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Digitale Bildung

Ohne Kabelsalat - Ein Netzwerk unter Schulen

Alle Schulen in einer Kreisstadt sind miteinander vernetzt, Lehrkräfte verschiedener Schulen arbeiten zusammen: Das Schulnetzwerk Unit21 in Unna zeigt, wie das funktionieren kann.

Unna ist eine kleine Stadt an der Grenze des Ruhrgebietes mit 1000-jähriger Geschichte. Knapp 60 000 Einwohner leben dort. 15 Kilometer weiter westlich liegt die Großstadt Dortmund – im größten Ballungsraum Deutschlands. Doch nicht dort, sondern in der kleinen Stadt Unna wurde ein Schulnetzwerk entwickelt, das als Vorzeigemodell gilt. Einer seiner Wegbereiter ist Uwe Kornatz, 64 Jahre. Damals war er noch als Schuldezernent tätig. „Wenn ich sagen würde, dass unser Schulnetzwerk eine Musterlösung ist, wäre das Eigenlob“, sagt er. „Aber viele Stellen haben unserem Schulnetzwerk genau das bestätigt.“ Alle 20 Schulen in der Kreisstadt Unna sind über ein zentrales Rechenzentrum miteinander verbunden und verfügen über eine einheitliche Ausstattung. Der Kerngedanke des Konzeptes ist, über einen zentralen Schulserver und ein zentrales IT-Management einzelne Klassen, ganze Schulen, die Schulen einer Stadt oder einer Region als ein Schulnetz zu steuern.

Bloß nicht individuell

Kornatz entwickelte vor über 14 Jah­ren zusammen mit Schulleitern das Schulnetzwerk in Unna in Nordrhein-Westfalen. „Jede der damals noch 21 Schulen hatte ein eigenes Netzwerk. Doch wer soll so viele Netzwerke betreuen?“, erinnert er sich an die Diskussionen im Stadtrat. Unterschiedliche Schulausstattung, eine Vielzahl von Betriebssystemen – die Medienausstattung hinkte ähnlich wie bei vielen anderen Kommunen hinterher. Noch bis 2002 wurden jährlich über 110.000 Euro an jede Schule verteilt. „Statt die Gelder in individuelle Lösungen für jede Schule zu investieren, entschieden wir uns für ein Schulnetzwerk für die gesamte Stadt“, erzählt Kornatz. Ein Softwareunternehmen richtete an jeder Schule des Netzwerks die Infrastruktur ein und betreut heute das Schulnetz, speichert alle Daten und ist zuständig für die Software. Das Computerwirrwarr mit unterschiedlichen Betriebssystemen oder zeitraubende Updates gibt es nicht mehr. „Die Schulen müssen sich nicht mehr um Antivirusprogramme oder um den Jugendschutz kümmern, denn die Rechner werden zentral durch einen privaten Anbieter gesteuert. Da wird ihnen eine große Last abgenommen“, erzählt Kornatz. Die Schulen können eine Hotline anrufen, wenn sie Probleme haben.

Jede Schule bekam zudem von der Kreisstadt zwei Notebook-Wagen als mobile Lerneinheiten. Jeder Wagen ist ausgestattet mit 17 Laptops, Drucker und Beamer. Braucht ein Lehrer die Laptops, muss er nur den Wagen in das Klassenzimmer schieben, denn alle Räume aller Schulen verfügen über ein leistungsfähiges WLAN. Neben dem Einsatz der kommunalen Notebooks können sich die Schülerinnen und Schüler Notebooks mieten. „Wenn sich Eltern entscheiden, ihre Kinder in den Notebook-Klassen anzumelden, dann erklären sie sich bereit, die Geräte zu mieten. Das kostet 29 Euro im Monat“, erklärt Kornatz. Schwierigkeiten für Schüler aus sozial schwächeren Familien, die sich die Miete nicht leisten können, gibt es nicht. „Wir unterstützen die Eltern finanziell – über einen Sozialfonds.“ Falls ein Gerät kaputt geht, bekommt der Schüler ein neues.

Alles wird gespeichert

Alle Geräte verfügen über eine einheitliche Software und haben die gleichen Beschränkungen. So kann garantiert werden, dass die Schüler nicht auf verbotenen Seiten surfen. „Natürlich gibt es Kinder, die es dennoch versuchen“, sagt Kornatz. Falls etwas passieren sollte, kann der private Anbieter den Laptop ausfindig machen. „Die sind in der Lage zu sagen: ,Das war im Unterricht, 10:30 Uhr an dem Rechner des Schülers XY.‘ Wir können alles zurückverfolgen.“

Während vor dem Schulnetzwerk jede Schule auf sich allein gestellt war, können die Lehrkräfte mittlerweile von den Synergien profitieren und Unterrichtsmaterialien aus­tauschen. Die Lehrkräfte bilden sich gemeinsam fort und tauschen über die Plattform Ideen und gelungene Unterrichtskonzepte aus. „Nun hat die Lehrkraft Zeit, zu unterrichten, anstatt zu schrauben und zu installieren“, sagt Kornatz. Die Schulen einigten sich auf gemeinsame Lernsoftware. Während vor dem Schulnetzwerk beispielsweise über 100 verschiedene Mathematik-Programme auf den Rechnern installiert waren, konnten die Verantwortlichen des Netzwerks, also der private Anbieter, die Zahl auf drei reduzieren. Nun stehen allen die drei Programme Mupad, Dynageo und Excel zur Verfügung. Auch die Planungen für den Stundenplan und die Schulverwaltungssoftware sind vereinheitlicht. Kornatz ist von dem Konzept überzeugt: „Die Lehrkräfte empfinden das Netzwerk als sehr nützlich und es gab während der Umsetzung keine Probleme.“ 550 der 620 Lehrkräfte nutzen das System aktiv.

Auszeichnung

Das Schulnetzwerk ist für viele Schulen Vorbild. München, Köln, Bremen und ein Internat in der Schweiz haben das System mittlerweile adaptiert. Auf der didacta Bildungsmesse wurde Unit21 dreimal mit dem eLearning Award ausgezeichnet. „Für uns war damals klar: Wir wollen in Bildung investieren und die Schulen für die Zukunft rüsten. Das haben wir auch geschafft“, sagt Kornatz. Er ist zufrieden mit dem Netzwerk Unit21, das die Schüler auf die digitale Welt vorbereitet.

„Der Rechner ist ­Lernwerkzeug“

Eine der Schulen, die von dem Schulnetzwerk Unit21 profitiert, ist die Werner-­von-Siemens-Gesamtschule Königsborn. Die didaktische Leiterin Jennifer Lach im Interview.

didacta digital: Ihre Schule nutzt das Schulnetzwerk Unit21. Was sind die Besonderheiten Ihres pädagogischen Konzeptes?
Jennifer Lach: Eltern und Lehrer müssen die Kinder sicher in der digitalen Welt begleiten. Deswegen steht unser Medienbildungskonzept auf zwei Säulen: Die „Handling“-Schulung und die Medienerziehung. Im Fach informatorische Grundbildung – „Handling“-Schulung – lernen die Schüler ab Klasse 5 die Funktionsweise von Rechnern, den Aufbau des Netzes und die Funktionsweisen der Anwenderprogramme Word, Excel und Powerpoint kennen. Hier erwerben sie den „Staatlich anerkannten EDV-Führerschein NRW“. Im Bereich der Medienerziehung haben alle Unterrichtsfächer die Verantwortung für einzelne Kompetenzen des „medienpass nrw“ übernommen und richten ihre Unterrichtsvorhaben danach aus. Dabei ist der Rechner niemals Lerninhalt, sondern Lernwerkzeug.

Wie werden die Lehrkräfte bei Ihnen unterstützt, damit sie die Medien einbauen?
Wir haben eine Reihe von hausinternen Fortbildungen, die die Kollegen für die Arbeit befähigen, so beispielsweise eine Fortbildung zur Nutzung des Portals Unit21 oder zur Nutzung des interaktiven Boards und seine Integration in den Unterricht für neue Kollegen. Auch Fachkonferenzen veranstalten fachspezifische Fortbildungen.

Welche Vorteile haben Schüler und ­Lehrkräfte durch das Konzept?
Die Kinder werden häufig nur rudimentär in der digitalen Welt betreut. Hier sehen wir uns in der Pflicht, Chancen und Risiken zu bearbeiten. Zudem erhalten die Kinder Zertifikate für ihre Bewerbungsunterlagen. Die Lehrer haben Zugriff zu methodisch vielfältigem Unterrichtsmaterial, beispielsweise interaktive Lerntools. Dadurch ermöglichen wir Schülern das selbstorganisierte Lernen und später zunehmend das selbstgesteuerte Lernen.
 
Technische Daten des Netzwerks Unit21

Ausstattung pro Schule: zwei Notebookwagen mit jeweils 17 Notebooks, einem Drucker und einem Beamer, Whiteboards und WLAN-Netz
600 WLAN-Access-Points mit ­Leistungen bis zu 600 Mbit/s
10 000 Schüler nutzen das ­Netzwerk täglich
550 der 620 Lehrkräfte des ­Schulnetzwerkes in Unna nutzen das System
3500 Laptops, seit 2014 auch Tablets
Bis zu 30 Prozent des Unterrichts wird computerbasiert durchgeführt
 
Lernen erweitert Grenzen
Wie profitieren Lehrer und Schüler von dem Netzwerk? Drei Statements von Schulen:

Grundschule Liedbachschule
„An der Liedbachschule arbeiten die Schülerinnen und Schüler begeistert mit den Unit21-Laptops. Schüler nutzen die verschiedenen Lernprogramme und die Online-Lernplattformen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Im 4. Schuljahr lernen die Schülerinnen und Schüler in einer PC-AG einen verantwortungsvollen und kompetenten Umgang mit dem Internet und mit Textverarbeitungs­software.“

Geschwister-Scholl-Gymnasium
„Unit21 fördert das interaktive, strukturierte Lernen und ermöglicht innovative Lehrmethoden am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Räumlich gibt es keine Begrenzung. Mit Unit21 lassen sich aufwändige Experimente als Schülerversuche im Unterricht integrieren.“

Hellweg-Realschule
„Die Arbeit im Portal Unit21 ist für uns ein wesentlicher Baustein unseres Unterrichts. Schülerinnen und Schüler der Hellweg-Realschule in Unna-Massen nutzen den Laptop zur vertiefenden und interaktiven Arbeit im Unterricht. Die unterschiedlichen Lernprogramme und Lernplattformen machen den Unterricht motivierender und individueller. Sie können von überall auf ihre Unterrichts­ergebnisse zugreifen.“

Quelle: didacta DIGITAL – Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien, Ausgabe 1/2017, S. 6-9 , www.didacta-magazin.de 

Von

Autorin Tina Sprung

studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Linguistik und absolvierte anschließend ein Zeitungs-Volontariat.  Sie ist Redakteurin bei Frühe Bildung Online sowie Redaktionsleitung von Meine Kita – das didacta Magazin für die frühe Bildung. Ihr Freundkreis besteht fast nur aus Erziehern und Lehrern.

Meine Kita