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Interview

Ist das(Lesen-) Lernen mit Internetseiten besser als mit Büchern?

Medienzeit, Zugangsbegrenzung und Handyverbote, – viele Familien kämpfen gegen den Internetkonsum ihrer Kinder an. Sie sehen ihn als Zeitverschwendung, lernen würden die Kinder dabei doch ohnehin nichts, sie sollten doch viel besser Bücher lesen! Halt, stopp, so ist das nicht, meinen Prof. Jan M. Boelmann und Lisa König von der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Gut gemachte Internetseiten, Apps oder auch Computerspiele fördern das Lesen lernen, literarische Kompetenzen und das eigene Verstehen und Erzählen von Geschichten. Insbesondere für Kinder mit schlecht ausgeprägter Lesefähigkeit sind sie ein gut geeignetes Lernmedium. Das meinen die beiden Wissenschaftler. Sie leiten am europaweit ersten Zentrum für didaktische Computerspielforschung verschiedene Forschungsprojekte zu den Chancen von digitalen Bildschirmmedien, Virtual- und Augmented-Reality für den Lernprozess von Kindern und Jugendlichen. Außerdem beraten sie das Projekt „MENTOR – Die Leselernhelfer: Digitaler Treffpunkt der Generationen“.

MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V. - Agnes Gorny

MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V: Laut einer GfK-Umfrage halten 80% der Deutschen Bücher für das geeignete Medium zum Lesenlernen in der Grundschule, digitale Medien befürworten nur 20%. Wie sehen Sie das?

Prof. Dr. Jan M. Boelmann : Bücher stellen natürlich die wichtigste Medienform dar, wenn es um das Lesenlernen geht. Kinder lernen Geschichten jedoch nicht nur in Büchern kennen, sondern ebenso in anderen geschichtenerzählenden Medien wie Internetseiten, Tablet-Apps, Hörspielen, Filmen, Kinderserien und Computerspielen. Aktuelle Forschung, wie die KIM-Studie, zeigt uns, welch große Rolle visuelle oder interaktiv-spielerische Formen in der Lebenswelt der Kinder einnehmen, da sie früh in Kontakt mit solchen Medien kommen. Diese Vorerfahrungen der Kinder kann man für die Anbahnung literarischen Verstehens und auch von Leselernprozessen mit interaktiven Medien wie Internetseiten und Apps nutzen. Es ist also weniger ein Gegeneinander von Buch- oder Medieneinsatz, sondern vielmehr ein Neben- und Miteinander verschiedener Medienformen, die den Lernprozess der Kinder unterstützen können.

MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V: Wann eigenen sich Internetseiten und andere digitale Medien zum Lesenlernen?

Lisa König: Internetseiten eigenen sich insbesondere dann für das Lesenlernen, wenn es darum geht, die Ausprägung des Verstehens von Sachtexten zu fördern. Auf Kinderseiten wie Blinde Kuh oder Helles Köpfchen finden sich aktuelle Sach-Themen und Nachrichten, die sowohl in ihrer Textschwierigkeit als auch -länge kindgerecht aufbereitet sind. Vor allem die genaue Textwahrnehmung wie auch die Entnahme von Einzelinformationen lassen sich mit kindorientierten Rechercheaufträgen auf den entsprechenden Internetseiten hervorragend fördern und dazu noch für fächerverbindenden Unterricht nutzen. Ob das Lesen dabei mit einem Computer, einem Tablet oder mit einem Textblatt stattfindet, ist dabei weniger wichtig, da die Kinder unabhängig von der Darbietungsform immer zuerst Buchstaben in Lautgebilde übersetzen müssen, bevor nach und nach die automatisierte Worterkennung trainiert werden kann.

 

MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V: Warum bietet das digitale Storytelling oft mehr Wissensvermittlung als Texte in Reinform?

Prof. Dr. Jan M. Boelmann : Die kurze Antwort lautet: Vernetztes Denken ist nachhaltiger als isoliertes – und das ist es, was Storytelling ausmacht. Auch mehrkanaliges Lernen, wie wir es von Bilderbüchern mit Text-Bild-Kombinationen kennen, hilft beim Verstehen.

Etwas ausführlicher kann man sagen, dass gerade Apps und Internetseiten zahlreiche Stützsysteme für das Entschlüsseln von Sprache und Geschichten aufweisen: Filmsequenzen oder Animationen z.B. reichern diese Stützsysteme natürlich noch weiter an, indem die Atmosphäre der Geschichte transportiert wird. Dabei werden natürlich auch verschiedene Geschichtenelemente miteinander verknüpft, da u.a. Informationen gegeben werden, wie eine Figur aussieht, klingt oder wie sie sich bewegt. Lernpsychologische Studien haben beispielsweise gezeigt, dass wir uns Dinge besser merken können, wenn Informationen über verschiedene Kanäle wie Bild, Ton und Bewegung miteinander verbunden dargeboten werden. Verknüpfte Informationen helfen Kindern somit beim Verstehen. 

MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V: Welche Kriterien sollten Lehrkräfte oder Eltern bei der Auswahl von digitalen Medien zum Lesenlernen beachten?

Lisa König: Bei unnützen Animationen, einfachen Richtig-Falsch-Tests oder Spielen ohne inhaltlichen Anschluss, in denen nur wild herumgeklickt wird, sollten Erwachsene stutzig werden. Das gilt auch für Animationen, sie sollten immer die Inhalte unterstützen, sonst lenken sie die Kinder einfach nur ab. Wenn es eine ernstzunehmende Internetseite oder App ist, stellt die Altersangemessenheit ein weiteres zentrales Kriterium dar. Es gibt viele Angebote, die entweder die Inhalte nicht kindangemessen aufbereiten, also zu schwer sind, die Themen falsch darstellen oder so stark herunterbrechen, dass selbst ein Kind, das viel Lust hat, beim besten Willen nichts mehr daran lernen kann.

Weiterhin ist es wichtig, dass das Lernziel der Anwendung klar zu erkennen ist. Soll beispielsweise das Leseverstehen oder aber die Leseflüssigkeit gefördert werden? Geht es um die Ausprägung der Buchstaben-Wort-Erkennung oder schon um automatisiertes Lesen?

Manche legen den Fokus auch nur auf Lesespiele, die weniger durch das Lesen an sich, sondern eher durch wildes Herumprobieren zu lösen sind. Solche Anwendungen dienen dem Zeitvertreib, zum Lesenlernen sind sie eher weniger geeignet.

Können literarische Kompetenzen Grundschülern beim Lesenlernen helfen und wie funktioniert das?
 

Prof. Dr. Jan M. Boelmann : Generell unterscheidet man zwischen dem Lesenlernen und der Ausprägung literarischen Verstehens. Mit Lesenlernen ist die Fähigkeit der Kinder gemeint, Buchstaben zu entschlüsseln und diese zu Worten zu formen. Neben der recht mechanischen Seite, gehört zum Lesen aber natürlich auch das Leseverstehen dazu, also das zu verstehen, was gerade gelesen wurde.

Beim literarischen Verstehen geht es darum, Geschichten zu verstehen. Dazu gehört zum Beispiel die Handlung und ihre Entwicklung nachvollziehen zu können, sich in eine Figur hineinzuversetzen oder auch sprachliche Gestaltungsmittel oder Metaphern zu verstehen. Um literarisches Verstehen auszuprägen, muss ich nicht unbedingt lesen können. Geschichten finden sich eben auch in anderen Medienformen. So konnten wir u.a. in unserem Projekt dileg-SL, intermediales Geschichtenverstehen und digital Storytelling zeigen, dass Kinder mit diagnostizierten Förderbedarfen oder auch mit Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache über teils hohe literarische Kompetenzen verfügten, die sie in einem Buch-Unterricht nicht zeigen konnten, weil sie nicht so gut lesen konnten.
Geschichten zu verstehen und sich in ihnen orientieren zu können, kann Kinder im Leseprozess unterstützen. Durch den Kontakt zu Geschichten lernen sie deren prototypischen Aufbau, das spezifische Figurenpersonal oder sprachliche Muster, wie in Märchen das bekannte Es war einmal, kennen. Diese Erfahrungen dienen dann wieder als Stützsysteme, mit denen der Leseprozess entlastet werden kann.

MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V: Digitale Medien bieten also viele Stützsysteme für das Entschlüsseln von Sprache und Geschichten. Gibt es noch weitere Vorteile, die sie für das Lesenlernen mitbringen?

Es kann gelingen, jungen Menschen, die sich mit dem Lesen gedruckter Texte schwertun, mit digitalen Lese-Medien einen attraktiveren Anreiz zu schaffen, um sie für das Lesen zu begeistern. Damit arbeitet das Projekt Digitaler Treffpunkt der Generationen von MENTOR – Die Leselernhelfer e.V., das wir beraten und evaluieren. Mentor leistet schon seit Jahren sehr gute Arbeit, wenn es um die individuelle Lese- und Lernförderung von Kindern und Jugendlichen geht. Das digitale Projekt knüpft an diese Arbeit an und setzt nun darauf, dass in den gemeinsamen Lesestunden der Mentoren mit ihren Lesekindern auch auf Tablets gelesen werden kann. Das digitale Lesen bietet das Potenzial, auch interaktive Leseangebote und ihre Stützsysteme für die Förderung der Kinder und Jugendlichen zu nutzen. Zum anderen versetzt ihr Einsatz das Lesekind auch in die Position, seine digitalen Fähigkeiten zu zeigen. Wir sprechen hier von reverse mentoring. Dem Lesementor beispielsweise mal etwas erklären zu können, was er oder sie im Umgang mit einem Tablet noch nicht wusste, stellt für die Kinder dabei ein großes Kompetenzerleben der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten dar.

Von MENTOR - Die Leselernhelfer Bundesverband e.V. - Agnes Gorny • 18.10.2019
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Prof. Dr. Jan M. Boelmann

Professor für deutsche Literatur und ihre Didaktik,

Schwerpunkt: Literatur- und Mediendidaktik

Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Freiburg

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Lisa König

Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur.

Die beiden Wissenschaftler leiten am europaweit ersten Zentrum für didaktische Computerspielforschung der Pädagogischen Hochschule Freiburg verschiedene Forschungsprojekte zu den Chancen von digitalen Bildschirmmedien, Virtual- und Augmented-Reality für den Lernprozess von Kindern und Jugendlichen. Außerdem beraten sie das Projekt „MENTOR – Die Leselernhelfer: Digitaler Treffpunkt der Generationen“, das vom BMBF gefördert wird.

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