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Musikbildung

Musik fördert die Konzentration

Mit kleinen musikalischen Übungen lässt sich ästhetische Bildung fördern, der Schultag rhythmisieren und die Aufmerksamkeit der Schüler gewinnen. In Zeiten der Digitalisierung ist das besonders wichtig.

Magnus Gaul

10 Prozent von dem, was wir lesen, können wir behalten. Dasselbe gilt für 20 Prozent von dem, was wir hören, und 30 Prozent von dem, was wir sehen. Die Kombination aus Hören und Sehen macht 50 Prozent. Die Erfolgsrate steigt auf 70 Prozent, wenn wir etwas selbst sagen. Und schließlich können 90 Prozent all derjenigen Inhalte gemerkt werden, wenn wir sie selbst tun. Aktive Partizipation in Form von manuellen Tätigkeiten hilft uns, Lernprozesse zu steuern und zu verinnerlichen.

 

Emotionen wecken und Gemeinschaft spüren

Ohne, dass Lehrkräfte eine emotionale Balance in der Klasse hergestellt haben, ist ein Zugang zu Kindern nur schwer möglich. Musik kann dabei helfen, Ängste abzubauen und Kontakte zu fördern. Kommunikation baut sich zunächst auf einer auf die Sinne bezogenen Beziehungsqualität auf. Mit einem gemeinsamen Lied, einem Sprechvers oder Bewegungen, die als Spiegelbild gesteuert werden, ist ein koordinierter Beginn der Unterrichtsstunde möglich, und die Kinder sind sofort an gemeinsamen Ergebnissen interessiert.

Übung: Sprechvers als Einstieg in die Unterrichtsstunde

Ein kurzer rhythmisierter Vers „Heute ist Dienstag, das ist schön“ ist eine einladende Geste und bezieht alle ein. Der soziale Zusammenhalt in der Gruppe ist angebahnt. Der Puls des Sprechverses kann dabei zum Beispiel mit einem Seitschritt – zunächst nach rechts, dann nach links – gehalten werden. Der kurze einleitende Vers kann mit einem Reim beantwortet werden. Im Idealfall solle er immer aus zwei oder vier Takten bestehen, um das Frage-Antwort-Spiel im gleichmäßigen Puls zu halten. Zum Beispiel: „Wir wollen gar nicht mehr nach Hause gehn“. Die Weiterführung erfolgt in eigenen Versen, die auf die Gruppe abgestimmt sind und letztlich das Finden eines gemeinsamen „Pulses“ zum Ziel haben, der den Versen als durchlaufender Grundschlag zugrunde liegt.

 

Wahrnehmung und Sinnesschulung

In der Schule bietet das Fach Musik die Möglichkeit, die Sinne unverstellt auszuprobieren und auszuloten. Kinder zeigen in ihren entwicklungsbedingten Lern-Zeitfenstern eine erstaunliche „Offenohrigkeit“, das heißt sie sind zugänglich für akustische Reize verschiedener Art. Das wird „Critical period“ genannt. Diese Chancen zeigen sich in frühen Entwicklungsphasen und können später nicht mehr nachgeholt werden. Bei den Heranwachsenden gilt es, sie für das Hören zu sensibilisieren und Erfahrungen zu vermitteln. Kindergarten und Primarstufe eignen sich optimal dazu, Signalwirkungen oder andere Hörerfahrungen zu vermitteln und Reaktionen auszutesten, beispielsweise das Anhalten einer Aktivität auf ein akustisches Zeichen hin oder das Fortfahren bei einem anderen Zeichen.

Übung: Zauberwald

Ein Kind hält die Augen verschlossen oder trägt eine Augenbinde. Zur Orientierung im Raum erklingen einzelne Rhythmus- und Effektinstrumente mit einem kurzen akustischen Impuls, die sich in der Klangfarbe gut unterscheiden lassen, zum Beispiel Holz und Metall. Sobald sich das Kind mit der Augenbinde langsam bewegt und sich einem anderen Kind unbewusst nähert, erklingt das jeweils vereinbarte kurze akustische Zeichen. Auf diese Weise kann sich ein Kind mit verbundenen Augen, ähnlich der Bewegung in einem Parcours, seinen Weg durch einen „Zauberwald“ bahnen. Die anderen Kinder unterstützen das Finden des Weges mit der Betätigung des Instrumentes.

 

Strukturierung des Vormittages durch Musik

Musik versetzt Kinder in die Lage, Aufmerksamkeit zu schulen und Konzentrationsspannen zu erweitern. Da die Kinder an gemeinsamen Ergebnissen in der Gruppe und der Klasse interessiert sind, kann Musik darüber hinaus als ordnendes Prinzip gezielt eingesetzt werden. Denn sie entwickeln langsam ein Gefühl für Zeitspannen und Tagesverläufe. Die Rhythmisierung des Vormittags mit der Einbeziehung von Signalen, Liedern, Ritualen und handlungsbegleitenden Sprechversen kann Hilfen bereitstellen, Ordnungsprinzipien zu schaffen, die für andere Lernbereiche ihre Gültigkeit behalten. Beispielsweise kann die Beachtung des „Redens“ und „Ausreden-Lassens“ mit einem einfachen RedeAntwort-Vers geübt werden, der auf ähnlichen Prinzipien beruht. Lieder und Sprechverse bilden immer wiederkehrende Referenzpunkte, werden in der Gruppe schnell als Muster für eigenes Verhalten erkannt, und sie geben Sicherheit im eigenen Handeln.

Übung: Kinderreime

Mit Kinderreimen kann das Sprechen automatisiert und die Aufmerksamkeit der Kinder geschult werden. Dabei können die Wörter an Bewegungen gekoppelt werden. Solche Sprechverse, Bewegungsspiele und Abzählreime sind aus dem Kindergarten bekannt. Beispiel: Eins, zwei, Papagei, Drei, vier, Offizier, Fünf, sechs, alte Hex’, Sieben, acht, Kaffee gemacht. Neun, zehn, weiter geh’n, Elf, zwölf, junge Wölf’, Dreizehn, vierzehn, Haselnuss, Fünfzehn, sechzehn, du bist druss.

 

Musik und digitale Medien

Techniken und Spielformen, die das Fach Musik bereitstellt, können als wichtige Erziehungsmodi dienen und kreative Elemente bereitstellen, die für den gesamten Tag zur Verfügung stehen. Gezielt eingesetzt, eröffnen sich auch Wege zur Kombination mit digitalen Medien. Wenn sinnvolle Lerneinheiten gebildet und zeitlich strukturierte mediale Phasen eingehalten werden, kann beispielsweise der Einsatz von Videovignetten, Tondokumenten und Lernvideos altersgerechte Lernformen bereitstellen, die als eine zusätzliche Bereicherung manueller Erfahrungsspielräume genutzt werden können.

Digitale Medien können vielfältige Erfahrungen bieten. Aktives Tun und einen kindgerechten Zugang zu Lerninhalten mit allen Sinnen können sie jedoch nicht ersetzen. Im Hören, Sprechen, Singen, Tasten und aktiven Musizieren werden ästhetische Erfahrungen geweckt und wach gehalten, soziale Handlungsmuster ausgetestet und Hilfen bereitgestellt, das Lernen in analogen und digitalen Zusammenhängen mit „Kopf, Herz und Hand“, wie es der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi ausdrückte, zu begreifen.

 

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2019, S. 18-20, www.didacta-magazin.de

Magnus Gaul

Prof. Dr. Magnus Gaul ist Lehrstuhlinhaber für das Fach Musik an der Universität Regensburg. Er ist Initiator unterschiedlicher Bildungsprogramme für Grundschulen und Kindergärten, unter anderem von SPRING – Sprache lernen durch Singen, Bewegung und Tanz. www.musikpaedagogikonline.de

Von Magnus Gaul • 23.05.2019

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