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Kindliches Übergewicht und Adipositas

Fast täglich sind in den Medien Beiträge über übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche und deren Probleme im Alltag zu sehen.

Jutta Häuselmann

Es stellt sich die Frage, ob die Präsenz der Problematik Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft wirklich deutlich zunahm oder uns dies durch Medienstrategien der einzelnen Sendeanstalten suggeriert wird. Betrachtet man die Ergebnisse von 2020 erhobenen Fitnessbaraometer 2020 der Kinderturnstiftung Baden Württemberg, wird allerdings die alarmierende Wahrheit deutlich.

 

Die repräsentative Studie ergab, dass von circa 23000 ausgewählten Kindern 12,6 % der Kindergarten- und Grundschulkindern, von drei bis zehn Jahren, an Übergewicht leiden. 5,2 Prozent der I-Dötzchen sind adipös. Das Körpergewicht wird mithilfe des BMI (Body- Mass- Index) beurteilt. Dieser wird aus Gewicht und Größe berechnet und eignet sich sehr gut, um den Schweregrad des Übergewichts einteilen zu können. Die Anwendung des BMI bei Kindern wird bereits international akzeptiert. (Vgl. Häuselmann 2016, Seite 3)

 

Die Ursachen und die Krankheitsentstehung der Adipositas sind komplex.  Grundsätzlich ist sie eine Folge einer Energieimbalance, das heißt, dass die Energieaufnahme den Energieverbrauch, über einen längeren Zeitraum hinweg, übersteigt.

 

In Dänemark haben Forscher eine Untersuchung mit Adoptivkindern gemacht. Sie verglichen das Gewicht der Adoptivkinder mit ihren leiblichen Eltern und mit ihren Adoptiveltern. Sie fanden heraus, dass Essgewohnheiten, Vorbildfunktion und Nahrungsangebot von den Adoptiveltern geprägt war. Von den leiblichen Eltern wurden nur die Gene mit auf den Weg gegeben. Das Ergebnis: Es gab keine Übereinstimmung mit den Adoptiveltern, aber eine hohe Übereinstimmung mit den leiblichen Eltern: die Gene hatten mehr Einfluss als das Erlernte.

 

Ein entsprechendes Ergebnis zeigte eine Untersuchung von getrennt aufwachsenden Zwillingen. Trotz unterschiedlicher Lebensbedingungen hatte sich das Gewicht der Zwillingspärchen sehr ähnlich entwickelt. Vererbung spielt also eine entscheidende Rolle. (Vgl. Kast- Zahn 1999, Seite 29)

 

Immer wieder kommen Stimmen auf, ob auch Hormonstörungen oder andere Erkrankungen für das Übergewicht verantwortlich sein können. Doch in weniger als ein Prozent aller Fälle sind es organische Ursachen, die mit Übergewicht einhergehen. (Vgl. Kolbe, Weyhreter 2003, Seite 27)

 

„In seltenen Fällen kann es durch Sauerstoffmangel oder Verletzungen zu Schäden in Gehirnbereichen kommen, die das Appetit- und Sättigungszentrum beeinflussen. Dies kann zu einer enormen Gewichtszunahme führen. Echte oder klassische hormonelle Störungen, die Fettsucht verursachen, wie Unterfunktion der Schilddrüse oder Mangel an Wachstumshormonen, sind sehr selten und können gut behandelt werden.“ (Kolbe, Weyhreter 2003, Seite 27)

 

Dagmar Knopf schreibt in ihrem Artikel „Müdigkeit macht hungrig“, dass Schlafmangel in das Neurone Kontrollsystem eingreift, indem er zum einen die Selbstkontrolle senkt und andererseits die attraktive Schokoladentorte für das müde Gehirn noch attraktiver erscheinen lässt, als sie sowie so schon ist. (Vgl. Knopf 44/2016, Seite 37) „Dreijährige, die zu wenig Nachtruhe bekommen, sind demnach im Alter von sieben Jahren häufiger übergewichtig als Kinder mit ausreichendem Schlaf.“ (Knopf 44/2016, Seite 37)

 

Manchmal kommt es vor, dass auch der Appetit seltsame Kapriolen schlägt. Vor allem negative Emotionen wie Stress, Einsamkeit, Trauer oder Langweile scheinen den Weg Richtung Kühlschrank zu bahnen. Comfort eating bezeichnen die Fachleute dieses Essverhalten. (Vgl. Tenzer 44/2016, Seite 14)

 

„Ernährungspsychologen sehen Probleme vor allem dann entstehen, wenn Betroffene keine Alternativen mehr haben, mit negativen Emotionen umzugehen. Dann kann dieses Essverhalten über Jahre hinweg praktiziert zu Übergewicht führen. Die Folgen gehen dann weit über ein bisschen „Kummerspeck“ hinaus.“ (Tenzer 44/2016, Seite 16)

 

Die Ursachen, wie Ärger mit den Eltern, in der Schule oder Freunden, werden durch die Naschattacken natürlich nicht beseitigt. Wer immer wieder mit dem Griff in die Chipstüte reagiert, anstatt die Schwierigkeiten anzusprechen oder die Situation aktiv zu verändern, verharrt in seiner Lage: Der nächste Konflikt und die nächste Essattacke sind programmiert. (Vgl. Tenzer 44/2016, Seite 16)

 

Die Filmemacherin Stephanie Soechtig meint, dass die Nahrungsmittelindustrie Schuld ist. Sie verkauft uns Essen, das Unmengen an Zucker enthält. So beinhalten 80% der 600000 Produkte, die es in amerikanischen Supermärkten zu kaufen gibt, beigesetzten Zucker. Mit massiver Lobarbeit und Einflussmaßnahme auf Politik und Wissenschaft gelingt es der Industrie, ihre Produkte weiter ohne große Hürden in den Markt zu drücken. Zwar ist der Film hauptsächlich ein den USA gedreht, vieles aber auf hiesige Verhältnisse übertragbar. Sehr berührend zeigt Soechtig, wie übergewichtige Kinder und ihre Familien sich mit Diäten herumquälen und doch nur gegen Windmühlen kämpfen. (Vgl. Soechtig  2015)

 

Physische und psychische Folgen der Adipositas

Das Übergewicht im Kindesalter bereitet noch keine akuten gesundheitlichen Probleme, dennoch sollte es ernst genommen werden. Denn mehr als die Hälfte der übergewichtigen Kinder werden zu dicken Erwachsenen, die ein stark erhöhtes Risiko für vielerlei Erkrankungen tragen. Das herausragende Gesundheitsproblem besteht in den Sekundär- und Folgeerkrankungen. Die folgende Abbildung fasst die wichtigsten Folgeerkrankungen zusammen. (Vgl. Warschburger, Metermann, Fromme 2005/ Mannhardt 2005/ Kolbe, Weyhreter 2003)

 

Kardiovaskuläres System: Metabolische und hormonelle Funktion: Gastrointestinales System:
  • Hypertonie,
  • koronare Herzkrankheit,
  • linksventrikuläre Hypertrophie,
  • Herzinsuffizienz,
  • venöse Insuffizienz. 
  • DiabetesMellitusTyp-II,
  • Dyslipidämien,
  • Hyperurikämie,
  • Respiratorisches System,
  • Pickwick-Syndrom.
  • Gallenblasenleiden/ Gallensteine,
  • Fettleber,
  • Refluxösophagitis
Bewegungsapparat: Neoplasien: Psychosoziale Beeinträchtigungen:
  • Gon-und Koxarthrose,
  • Wirbelsäulensyndrome,
  • Sprungelenksarthrose.
  • erhöhtes Risiko für Endometrium-, Zervis-, Prostata- und Gallenblasenkarzinom.
  • Hänseleien,
  • geringes Selbstwertgefühl,
  • Kontaktschwierigkeiten,
  • depressive Stimmung,
  • Schulprobleme.
Starke mechanische Beanspruchung: Haut: Späte Konsequenzen:
  • Asthma,
  • Atemprobleme,
  • Schlafapnoe,
  • eingeschränkte Sporttauglichkeit.
  • Hauterkrankung (Intertrigo),
  • Hirsituismus,
  • Striae.
  • Adipositas bis ins Erwachsenenalter mit all ihren Folgen.

 

Was aber hilft, wenn es so weit ist? Eine Diät allein führt nicht weiter. Sie kann die Symptome sogar verschlimmern Durch den erzwungenen Verzicht auf Nahrungsmittel wird die Stimmung der Kinder oft weiter verschlechtert, was wiederum den Appetit auf die geliebten Snacks steigert. Vielmehr kommt es darauf an, dass die Kinder Alternativen an die Hand bekommen, um ihre Emotionen zu regulieren. (Vgl. Tenzer 44/2016, Seite 18)

 

Wann eine Therapie notwendig wird, entscheiden die behandelnden Ärzte, die das Kind betreuen. Die Ärzte prüfen dazu nicht nur das Gewicht oder den BMI. Es muss festgestellt werden, ob für das Kind ein höheres Risiko für bestimmte Erkrankungen vorliegt, das Übergewicht bereits zu Krankheiten geführt hat und ob vielleicht Krankheiten das Übergewicht verursacht haben. Abnehmen muss nicht immer sein.

 

Manchmal reicht es, wenn das Kind das Gewicht hält und es im Laufe der Zeit auswächst. Oft sind auch nur ein paar kleine Änderungen beim Essen oder etwas mehr Bewegung notwendig. Manchmal empfiehlt der Arzt eine Teilnahme an einem Programm für übergewichtige Kinder und Jugendliche. Wenn das Kind auf ärztlichen Rat das Gewicht halten oder abnehmen soll, braucht es die Unterstützung der Eltern. Manchmal reicht das nicht aus. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das gilt besonders, wenn sich das Kind zwar bemüht sein Gewicht im Griff zu behalten, es aber trotzdem weiter zunimmt.

 

In Deutschland gibt es verschiedene Therapieprogramme und Therapieansätze zur Behandlung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Fachleute wie Ärzte und Ärztinnen, Ernährungsberaterinnen und -berater, Psychotherapeutinnen und -therapeuten bieten Programme für übergewichtige Kinder an. Aber auch Organisationen wie Krankenkassen, Verbraucherzentralen, Volkshochschulen, Vereine oder Gesundheitsämter, Kliniken und Universitäten führen Behandlungsprogramme für übergewichtige Kinder und Jugendliche durch.

 

Manche Programme sind am Wohnort des Kindes und bequem zu erreichen. Dies sollte aber nicht der einzige Vorteil sein. Qualität, Konzept, Ablauf, Rahmenbedingungen und Auswertung des Programms müssen stimmen, nur dann kann das Kind auf gesunde Weise sein Übergewicht abbauen. (Vgl. BZgA 2011, Seite 9 und 10)

Literatur

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (2011): Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. So finden Sie ein gutes Programm. Ein Leitfaden für Eltern und Erziehende. Care- Line Verlag Köln

 

Couric, K.;  David, L; Scully, R.; Soechtig, S. (2015): Fed up- Du bist, was du isst.  DVD. Universum Film 2015

 

Häuselmann, J. (2016): Pädagogische Intervention bei kindlicher Adipositas. Grin

 

Kast- Zahn, A. (1999): Jedes Kind kann richtig essen. Vom Baby bis zum Schulkind: Wie Eltern dafür sorgen können, dass der Esstisch nicht zum Stresstisch wird, Oberstebrink Verlag GmbH Ratingen

 

Kolbe, H.; Weyhreter, H. Dr. (2003): Mein Kind hat Übergewicht, Knaur Verlag München

 

Psychologie heute Compact, Ausgabe 44/2016: Futter für die Seele. Wie Gefühle uns beim Essen steuern- und warum Genuss ohne Reue möglich ist. Beltz Verlag Weinheim

 

Warschburger, P.; Petermann, F.; Fromme, C. (2005): Adipositas. Training mit Kindern und Jugendlichen. Mit CD-ROM (Materialien für die klinische Praxis). Beltz Verlag Weinheim

Von Jutta Häuselmann • 18.06.2020

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