Blick nur auf die Klügsten richten – vielmehr sehen wir Hochbegabtenförderung als einen von vielen Bausteinen in der frühkindlichen Pädagogik. Wir möchten Erzieher und Erzieherinnen das nötige Rüstzeug geben, um Kinder integrativ und inklusiv so zu begleiten, dass sie ihre Talente voll entfalten und sich zu starken, vor allem aber auch zu zufriedenen Persönlichkeiten entwickeln.

 

Weitere Informationen unter www.stiftung-kleine-fuechse.de

 

Von Julia Bröder • 22.11.2018

„Hochbegabtenförderung ist ein wichtiger Baustein frühkindlicher Pädagogik!“ Dr. Isabel Vöhringer-Trabitz

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