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Internet und Sexualbildung

Mit Kindern über Pornografie im Netz sprechen

Kinder kommen durch das Internet immer früher mit Pornografie in Kontakt. Spezielles Unterrichtsmaterial hilft Lehrern, das Thema mit ihren Schülerinnen und Schülern angemessen zu behandeln.

Vincent Hochhausen

„Meinen ersten Kontakt mit Pornografie hatte ich ungefähr in der siebten Klasse“, erzählt Ilija, 16 Jahre alt. „Da haben mir Leute aus einer Stufe über mir Pornos gezeigt. Ich hab mich dabei unwohl gefühlt.“ So wie Ilija, der über seine Erfahrungen mit pornografischen Inhalten in einem Video der EU-Initiative Klicksafe berichtet, geht es vielen Jugendlichen.

 

Eine repräsentative Befragung von 14- bis 20-Jährigen durch Forscher der Universität Hohenheim stellte 2017 fest, dass nur rund die Hälfte der Kinder und Jugendlichen freiwillig zum ersten Mal mit Pornografie in Kontakt kommen. Rund 40 Prozent gaben an, beim ersten Kontakt nicht allein gewesen zu sein. Die Studie bestätigte auch, wie vorherrschend das Internet dabei ist: 70 Prozent sahen pornografische Inhalte das erste Mal online.

 

Jungs gucken früher und mehr

Die Untersuchung zeigte außerdem Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen auf: Mädchen sind mit 14,8 Jahren im Schnitt etwas älter beim ersten Kontakt mit Pornografie als Jungen, die im Durchschnitt 14 Jahre alt sind. 60 Prozent der Mädchen gaben an, dass der erste Kontakt ungewollt war, gegenüber 37 Prozent bei den Jungs. Auch allgemein schauen Mädchen seltener Pornos: Rund 23 Prozent gaben an, mehr als einmal im Monat pornografische Bilder oder Filme zu nutzen, bei den Jungs waren es dagegen 52 Prozent.

 

Es gibt Redebedarf

Nur vier Prozent der Jugendlichen sprechen laut der Studie mit ihren Eltern über Pornografie. „Das Reden über die eigene Sexualität ist unter vielen Jugendlichen noch immer ein Tabuthema, mit dem sie entweder weitgehend allein gelassen werden oder das sie mit ihren Freunden erkunden“, sagt Jens Vogelsang, einer der Studienautoren und Leiter des Fachgebietes Kommunikationswissenschaft an der Uni Hohenheim. Um das Thema in der Schule angemessen zu bearbeiten, stellt Klicksafe umfangreiche Tipps und Materialien bereit.

Pornografienutzung im Unterricht besprechen: Tipps der Initiative Klicksafe

Gut vorbereiten

Lehrkräfte, die das Thema Pornografie ansprechen wollen, sollten nicht nur ihre eigene Haltung zu Pornografie reflektieren, sondern auch über die Wirkung auf die Arbeitskolleg/-innen und auf die Schule nachdenken. 

 

Eltern miteinbeziehen

Für pädagogische Vorhaben zum Thema Pornografie müssen die Eltern eingebunden werden. Anhand eines Elternabends sollten Motivation und Methodik dargelegt werden, um die Eltern für die Bedeutsamkeit des Themas zu sensibilisieren. 

 

Hinschauen, auch wenn’s nicht gefällt

Schauen Sie sich pornografische Seiten im Netz an, auch wenn es Ihnen widerstrebt. Gehen Sie auf Seiten wie redtube.com, youporn.com, xhamster.com – um das zu sehen, was auch die Jugendlichen sehen. Nur wenn Sie über denselben Kenntnisstand wie die Jugendlichen verfügen, können Sie „mitreden“. 

 

Indirekt ansprechen

Jugendliche haben das Bedürfnis, über Sexualität zu sprechen. Allerdings ist es wichtig, ihnen nicht zu nahe zu treten. Eine Hilfe kann sein, sie indirekt anzusprechen, nach dem Motto: „Warum, glaubt ihr, nutzen Menschen Pornografie?“ 

 

Jungen und Mädchen getrennt

Konsum, Funktion und Beurteilung von sexualisierten Medieninhalten unterscheiden sich stark zwischen den Geschlechtern. Daher ist es ratsam, mit geschlechtergetrennten Gruppen zu arbeiten. Bestenfalls arbeitet ein männlicher Kollege mit den Jungen, eine weibliche Kollegin mit den Mädchen.

 

Das richtige Alter

Ab wann darf man mit Jugendlichen über Pornografie reden? Das Thema Liebe und Sexualität ist für Kinder im Alter von 11 bis 13 Jahren noch sehr mit Peinlichkeit und Scham behaftet ist. Mit zunehmendem Alter nimmt das Interesse am Thema zu. 

 

Jugendschutz beachten

Materialien und Inhalte, die in den Unterricht miteinbezogen werden, müssen unter Aspekten des Jugendschutzes gewählt und reflektiert werden. 

 

Gleichberechtigte Standpunkte

Jede Meinung, Äußerung und Emotion ist bei der Auseinandersetzung mit Pornografie wichtig. Die Aussagen Jugendlicher sollten keinem Werturteil unterworfen werden. Zum Aufbau eines eigenen Standpunkts benötigen Jugendliche einen Abgleich mit anderen Standpunkten. Lehrkräfte sollten daher durchaus persönlich Stellung beziehen und diese deutlich kenntlich machen.

 

 

Tipps und Informationen zum Thema Pornografie sowie ausführliche Unterrichtsmaterialien und Arbeitsblätter gibt es auf klicksafe.de.

Die Arbeitsmaterialien „Let’s talk about Porno“ umfassen dabei die vier Bausteine „Leben in der Pubertät“, „Schönheitsideale in unserer Gesellschaft“, „Pornografie im Netz“ sowie „Sexualisierte Kommunikation“. Das Material will laut den Herausgebern Medien- und Sexualpädagogik zusammenführen. Trotz der Wichtigkeit des Themas wollen die Macher des Lehrmaterials aber keine Panikmache oder Skandalisierung: So weisen sie darauf hin, dass Jugendliche oft besser mit Pornografie umgehen, als es Pädagogen, Hirnforscher und Politiker vermuteten.

 

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in didacta DIGITAL – Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien, Ausgabe 2/2019 auf Seite 14 bis 16. Sie wollen per E-Mail weitere Informationen zu digitalen Praxisideen und vielen weiteren Themen erhalten? Dann melden Sie sich für den kostenlosen Schul-Newsletter an!

Vincent Hochhausen

Vincent Hochhausen ist Redaktionsleiter des Magazins Bildungspraxis und Teil des Redaktionsteams von Frühe Bildung Online.

Von Vincent Hochhausen • 06.10.2019

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