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Welche Bildung brauchen Kinder?

"Eigensinniges" Lernen als Entwicklungsrecht des Kindes

Die wichtigsten Dinge, die ein Kind für seine Zukunft braucht, kann man ihm nicht beibringen: innerliche Stärke, Mitgefühl, soziale Kompetenz, Kreativität. Denn diese Schätze sind Erfahrungsschätze - nur das Kind selbst kann sie heben. Herbert Renz-Polster legt in ZeT - Zeitschrift für Tagesmütter und -väter - dar, was wir Erwachsenen tun können: dem Kind die Bedingungen dafür bieten. Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der ZeT-Redaktion.

Dr. Herbert Renz-Polster

Wir glauben manchmal, die beste Bildung für ein Kind bestehe darin, dass es die Bildungsangebote in den Einrichtungen möglichst gut nutzt. Pass gut auf und mach gut mit, dann wirst du fit für die Zukunft! Ich will hier begründen, warum die Bildung, die für ein menschliches Leben taugt, in ihrem Kern weit über die vorgegebenen Bildungspläne hinausgehen muss. Ja, ich will sogar begründen, warum selbst das hoch gelobte Lernen am Vorbild für ein Menschenkind nicht ausreicht. Kurz, ich will erklären, warum das Kind nicht bei den Angeboten stehen bleiben darf, sondern sich Lernziele setzen muss, die es nur auf eigenen Pfaden erreichen kann.

 

Das Unschärfeproblem der menschlichen Entwicklung

Dieser Rahmen ergibt sich aus der evolutionären Beladung unserer Art. Homo sapiens hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte auf eine fast schon halsbrecherische Strategie eingelassen. Anders als die anderen Lebewesen passt er sich der Umwelt nicht nur dadurch an, dass er sich selbst und sein Verhalten verändert. Nein, er passt sich dadurch an, dass er die Umwelt verändert. Er schafft also das, was wir Kultur nennen – und landet damit in immer neuen, selbst geschaffenen Welten, auf die er sich immer wieder neu einstellen und in denen er sich immer wieder neu bewähren muss.

Das Menschenkind hat damit ein dickes Problem – ein Unschärfeproblem nämlich: Auf welche Welt soll es sich vorbereiten? Auf die Welt seiner Erzieherinnen oder Lehrer? Auf die seiner Eltern?

Letzteres wäre eine erfolgreiche Strategie für die anderen Tiere. Eine Katze tut tatsächlich gut daran, in seiner Entwicklung alle Vorgaben zu erfüllen und das Buch vom Katzenleben in seiner Entwicklung genau zu kopieren, Buchstabe für Buchstabe. Schließlich wird es in seinem Leben dieselben Dinge tun wie seine Eltern – noch in 500 Jahren wird die Katze vor dem Mauseloch sitzen, garantiert, ohne jeden Zweifel.

Das Menschenkind? Kennen wir seine Zukunft? Wissen wir, wie Menschen in 500 Jahren leben werden? Ja, wissen wir denn, wie die Zukunft der Kinder, die wir da „fördern“ wollen, in 20, 25 Jahren aussehen wird? Wir wissen es nicht, wir tun nur so als ob. In Wirklichkeit nämlich geht das Menschenkind ins Ungewisse. Denn hinter den Lebensmodellen, die bereits im Angebot sind, liegt ja schon das Neuland, das gerade erst entsteht. Ein kulturelles Neuland, in dem noch nie jemand gewesen ist, nicht die Lehrer, nicht die Eltern. Kann es die Strategien, mit denen man dort erfolgreich ist, bei Mama und Papa abkupfern? Sollte das Kind sich mit einer Kindheit zufrieden geben, in der es lernt, die Vorgaben der Großen möglichst brav und effizient zu erfüllen? Zumindest sollte es dabei nicht stehen bleiben, denn das Kind muss sich auf eine Welt vorbereiten, die gerade erst entsteht. Die Karte, die es für dieses Neuland braucht, ist selbst bei den besten Eltern und Pädagogen nicht im Angebot. Die Kinder müssen sich diese Karte selbst anfertigen – während sie das Neuland kennenlernen.

 

Kindliches Lernen

Wie schaffen die Kinder das? Wer mit Eltern redet, stellt fest, dass sie im Grunde schon verstehen, dass es für eine echte, umfassende Bildung mehr braucht als nur die vorgegebenen Bildungsziele zu erreichen (und dabei möglichst gute Noten einzuheimsen). Sie wissen intuitiv, dass echte Bildungsstandards am Kind abzulesen sind und nicht an seinen Zeugnissen. Sie wissen, dass ihr Kind für eine echte Vorbereitung auf das Leben wache Augen braucht, Neugier, Selbstbewusstsein, innere Stärke.

Die Entwicklungspsychologie beschreibt die fundamentalen Kompetenzen, die ein Kind braucht, damit Bildung gelingt:

Das Kind muss nach und nach lernen, mit sich selbst klar zu kommen – also seine Gefühlswelt, seine Impulse und Emotionen in den Griff bekommen. Es muss exekutive Kontrolle erlangen.

Das Kind muss aber auch lernen, mit den anderen Menschen klar zu kommen (es muss seine soziale Kompetenz aufbauen). Als Voraussetzung hierzu muss das Kind eine Theorie des Geistes entwickeln, also lernen, sich in die Gedanken, Gefühle und Werte der anderen hineinzuversetzen und die Welt auch aus deren Perspektive zu sehen, zu begreifen und zu bewerten.

Und das Kind muss resilient werden – also eine Art Rückgrat ausbilden, das ihm hilft, Widerstände zu überwinden, Krisen zu meistern, sich immer wieder neu zu erfinden.
 

 

Das pädagogische Dilemma

Diese Fundamentalkompetenzen haben eines gemeinsam: Sie können dem Kind nicht von Erwachsenen in didaktischer Absicht vermittelt werden. Man kann ein Kind nicht darüber belehren, wie es innerlich stark wird. Auch Mitgefühl kann man einem Kind nicht beibringen. Und soziale Kompetenz lässt sich erst recht nicht anerziehen – hier versagt selbst das pädagogisch wertvollste Programm. Genauso wenig kann man sich Kreativität erarbeiten – ja, man kann sie nicht einmal üben (üben Sie einmal Kreativität mit einem Kind).

Mehr noch, beim Aufbau der Fundamentalkompetenzen stößt selbst die Vorbildpädagogik an ihre Grenzen: Nicht wenige Kinder leben mit innerlich starken Eltern oder Erzieherinnen, finden aber selbst keinen Ansatz, um mit ihren eigenen Ängsten umzugehen – man kann sich, so scheint es, sein Fundament nicht borgen oder von anderen übernehmen.

Und genau hier sind wir wieder beim „eigensinnigen“ Lernen des Kindes. Denn all diese Fähigkeiten sind Erfahrungsschätze. Sie können von niemand anderem als vom Kind selbst gehoben werden – mit eigenen Augen, Händen und Herzen. Das Fundament der kindlichen Entwicklung kann also gar nicht auf geleitetem Lernen beruhen, das Kind braucht sein eigenes Lernen. Es funktioniert, wenn das Kind zwei förderliche Grundbedingungen vorfindet:

Die erste: stärkende Beziehungen. Kinder können Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein nur ausbilden, wenn sie Schutz und Sicherheit erfahren. Wenn sie also mit Menschen leben, die zu ihnen stehen, die ihre Stimme hören und die sie nicht im Stich lassen, wenn sie in Not sind. Dadurch, dass Kinder spüren, dass sie ihren Eltern und Bezugspersonen bedeutsam sind, bildet sich in ihnen das Gefühl von Stimmigkeit und Zugehörigkeit aus – diese „Beziehungsheimat“ wird auch sichere Bindung genannt. Diese Basis macht die Kinder mutig und neugierig, sie ist damit gleichzeitig ihr Geleitschutz auf dem Weg hinaus in die Welt ...

Und damit sind wir bei der zweiten Zutat: die stärkende, kindgerechte Welterfahrung. Von ihrem ersten Lebenstag an wollen Kinder wirksam sein und sich selbst, die anderen Menschen und die Welt entdecken. Sie wollen das – das ist für sie wichtig – auf ihre Art tun, also entsprechend ihrer Neugier, ihrer Kraft und der jetzt gerade für sie geltenden Entwicklungsagenda. Gerne mit anderen Kindern, mit größeren und kleineren. Kein Wunder, dass Kinder das Kribbeln und die Auseinandersetzung mit der Welt suchen! Kein Wunder, dass es sie zur Überwindung von Widerständen zieht! Und von jeder selbst gestellten Aufgabe, von jedem Abenteuer kommen sie gestärkt zurück.

Und damit sind wir beim Alltag des Kindes. Denn die stärkende, selbstförderliche, kindgerechte Welterfahrung, nach der das Kind strebt, kennen wir alle: Sie heißt Spiel. Sie heißt: den Alltag ausgestalten. Sie heißt: bedeutsame Beziehungen pflegen, mit Groß und Klein. Sie heißt: die Welt verstehen. Das ist die Entwicklungsarbeit des Kindes.

 

Wie viel Freiheit? Wie viel Vorgaben?

Damit sind wir wieder bei der Eingangsfrage: Wie viel Freiheit braucht das kindliche Lernen? Wie viel Struktur? Ich kann darauf keine quantitative Antwort geben. Ich kann nur das beisteuern: Das Lernen des Kindes ist ein von Eigensinn durchtränktes Beziehungsgeschehen. Dieses muss dem Kind letzten Endes ermöglichen, sich im Hier und Jetzt zurechtfinden. Es muss ihm gleichzeitig helfen, sich auf eine ungewisse Zukunft vorzubereiten ...

Die Bildung des Menschenkindes ist damit eine umfassende. Sie muss dem Kind den Zugriff auf den Bestand des bisher Gelernten ermöglichen – und das schließt das schulische, strukturierte Lernen gewiss mit ein. Sie muss dem Kind ermöglichen, die Dinge zu tun, die seinem Wesen, seinen Anlagen und Talenten entsprechen. Sie muss ihm ermöglichen, in einer ungewissen Welt klarzukommen. Sie muss ihm ermöglichen, das Beste aus seiner Situation zu machen. Nicht zu verzagen, sich immer wieder neu zu erfinden, sich neuen Aufgaben zu stellen, kreative Lösungen zu finden. Kurz: Sie muss ihm ermöglichen, im Neuland zu bestehen.

Dieser Spagat wird nur gelingen, wenn das Kind seine Entwicklungsarbeit tun kann. Wenn es sich auf ein solides Fundament der Persönlichkeit verlassen kann. Er wird nur gelingen, wenn die Kinder sich bewähren dürfen in den Dingen, die ihnen selbst bedeutsam sind. Wenn sie den Eigen-Sinn weiter entwickeln dürfen, den sie später in dem Neuland gut gebrauchen werden können. Dazu brauchen Kinder ihre eigene, freie Zeit. Sie brauchen ihren eigenen, freien Raum. Sie brauchen Gelegenheiten, um ihre eigenen Fragen zu beantworten. Wer immer nur Antworten auf Fragen finden soll, die die anderen stellen, vergisst irgendwann die eigenen Fragen. Das wäre für eine Katze nicht weiter schlimm. Aber für ein Menschenkind wäre das fatal.
 

Grundlegendes zu diesem Thema behandelt das Buch: „Menschenkinder“ von Herbert Renz-Polster, Kösel 2016).
Mehr unter www.kinder-verstehen.de

 

 

Quelle: ZeT - Zeitschrift für Tagesmütter und -väter 2/2019, S. 17-19

Übrigens: ZeT 2/2019 hat das Schwerpunktthema "Eltern".

 

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Der Autor Dr. Herbert Renz-Polster

ist Kinderarzt und Autor mehrerer Bücher zum Thema kindliche Entwicklung und Gesundheit.

herbert.renz-polster@posteo.de

Beim Aufbau der Fundamentalkompetenzen stößt selbst die Vorbildpädagogik an ihre Grenzen.

Dr. Herbert Renz-Polster
Von Dr. Herbert Renz-Polster • 18.04.2019

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