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Lehrermangel

Lehrermangel: Quereinsteiger und Pensionäre sinnvoll?

35 000 Lehrkräfte werden laut einer Hochrechnung der Bertelsmann Stiftung bis 2025 an den Grundschulen fehlen. Können Quereinsteiger und Pensionäre den Mangel kompensieren?

Frühe Bildung Online / didacta: Herr Zorn, an unseren Grundschulen herrscht Lehrernotstand, die Landesregierungen üben sich in Schadensbegrenzung. Wäre der Lehrermangel nicht schon früher abzusehen gewesen?

Dr. Dirk Zorn: Einige Aspekte wären abschätzbar gewesen, andere nicht, wie die hohe Zuwanderung seit 2015. Darauf konnte sich die Politik nicht einstellen. Die Bildungspolitik hätte aber die Geburtenzahlen zur Kenntnis nehmen müssen, die seit 2012 fünfmal hintereinander angestiegen sind. Auch der hohe Ersatzbedarf durch Lehrkräfte, die in den Ruhestand gehen, hat die Politik nicht überall dazu veranlasst, rechtzeitig entsprechende Konsequenzen zu ziehen und die Anzahl an Studienplätzen aufzustocken.

Warum handelt die Politik nicht vorausschauend?

Das Frühwarnsystem der Bundesländer ist unterschiedlich gut aufgestellt. Bislang hat nur Bayern jedes Jahr eine aktualisierte Lehrerbedarfsprognose vorgelegt, in anderen Ländern gibt es überhaupt keinen regelmäßigen Turnus. Hochrechnungen werden oft nur gemacht, wenn sie von der Politik angefordert werden. Und selbst dann können sie falsch sein. Das Thema wurde schleifen gelassen, auch auf Druck der Finanzminister.

Wenn Bayern das einzige Land ist, das seinen zukünftigen Lehrerbedarf regelmäßig überprüft: Ist der Freistaat vom aktuellen Lehrermangel also nicht so hart getroffen?

Bislang hat Bayern noch eine vergleichsweise gute Personalausstattung. Wie sich das zukünftig entwickelt, hängt allerdings nicht nur von der Qualität der Prognosen ab, sondern auch von der Steuerung der Hochschulen, das ist das nächste große Problem.

Inwiefern?

Die Ausbildungskapazitäten der lehrerbildenden Hochschulen werden häufig nicht an die Lehrerbedarfsprognosen angepasst. Um die Schulen kümmert sich das Kultusministerium, um die Hochschulen meistens das Wissenschaftsministerium. In Berlin hieß es bis letztes Jahr: Wir brauchen 1000 Absolventen für die Schulen. Allerdings hat man versäumt zu sagen, wie viele davon ein Lehramt für die Grundschulen mitbringen sollen. Dadurch gab es jahrelang zu wenig Absolventen für die Grundschulen.

Und manche Bundesländer, zum Beispiel NRW, versuchen nun Gymnasiallehrer an die Grundschulen zu locken.

Ja. Da gibt es unterschiedliche Ansätze: Freiwillige Einladungen, um die Lehrer dazu zu bewegen, sich befristet darauf einzulassen. Manche Länder sprechen hingegen eine Abordnung aus. Letzteres halte ich nicht für sinnvoll. Man muss mit den Lehrkräften in den Dialog treten, dann kann das eine Chance sein, weil Gymnasiallehrkräfte wichtige pädagogische Erfahrungen sammeln können, wenn sie für ein paar Jahre in der Grundschule unterrichten. Wichtig ist aber, hier auf erfahrene Lehrkräfte zu setzen und diese bevorzugt in der 3. und 4. Jahrgangsstufe einzusetzen. Denn Alphabetisierung und Heranführung an mathematische Grundlagen erfordern eine besondere didaktische Expertise.

Hat eine Gymnasiallehrkraft Nachteile und verdient weniger, wenn sie an einer Grundschule unterrichtet?

Nein, in der Regel nicht. Schwieriger ist das eher aus Sicht der Grundschulpädagogen, denn die verdienen zumeist weniger und haben eine höhere Unterrichtsverpflichtung.

Das führt doch zu großem Unmut.

Ja, aber auch schon vorher. Die Ausbildung von Grundschullehrern wurde in den meisten Bundesländern inzwischen verlängert, dadurch entfallen Argumente, weshalb Grundschullehrer weniger verdienen sollten. Die ersten Länder haben daher bereits eine Angleichung der Lehrergehälter angekündigt. Aus meiner Sicht ist das aber eher eine Frage von Fairness. Als Maßnahme gegen den Lehrermangel taugt das eher wenig, schon gar nicht kurzfristig. Zu Unmut führt auch, wenn die Grundschullehrer den Gymnasiallehrern oder anderen Quereinsteigern als Mentoren unter die Arme greifen und dafür nicht honoriert werden.

Was ist Ihr Lösungsvorschlag?

Das Mentoring muss honoriert werden: Berlin etwa gewährt jeder anleitenden Lehrkraft zwei Stunden Ermäßigung bei der Unterrichtsverpflichtung. Damit schneidet man sich erst einmal ins eigene Fleisch, da mit jeder Abgeltungsstunde der zusätzliche Personalbedarf noch größer wird. Ich halte dieses Signal trotzdem für sehr wichtig. Um den Lehrernotstand in den Griff zu bekommen, kommt es sehr darauf an, wie die Rahmenbedingungen für die Integration von Quereinsteigern ausgestaltet sind.

Welches Land ist da Vorreiter?

Das kann man so einfach nicht sagen. Deutlich wird, dass es an einem organisierten Austausch zwischen den Ländern fehlt. Sie agieren wie Konkurrenten, da sie um die gleichen Absolventen werben. Hier könnte die KMK eine deutlich aktivere Rolle spielen, um die Kooperation zwischen den Ländern zu stärken. Sachsen etwa hat viel Erfahrung, wie man spezielle Vorbereitungskurse für Quereinsteiger organisiert, und wie Hochschulen flexible Weiterbildungsangebote machen können. Berlin macht jetzt die Erfahrung, dass harte Maßnahmen notwendig sind, weil auch der Markt der Quereinsteiger schneller austrocknet als gedacht, und Stellen zum ersten Mal nicht mehr besetzt werden können. Sie werden um Kürzungen nicht herumkommen, etwa bei zusätzlichen Förderangeboten oder der Stundentafel.

Wie sieht es bei den weiterführenden Schulen aus? Droht hier auch ein Lehrermangel?

Etwa ab dem Schuljahr 2026 werden die Schülerzahlen auch in den weiterführenden Schulen wieder steigen und zusätzliche Lehrkräfte erforderlich machen. Dafür müssten bereits jetzt die Weichen an den Hochschulen gestellt werden, damit Mitte des nächsten Jahrzehnts genug Absolventen bereitstehen. Aber nun sind alle mit den Grundschulen beschäftigt und suchen nach schnellen Lösungen, da hier jetzt die Hütte brennt.

Welche Maßnahmen halten Sie für sinnvoll?

Es gibt drei große Stoßrichtungen: Man kann weniger Bedarf erzeugen, indem man Unterricht kürzt oder Klassen größer macht. Pauschal halten wir das für den falschen Weg – in vielen Schulen wäre das schlicht unzumutbar und würde bestehende Herausforderungen, etwa mit Blick auf Chancengerechtigkeit, weiter verschärfen. Wir haben uns in unseren Empfehlungen deshalb darauf konzentriert, wie man die Arbeitszeit bereits tätiger Lehrkräfte erhöht und wie man mehr Lehrer ins System bringt. Beispielsweise indem man angehenden Ruheständlern anbietet, mit reduziertem Deputat noch ein paar Jahre weiter zu unterrichten oder das Mentoring für Quereinsteiger zu übernehmen.

Die Lehrer sind doch froh, wenn sie endlich in Pension dürfen.

Meine Erfahrung ist, dass es durchaus Lehrkräfte gibt, die daran Interesse haben, insbesondere, wenn sie nicht weiter in hohem Maße selbst unterrichten müssen, sondern ihre Erfahrungen an jüngere Kollegen weitergeben dürfen, zum Beispiel auch im Rahmen von Team Teaching. Selbst wenn sie nur ein bis zwei Jahre länger arbeiten, wäre schon viel gewonnen. Dazu sollte man angehende Ruheständler frühzeitig und systematisch ansprechen, denn wenn sie erst einmal ausgeschieden sind, ist eine Reaktivierung erfahrungsgemäß deutlich schwieriger. Wichtig ist auch, die Teilzeitlehrkräfte in den Blick zu nehmen: Fast vierzig Prozent der Grundschullehrer arbeiten in Teilzeit. Man sollte sie motivieren, indem beispielsweise ein Kita-Platz zur Verfügung gestellt wird oder sie in ihrer Arbeit durch multiprofessionelle Teams entlastet werden.

Was halten Sie von Quereinsteigern aus anderem Berufen, also ohne pädagogisches Studium?

Viele Schulleitungen, mit denen ich gesprochen habe, stellen Quereinsteigern gute Zeugnisse aus. Allerdings kommt es sehr auf die Rahmenbedingungen an: Werden Quereinsteiger vor dem ersten Unterrichtseinsatz angemessen vorbereitet? Wie hoch ist das Unterrichtspensum? Welche Möglichkeiten zur fachlich sinnvollen und berufsbegleitenden Weiterqualifi kation gibt es, und wie werden Quereinsteiger in den ersten Berufsjahren im Kollegium unterstützt?

Dennoch gibt es große Skeptiker, die sagen, der Berufsstand wird dadurch deprofessionalisiert …

Das halte ich für übertrieben. Auch im grundständigen Lehramtsstudium steht ja nicht alles zum Besten. Die Evaluation eines Quereinsteigerprogramms aus Sachsen hat etwa gezeigt, dass man durchaus sehr gute Lehrkräfte gewinnen kann. Dazu bedarf es aber geeigneter Qualifikationsangebote. Hier müssen sich auch die Hochschulen stärker einbringen als das bislang oft der Fall ist.

Und wie?

Es handelt sich bei Quereinsteigern um eine sehr heterogene Gruppe, die meisten haben eine fachliche Qualifi kation, müssen aber fachdidaktisch und allgemeinpädagogisch ausgebildet werden. Drei Tage Vorbereitung und dann Vollzeit unterrichten, wie in manchen Bundesländern, ist der falsche Weg. Man muss sich das mal vorstellen: Referendare mit vollwertiger pädagogischer Ausbildung müssen eigenständig etwa sieben Stunden unterrichten, Quereinsteiger hingegen oft 19 bis 23 Stunden. Meine Forderung an die Politik: Jetzt eine hochwertige, passgenaue Qualifiezierungsmöglichkeit für Quereinsteiger schaffen und die erarbeiteten Ansätze nutzen, um die Lehrerbildung insgesamt, auch über die Krise hinaus, zu flexibilisieren. So könnte man künftig rascher auf Bedarfsschwankungen reagieren und würde einem erneuten Lehrermangel vorbeugen.

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2018,
S. 4-7,  www.didacta-magazin.de

 

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Dr. Dirk Zorn

Dr. Dirk Zorn ist Teamleiter Bildung im Programm Integration und Bildung bei der Bertelsmann Stiftung. Für die Studie „Lehrkräfte dringend gesucht“ untersuchte er gemeinsam mit Klaus Klemm den Lehrerbedarf an Grundschulen und zeigt Lösungen für den Lehrermangel auf.

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