Schafe Kita Mäuseturm
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Die besondere Kita

Im Mäuseturm

Nicht nur Kinder und pädagogische Fachkräfte gehören zur Kita im Mäuseturm, sondern auch Ziegen und Schafe. Kita-Leiterin Christa Müller und ihr Team berichten, wie dort Kinder mit den Tieren lernen und was ihre Einrichtung außerdem besonders macht.

Christa Müller, Andrea Schäfer, Maren Runge

Eine Besonderheit des Mäuseturms sind unsere Tiere, die wir seit der Eröffnung der Kita 2003 halten. Momentan leben die Ziege Zelda sowie drei Schafe auf unserem Gelände. Anfang Januar 2019 starb unsere Ziege Blacky im Alter von knapp elf Jahren. Damit Zelda nicht alleine bleiben musste, beschlossen wir gemeinsam mit den Kindern, ihr neue Partnerinnen und Partner an die Seite zu stellen. Ein Schaf hatte aufgrund seines weißen Fleckes auf dem Kopf bereits den Namen Mütze. Über eine Woche lang sammelten Kinder, Eltern und Fachkräfte weitere Schafnamen und schrieben sie auf. Im Morgenkreis bestimmten dann die Kinder, wie das weiße Schaf und die Schwester von Mütze heißen sollten. Jedes Kind konnte bei allen Lieblingsnamen aufstehen und somit mehrmals seine Stimme abgeben. Uns Erwachsenen gefielen die Namen Flöckchen und Shaun sehr gut, aber die meisten Kinder standen beim weißen Schaf für Marina und bei der Schwester von Mütze für Isabella auf. So ist das mit der Demokratie.

Im Mäuseturm sehen wir Kinder als aktive Lernende und Forscher. Jedes Kind ist einzigartig. Daraus ergeben sich für uns Erzieherinnen und Erzieher viele Fragestellungen: Welche Rolle gestehe ich dem Kind zu, wo und wie kann ich Kinder im Alltag miteinbeziehen? Bildung ist bei uns vor allem Selbstbildung. Unsere Aufgabe ist, Kinder auf ihren Bildungswegen zu unterstützen und von ihrer Sicht auf die Welt zu lernen. Ein stärkenorientierter Blick auf das Kind mit humorvoller Nachsicht und optimistischer Aussicht unterstützen das Lernen. Ohne Fehler kein Lernen, ohne Optimismus kein Gelingen. Durch Lob, Anerkennung und eine positive Haltung wird das Kind motiviert.

Das Besondere für die Kinder

Die Tiere bereichern unsere pädagogische Arbeit, denn viele Kinder haben keinen direkten Kontakt zu Tieren. Die Kinder lernen, Verantwortung für andere Lebewesen zu übernehmen, auf deren Bedürfnisse zu achten und indem sie Tiere beobachten, ihre Körpersprache zu deuten. So zeigen die Schafe unmissverständlich, wann sie gestreichelt werden möchten und wann nicht. Die Kinder beachten diese Signale und erfahren, dass die Tiere Ruhephasen benötigen. Es ist schön, zu erleben, wie die Kinder sich rücksichtsvoll verhalten und somit einen wichtigen Beitrag für das Wohlergehen von Zelda, Mütze, Marina und Isabella leisten. Darüber hinaus helfen die Kinder täglich mit, die Ziege und die Schafe zu füttern, sie mit Wasser zu versorgen und den Stall auszufegen. Gemeinsam mit den Eltern wird das Gehege zweimal im Jahr gesäubert. Ein weiterer schöner Aspekt bei der Tierhaltung ist, dass die Vierbeiner den Kindern gerade in der Eingewöhnungssituation helfen, sich von ihren Eltern zu lösen und ihnen Trost spenden.

Der besondere Raum

Was unsere Kita außerdem besonders macht: Wir arbeiten nach einem offenen Konzept mit Funktionsräumen und es gibt ein Kinderbüro. Das Kinderbüro ist ein etwa 12 Quadratmeter großer Raum. Zum konzentrierten Tun laden ein verstellbarer Schreibtisch mit Tischlampe, ein runder Konferenztisch mit vier Hockern für Kleingruppen und die freie Bodenfläche ein. Daneben sind zwei Regale mit typischen Büromaterialien bestückt wie verschiedene Papierarten, Tacker, Locher, Büroklammern, Kugelschreiber, Briefumschläge und Schnellhefter. Ganz normale Bürobedarfsmaterialien, wie auch Erwachsene sie benutzen, sind hier für die Kinder erreichbar untergebracht. Verschiedene Medienerfahrungen sollen in dem Raum ermöglicht werden. So können die Kinder in ihrem Büro zum Beispiel Sachbücher, eine Landkarte oder einen Globus anschauen, ein Puzzle oder ein Lernspiel lösen. Ein großes Kopiergerät, ein Fotodrucker, ein Fotoapparat und ein Laminiergerät sind ebenfalls vorhanden, sodass auch das Team den Raum in seiner Bürofunktion nutzen kann.

Das größere Regal beinhaltet – auf Kinderhöhe angeordnet – die Portfolios der Kinder. Große Ringbuchordner, in denen die bisherige Bildungsbiografie eines jeden Kindes dokumentiert ist. Die Kinder gestalten ihre Portfolios mithilfe der Erzieherinnen und Erzieher ständig weiter. Dieser persönliche Schatz wird auch gerne mal „nur“ angeschaut. Beim Blättern durch die bisherigen Errungenschaften, schönen Erinnerungen oder selbst geschaffenen Kunstwerke, kann das Kind sich mit seinem Groß-Werden, seinen Interessen und bisherigen Entwicklungsschritten auseinandersetzen. Dabei begleitet von einem interessierten Erwachsenen, genießt das Kind die Wertschätzung und ungeteilte Aufmerksamkeit: Beziehungsarbeit par excellence. Das Kinderbüro bietet dafür einen guten Rahmen: Das Raumkonzept sieht in diesem Funktionsraum vor allem die Möglichkeit zum ruhigen Arbeiten, zur Konzentration, also allgemein zur vertieften Auseinandersetzung mit einem Thema vor.

Das besondere Projekt

Die Zukunft unserer Welt hängt von einem nachhaltigen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen ab. Es ist so lohnend und in Anbetracht der aktuellen Weltlage sogar zwingend erforderlich. Wir wollen Kinder schon in der Kita in ihrer Bereitschaft zum nachhaltigen Handeln fördern. Denn wir sind der Überzeugung, dass die in früher Kindheit erworbenen Werte, Fertigkeiten und moralischen Grundannahmen für das Denken und Handeln des späteren Erwachsenen eine wichtige Rolle spielen. Daher haben wir im Mäuseturm damit begonnen, in kleinen Schritten Nachhaltigkeitsbildung im Kita-Alltag zu implementieren. Jedes Handeln beginnt beim Denken. Die innere Haltung bestimmt wesentlich das Ergebnis unserer Bemühungen. Wir glauben, dass wertschätzendes Handeln und Achtsamkeit gegenüber Menschen und Dingen an erster Stelle steht. Diese Wertschätzung spiegelt sich in kleinen Momentaufnahmen im Alltag wider: Der Spielzeugeule aus Plastik ist ein Flügel abgebrochen, das Ohr vom Lieblingsteddy verliert Watte, auf dem Maltisch wurde die Schutzdecke aus Versehen angeritzt – kein Problem, wir reparieren das. Aus einem kaputten Planschbecken stellen wir eine neue Maldecke her und aus den weiteren Resten nähen sich die Kinder eine Umhängetasche. Kinder machen alleine durch Beobachtung die Erfahrung, dass Dinge repariert werden können. Oftmals bietet sich hier die Gelegenheit über den Ressourcenschutz und die Herstellung vieler unserer Alltagsmaterialien zu sprechen.

In unserem Kreativbereich wird viel mit Materialien gearbeitet, welche anderswo im Müll gelandet wären, so beispielsweise mit Joghurtbechern, Plastikverpackungen, Luftpolsterfolien, pfandfreien Flaschen und vielem mehr. Wir sammeln in unterschiedlichen Behältern saubere Plastik- oder Pappreste aus den Haushalten der Kinder und stellen ihnen diese zur Verfügung. Nach Aussage vieler Eltern wird dieses Thema zu Hause von den Kindern neuerdings  auch öfter aufgegriffen. Die Kinder fungieren hier als Multiplikatoren für Themen der Nachhaltigkeit in ihren Familien.

Das Besondere für Team und Leitung

Vor 25 Jahren herrschte weitgehend Übereinstimmung darüber, was die richtige Erziehung anging. Waren Eltern im Zweifel, konnten sie sich im Familien- und Freundeskreis umhören und erhielten oft gleichlautende Antworten: Kinder müssen lernen sich ein- und unterzuordnen. Unterschiede bestanden allenfalls zwischen den sozialen Schichten der Gesellschaft, innerhalb der eigenen Schicht konnte man sich einer ähnlichen Erziehung gewiss sein.

Inzwischen ist glücklicherweise viel geschehen, was die Werte in Familie und Gesellschaft betrifft. Unser Wissen über Kinder und ihre Entwicklung ist beträchtlich gewachsen. Eine der gegenwärtigen Folgen ist jedoch, dass wir Eltern neue Wege für das Zusammenleben mit ihren Kindern aufzeigen sollten. Welche Haltung und welches Denken möchten wir mit unserer Erziehung in der Familie erreichen? Wenn wir uns wünschen, dass unsere Kinder zu Menschen heranwachsen, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit, Kompetenz und ein starkes Selbstwertgefühl mitbringen, dann brauchen Kinder Eltern, die bereit sind, sich zu entwickeln und mit ihren Kindern zu wachsen. Eltern, die täglich Fehler machen und nicht immer perfekt sein wollen. Eltern, die sich entspannen und sich trauen, Nein zu sagen, wenn ihnen danach ist. Eltern, die wissen, dass ihre Kinder nicht wie sie selbst sein müssen, um gut zu sein und die die Kraft haben, sich und ihren Kindern zu vertrauen.

Ich habe den allergrößten Respekt vor den Eltern in unserer Einrichtung, die den Mut haben, sich zur Unsicherheit zu bekennen und die die Energie aufbringen, sich in eine Entwicklung zu stürzen, die Kraft und einen langen Atem benötigt. Es bereitet mir außerdem viel Freude, die Eltern darin zu unterstützen, Beruf, Erziehung und Kinderbetreuung zu vereinbaren und gemeinsam mit ihnen den Weg für ihre Kinder in eine glückliche und gute Zukunft zu ebnen.

Seit 15 Jahren arbeite ich als Leiterin im Mäuseturm und blicke auf eine spannende und abwechslungsreiche Zeit zurück. Neben den sehr guten Rahmenbedingungen sind es vor allem die Menschen – die Kinder, die Eltern und die großartigen Mitarbeitenden – die den Mäuseturm zu einem wunderbaren Ort machen. Die Welt mit Kinderaugen zu sehen, die enge Zusammenarbeit im Team, die Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit und neue konzeptionelle Schwerpunkte tragen dazu bei, dass ich jeden Tag gerne im Mäuseturm bin.

Das Besondere aus Sicht der Eltern

„Als berufstätige Mutter schätze ich am Mäuseturm die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Dazu gehören natürlich die sehr guten Rahmenbedingungen, wie Öffnungszeiten, Schließtage und die räumliche Nähe. Ich genieße es aber auch, wenn die Kinder des Mäuseturms mit uns in der Kantine der UCB essen, an Festen teilnehmen oder für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Weihnachtsbaum schmücken – und damit ein bisschen in meinen Berufsalltag integriert werden. Darüber hinaus beeindruckt mich die Individualität in der Betreuung: Jedes Kind wird in der Lebenssituation abgeholt, in der es sich gerade befindet und bestmöglich in die nächste Phase begleitet. Dabei darf es den Weg aktiv mitgestalten. Diesen Umgang mit den Kindern erlebe ich als sehr wertschätzend – und hilft den Kindern, sich zu selbstbewussten Persönlichkeiten zu entwickeln.

Nicole Hillenbach, Mitarbeiterin bei UCB, einem Biopharmaunternehmen, und Mutter von Lotta, 2,5 Jahre, seit September 2017 als Elternteil im Mäuseturm

 

Ein besonderer Träger

 educcare ist ein bundesweit tätiger, freier Träger mit 35 bilingualen Einrichtungen für Kinder ab 6 Monaten. Der Mäuseturm gehört seit Februar 2019 zu educcare. Durch die vielen persönlichen Kontakte, die regelmäßigen Teammeetings und Events bestehen ein starker Zusammenhalt und ein gutes Arbeitsklima. Die flachen Hierarchien und effiziente Entscheidungswege schätze ich ebenso, wie das ungezwungene und familiäre Betriebsklima.

 

Im Mäuseturm eröffnete im Jahr 2003. Sie treffen dort täglich 50 Forscher/-innen, Tierpfleger/-innen, Sportler/-innen, Künstler/-innen, Musiker/-innen, Entdecker/-innen, Held/-innen, Wissenschaftler/-innen, Querdenker/-innen, Mutmacher/-innen, Handwerker/-innen, Raumausstatter/-innen und Ideengeber*innen im Alter von 6 Monaten bis zu 10 Jahren.

 

 

Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2019, S. 34-37, www.fruehe-bildung.online

Kita im Mäuseturm

Träger: educcare (bundesweit tätiger, freier Träger mit 35 bilingualen Einrichtungen für Kinder ab sechs Monaten)

Lage: Monheim, Nordrhein-Westfalen

Größe: 600 Quadratmeter plus 5000 Quadratmeter Außengelände

Personalstärke: 13 Erzieherinnen, 3 Mitarbeiterinnen im Freiwilligen Sozialen Jahr

Konzept: educcare Bildungs- und Erziehungskonzeption, Schwerpunkt offene Arbeit für Kinder von 6 Monaten bis zu 10 Jahren

Kontakt: Christa.mueller@educcare.de

Von Christa Müller, Andrea Schäfer, Maren Runge • 06.08.2019

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