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Pädagogik

100 Jahre Waldorfpädagogik: Erziehungskünstler

Die Waldorfeinrichtungen sind auch hundert Jahre nach ihrer Gründung ebenso erfolgreich wie umstritten. Ein Blick in ihre Geschichte lässt ahnen, warum das so ist.

Volker Frielingsdorf

Vor genau hundert Jahren, 1919, befand sich Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in einer äußerst problematischen Lage. Diese Zeit des Umbruchs und des Beginns der Weimarer Republik war zugleich eine Zeit, in der viele Menschen nach Alternativen und wirklichem Neubeginn in verschiedensten Lebensfeldern suchten.

 

Ein neues Verständnis von Kindheit

Dies kam damals insbesondere der Pädagogik zugute. Denn in diesen ersten Jahren nach 1918 gab es viele Schulversuche, neuartige Kindergärten und damit ein neues Verständnis von Kindheit und Jugendalter. Deshalb bezeichnet man diese Zeit bis Mitte der 1920er-Jahre als die Blütezeit der Reformpädagogik. In diesem Umfeld gelang es Emil Molt, Direktor der Stuttgarter Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter und Angestellten aufzubauen. Molt war hierfür an Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie herangetreten, mit der Bitte, die neue Schule zu leiten und ihr ein tragfähiges pädagogisches Fundament zu geben.

 

Erste Waldorfschule öffnete in Stuttgart Zur allgemeinen Überraschung gelang das Schulexperiment. Binnen kurzer Zeit hatte Steiner ein Lehrerkollegium gewonnen und es im Sinne der von ihm entwickelten pädagogischen Anthropologie ausgebildet. Bereits im September 1919 konnte in Stuttgart-Ost die erste Waldorfschule eröffnet werden. Schnell erwarb sie sich einen so guten Ruf, dass sie zur größten Schule in Stuttgart wurde. 1920 eröffnete in der Schule der erste Waldorfkindergarten mit 33 Kindern, der aus Platzgründen jedoch kurz darauf wieder schließen musste. Sechs Jahre später öffnete der erste eigenständige Waldorfkindergarten auf dem Gelände der Zigarettenfabrik.

 

Trotz dieser Anfangserfolge hätten damals selbst die größten Optimisten nicht erwartet, dass die Waldorfpädagogik sich bis ins 21. Jahrhundert weltweit mit insgesamt über 1000 Schulen und rund 2000 Waldorfkindergärten ausbreiten würde. Denn angesichts der vielen reformpädagogisch ausgerichteten Modelle, die es damals gab, war nicht abzusehen, welche Richtung sich durchsetzen würde – die Waldorfkindergärten und -schulen nahmen seinerzeit eine Außenseiterposition ein. Wenn sich also heute weltweit neben der Montessoripädagogik vor allem die von Rudolf Steiner begründete „Erziehungskunst“ etabliert hat, so ist dies erklärungsbedürftig.

 

Zu den Gründen zählen:

  • In der Gründungsphase waren es das Charisma Steiners und das von ihm vertretene, in sich konsistente Bildungskonzept, das viele Lehrer und Eltern überzeugte und das auch den Praxistest bestand. 
     
  • In der Zeit des Dritten Reiches bewiesen die Waldorflehrer eine erstaunliche Prinzipientreue, mit der es ihnen gelang, ihre Schulen im Deutschen Reich zunächst am Leben zu erhalten, ehe sie die Selbstschließung veranlassten oder eine nach der anderen verboten wurden.
  • In der Verbotszeit während der NS-Diktatur blieben die maßgeblichen Vertreter der Waldorfpädagogik ihren Grundüberzeugungen treu. So konnten seit 1945 in den drei westlichen Besatzungszonen mehr als zwanzig Waldorfschulen gegründet werden, die sich alle behaupteten. 
     
  • In den 1950er- und 60er-Jahren gelang den westdeutschen Waldorfschulen der Aufbau einer funktionstüchtigen Organisationsstruktur mit einer eigenständigen Lehrerausbildung.
     
  • Dadurch waren sie in der Lage, die seit 1969 in den Zeiten einer allgemeinen Bildungseuphorie sehr hohe Nachfrage seitens interessierter Eltern zu befriedigen. So konnten in den Jahren bis zur Wiedervereinigung mehr als 100 neue Waldorfschulen alleine in Deutschland gegründet werden.
     
  • Seit den 1990er-Jahren hat sich die Waldorfpädagogik kontinuierlich weiter ausbreiten können, und zwar nicht nur in Mitteleuropa, sondern weltweit. Nach Einschätzung des waldorfkritischen Erziehungswissenschaftlers Heiner Ullrich sind sie mit der Zeit sogar „vom Außenseiter zum Anführer“ der internationalen Reformpädagogik geworden. In Deutschland gibt es heute rund 560 Waldorfkindergärten und 245 Waldorfschulen.

 

Kreative Fähigkeiten sind gleichgewichtig

Die Gründe des Erfolgs der Waldorfpädagogik liegen in ihrem Erziehungs- und Unterrichtskonzept. Der ganzheitliche Bildungsansatz, die gleichgewichtige Berücksichtigung künstlerischer und handwerklicher Fähigkeiten, in der Schule der durchgängige Verzicht auf Notendruck und Angst machende Selektionsmechanismen, die besondere Gestaltung der Kita- und Schulbauten mit Gärten, Werkstätten und Musikräumen und nicht zuletzt die Verfassung einer von Staat und Wirtschaft unabhängigen „Freien Schule“ – all dies sind Faktoren, die nach wie vor für viele Eltern attraktiv sind.

 

Bei alledem blieb es dennoch nicht aus, dass die Waldorfpädagogik immer wieder scharf kritisiert wurde. Wenn man von den Angriffen aus den Reihen der Nazis und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) absieht, waren es neben den beiden Kirchen vor allem Erziehungswissenschaftler, die speziell die anthroposophischen Grundlagen der Waldorfpädagogik hinterfragten. Dabei waren es einerseits ungeprüft hingenommene Aussagen Steiners, die Skepsis hervorriefen, andererseits warfen sie ihr ein geschlossenes Weltbild vor. Außerdem wirken sektiererische Tendenzen, die es in der Welt der Waldorfschulen immer wieder gegeben hat, auf Außenstehende damals wie heute befremdlich.

 

Dass die Waldorfpädagogik trotzdem mehr Zuspruch als Ablehnung erfahren hat, sollte Vertreter anderer Richtungen aufhorchen lassen. Gerade im Bereich der Kindergartenpädagogik ist das Konzept der Waldorfpädagogik eigenständig und anregend, auch weil es in manchem konträr zum heutigen Mainstream steht – beispielsweise in punkto Menschenbild und Kindheitsverständnis sowie insbesondere hinsichtlich der Nutzung von Medien und digitalen Möglichkeiten. Dem frühen Einsatz elektronischer und audio-visueller Medien stehen die Waldorfkitas skeptisch bis ablehnend gegenüber. Sie betonen die negativen Auswirkungen, die Fernsehkonsum und PC auf die kindliche Entwicklung haben können, da dadurch die Erlebniswelt der Kinder und die Ausbildung ihres Gefühls- und Willenslebens häufig stark beeinträchtigt würden.

 

Seit nunmehr 100 Jahren haben die Einrichtungen der Waldorfpädagogik das Recht jedes Kindes auf eine unbeschwerte Kindheit und aller Schüler auf eine angstfreie Schule propagiert und in der Praxis realisiert. Von einem stärkeren Dialog würden beide Seiten profitieren – nicht zuletzt auch die Anhänger der Waldorfpädagogik, die sich dadurch stärker aus ihrer Nische herauslösen könnten.

Was ist Waldorfpädagogik?

Die Waldorfpädagogik basiert auf dem von Rudolf Steiner begründeten Menschenbild, das er in seiner Anthroposophie („Weisheitslehre über den Menschen“) und der daraus resultierenden Entwicklungspsychologie ausführlich beschrieben hat. Die Waldorfpädagogik ist bestrebt, neben den kognitiven Fächern die musischkünstlerischen und die handwerklich-praktischen Fächer gleichgewichtig zu berücksichtigen. In den Waldorfkindergärten kommt der rhythmischen Tages- und Wochengestaltung, der Ritualisierung und der kindgerechten Gestaltung des Umfeldes besondere Bedeutung zu.

Zum Weiterlesen:

Volker Frielingsdorf Geschichte der Waldorfpädagogik

Von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart

Beltz Verlag, 2019

 

Wolfgang Saßmannshausen

Waldorf-Pädagogik in der Kita

Herder Verlag, 2015

 

Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2019, S. 18-21, www.fruehe-bildung.online

Dr. Volker Frielingsdorf

Dr. Volker Frielingsdorf ist Professor für „Waldorfpädagogik und ihre Geschichte“ an der Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn.

Von Volker Frielingsdorf • 06.08.2019

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