Populäre Vorurteile und ihre Widerlegung

»Faktencheck Grundschule« - eine Broschüre des Grundschulverbandes

In einer Broschüre hat sich der Grundschulverband intensiv mit der Kritik an Grundschulbildung auseinandergesetzt. Dreizehn Vorurteile, wie z.B. "Mehr digitale Medien machen die Grundschule besser – oder die Kinder dumm?" werden von Wissenschaftlern diskutiert. Ein wichtiger Beitrag zur sachlichen Auseinandersetzung mit diesen Vorurteilen.

Schlagzeilen aus Print- und Online-Medien zeigen: Empörung in Medien braucht heutzutage offensichtlich keinen realen Anlass mehr – oder einen nur vagen Bezug zur Realität. 

Themen wie die Handschrift, die Rechtschreibung oder der »Absturz« in den Rankings der Testinstitute bedienen bestens kulturpessimistische Befürchtungen um die Bildung der nachfolgenden Generationen und ihre »Marktchancen«. Diese Befürchtungen verlangen keine Belege, sie halten sich auch gegen begründete empirische und pädagogische Einwände standhaft im kollektiven Bewusstsein. Wie jede gesellschaftliche Einrichtung muss sich auch die Grundschule immer wieder hinterfragen (lassen). Es gibt gute und weniger gute Schulen, kompetente und engagierte Lehrerinnen und Lehrer, aber auch solche, die ihre Aufgabe nicht ernst genug nehmen. Rechenschaft über die eigene Arbeit und ihre Grundlagen zu geben, sollte im öffentlichen Dienst selbstverständlich sein. Auch Schulen und Lehrpersonen müssen sich mit externer Kritik auseinandersetzen. Konstruktiv wird diese Kritik aber nur, wenn sie sachkundig begründet ist. Pauschalurteile und Stammtischparolen bewirken das Gegenteil und sind schädlich für gelingende pädagogische Prozesse und vertrauensvolle Kommunikation zwischen Eltern und Schule.

Die damit ausgelöste negative Dynamik des öffent lichen Diskurses um Grundschularbeit bleibt auch deshalb stabil, weil die spezifische Expertise von Grundschullehrkräften – Fachleute zu sein für das Lernen von Kindern – zu wenig Anerkennung findet.

Die mangelnde Anerkennung der Professionalität von Grundschullehrerinnen und -lehrern suggeriert im Paket mit der öffentlichen und oberflächlichen Verbreitung von Plattitüden und Falschmeldungen letztlich, dass sich jeder, der früher einmal Schülerin oder Schüler war, zu entsprechenden Themen äußern und eine eigene Einschätzung über pädagogische und fachliche Entwicklungen abgeben kann. Jour
nalisten, Politiker, Verbandsfunktionäre und auch Eltern, Großeltern und anderweitig von schulischer Bildung »Betroffene« erklären sich zu Experten in Grundschulfragen, ohne sich in jedem Fall fachkundig gemacht zu haben. Diese Haltung offenbart sich selbst in Fachdiskussionen, bei denen sich Akteure anderer Fachgebiete zu Wort melden, ohne ihren eigenen Laienstatus in spezifischen Fragen zu markieren. Das treibt dann Sumpfblüten wie: Wer sich von seinen Schülerinnen und Schülern » duzen« lasse, dessen Kinder wiesen schlechtere Rechtschreibleistungen auf.
Zum Beispiel übersieht der Vorwurf, Grundschule mache Kinder zu »Versuchskaninchen« unbedachter und voreiliger »Experimente«, dass für die Überlegenheit der »alten« Methoden mitnichten empirische Belege vorliegen – welche auch nie gefordert wurden. Trotzdem spricht da niemand von »Experimenten«. Kritik an Methoden der Grundschule kommt u. a. auch von (Verbands-) Vertretern aus den weiterführenden Schulen, im Wesentlichen aus dem Gymnasium. Damit wird schlichtweg die eigene Verantwortung für die veränderten Herausforderungen durch veränderte Entwicklungsbedingungen weggeschoben. Rechtschreibung z. B. ist – genau wie Lesen und Schreiben – keine Angelegenheit der Grundschule allein: Nach dem 4. Schuljahr sind diese Kompetenzen nicht »abgeschlossen«, das Lernen daran muss weitergehen.
Eine Gruppe von Eltern, die sich regelmäßig kritisch fordernd zu Wort meldet, wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht, verhält sich schulpolitisch und pädagogisch erstaunlich konservativ. Alles, was in der eigenen Schulzeit erlebt wurde, verklärt sich anscheinend in der Rückschau. Neuerungen sind erst einmal verdächtig und könnten, so die Befürchtung, den Weg ins Gymnasium behindern. Darf sich Grundschule angesichts solcher Empörungen nicht entwickeln? Im Gegenteil, sie muss es dringend, weil Grundschulkinder individuelle Begleitung beim Lernen brauchen! Dies Eltern begreiflich zu machen verlangt eine intensivere Kommunikation über notwendige und sinnvolle Veränderungen.

Pädagogik hat immer mit dem Menschenbild zu tun, an dem sie sich orientiert. Darum werden Diskussionen über Einzelfragen wie Handschrift, Kopfrechnen oder Rechtschreibung so schnell prinzipiell – und Alternativen zum Gewohnten erscheinen bedrohlich.

Immer wieder aufkeimende Forderungen nach »mehr Frontalunterricht«, »mehr Vergleichstests«, nach »Schönschreiben« oder »mehr Noten« sind deutliche Anzeichen für das Aufkommen einer »konservativen Revolution« (Alexander Dobrindt) auch in Bildungspolitik und Pädagogik. Solche Forderungen offenbaren jedoch, dass die Kritiker tatsächlich keine Kenntnis vom Alltag in den Klassenzimmern haben – und ihnen überdies wissenschaftliche Expertise gleichgültig ist. Populistisches Geplänkel wird auf dem Rücken der Kinder ausgetragen, aber auch zulasten der Kolleginnen und Kollegen in den Schulen. Denn Vorurteile, Mythen und Fehlschlüsse verleiten zuweilen die bildungspolitisch Verantwortlichen dazu, möglichst schnell »Entschlossenheit im Handeln« zu demonstrieren, »Maßnahmenpakete« zu schnüren, und »Masterpläne« zu entwerfen. Das zeigt dann eher fragwürdigen Dilettantismus und Schaufensterpolitik als verantwortungsvolle und unterstützende Handlungsstrategien.

Über Methoden kann man streiten. Wenn die Debatte aber konstruktiv sein soll, dann müssen Fakten die Grundlage bilden und die Wirklichkeit in den Schulen – nicht tradierte Vorurteile und Mythen gegenüber Grundschule und ihren Lehrerinnen und Lehrern.

Erziehung und Unterricht sind in ihren Wirkungen immer von so vielen (Rand-)Bedingungen abhängig, dass keine Methode ganz allgemeingültig erfolgreich sein könnte. Pädagogik und Didaktik wirken eben nicht wie technische Instrumente. In diesem Sinne gibt es keine »Rezepte« und keine uniforme Schul- und Unterrichtspraxis, deshalb finden sich selbstverständlich auch Anlässe für Kritik. Diese entzündet sich besonders gerne am Ungewohnten, am Neuen: An der »Mengenlehre« Ende der 1960er Jahre, an Sexualerziehung und Gesamtschule in den 1970ern, an »Inklusion« heute.
Ganz ähnlich ist das beim Umgang mit Ergebnissen erziehungswissenschaftlicher Forschungen:

  • Forschung wird selektiv wahrgenommen oder gar instrumentalisiert, indem man sich einzelne Studien herauspickt, deren Ergebnisse in das eigene Argumentationsmuster passen.
  • Es wird übersehen, dass einzelne Studien immer ausschnitthaft sind: je nach konkreter Fragestellung, nach Stichprobe (Alter!), nach eingesetzten Instrumenten usw.
  • Es wird meist nur auf Durchschnittswerte geschaut und kleine Differenzen zwischen Programmen, Methoden oder Regionen werden hochstilisiert – aber die jeweils starken Streuungen innerhalb eines Programms werden vielfach übersehen.
  • Oft erfolgt ein nur oberflächlicher Blick auf die bloßen »Ligatabellen« der Bildungsvergleiche, und daraus werden dann generalisierende Aussagen abgeleitet wie »Land X in Rechtschreibleistungen von Platz 4 auf Platz 13 abgesackt!«

Mit der vorliegenden Broschüre geht es dem Grundschulverband um die Versachlichung der Diskussion zu gesellschaftlich relevanten und sichtbaren Themen der Grundschulbildung – und um die eigentlich ausschlaggebende Frage danach, was Grundschulkinder heute wirklich brauchen. Der Grundschulverband ist Anwalt für die Bildungsansprüche von Grundschulkindern. Darum wissen wir: Gute Leistungen brauchen nicht noch mehr Noten, noch mehr Tests usw., sondern mehr Zeit für die Lehrkräfte, weiterführende Rückmeldungen an Kinder und Eltern zu geben. Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich von Bildungspolitik und -verwaltung im Stich gelassen, wenn diese auf populistische Vorwürfe reagieren und z. B. Methoden verbieten wollen, die Situation in den Schulen aber beständig schwieriger wird und Unterstützung ausbleibt. Der Grundschulverband denkt Schule von den Kindern her. Und weil Kinder und Gesellschaft ständig in Bewegung und in Entwicklung sind, können auch Schulen nichts Statisches sein. Weil das so ist, muss sich auch die Politik bewegen und Schulen dabei unterstützen, auf diese neuen Herausforderungen zu reagieren.

»Faktencheck Grundschule« wurde erarbeitet von Prof. Dr. Erika Brinkmann, Prof. Dr. Hans Brügelmann, Ulrich Hecker, Maresi Lassek, Prof. Dr. Jörg Ramseger  |  Unter Mitarbeit von Prof'in Dr. Ursula Carle, Prof. Dr. Thomas Irion, Prof'in Dr. Kerstin Merz-Atalik und Prof. Dr. Markus Peschel 

Erstveröffentlichung: www.grundschulverband.de 

Quellehttps://grundschulverband.de/produkt/broschuere-faktencheck/  

Von Frühe Bildung Online • 01.10.2018

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