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Sprachförderung

Resilienz- und Sprachförderung im Morgenkreis

Der Morgenkreis gilt bei manchen pädagogischen Fachkräften als veraltet. Dabei kann er helfen, Kindern Zugehörigkeit erleben zu lassen und fördert Resilienz und Sprache.

Tina Sprung : Meine Kita / Frühe Bildung Online: Wie sieht der Morgenkreis in vielen Kita aus?

Peggy Sarnowsky-Bresnik: Peggy Sarnowsky-Bresnik: Es gibt immer noch den klassischen Stuhlkreis, morgens um 9 Uhr, in dem alle Kinder zusammensitzen. Die pädagogische Fachkraft nutzt diesen Kreis, um den Kindern Wissen zu einem bestimmten Thema zu vermitteln. Passend zum Thema werden Lieder, Geschichten ausgewählt und gemeinsam mit den Kindern gestaltet. Meist sind dies Themen rund um den Jahreskreis oder Themen, die die pädagogische Fachkraft ausgewählt hat. Damit werden jedoch nicht alle Kinder erreicht. So ein Morgenkreis ist überflüssig.

Und wie sieht ein Morgenkreis aus, den Sie als pädagogisch wertvoll erachten?

Ein guter Morgenkreis ist einer, der als Gremium zur Beteiligung der Kinder genutzt wird. Zusammen mit den Kindern schaut die pädagogische Fachkraft, was an dem Tag ansteht, was sich die Kinder wünschen oder was sie auch ärgert. Die Erzieher greifen Themen der Kinder auf und setzen dementsprechend Impulse. Die Grundlagen dafür sollten die Beobachtung im Freispiel und Gespräche mit den Kindern sein.

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Können Sie dies anhand eines konkreten Beispiels beschreiben?

Wenn die Kinder zusammensitzen, fragt die Fachkraft die Kinder: Wer ist heute alles bei uns im Morgenkreis da? Wer fehlt? Die Kinder können selbstständig die Anwesenheit aller Kinder dokumentieren, zählen, wie viele Kinder heute anwesend sind, wie viele Jungen und Mädchen, und sich mit einem Begrüßungsritual und/oder einem Lied begrüßen. Der Kalender kann eingestellt und evtl. nach dem Wetter geschaut werden. Dies sollte ritualisiert und von den Kindern selbstständig durchführbar sein. Fragen nach den Themen der Kinder sollten im Morgenkreis immer im Vordergrund stehen. Was bewegt euch gerade? Was habt ihr heute vor? Was wollt ihr machen? Die Fachkraft informiert die Kinder aber auch über die Möglichkeiten, die die Kinder an diesem Tag in der Kita haben. Das stärkt den Zusammenhalt in der Gruppe, schafft Orientierung und Mitbestimmung. Aber auch die eigenen Bedürfnisse der Kinder werden verdeutlicht. Im nächsten Schritt können Impulse gesetzt werden. 

Wie kann das konkret aussehen?

Im Frühling, wenn die ersten Blumen blühen, können in die Mitte des Morgenkreises Frühblüher wie Krokusse und Tulpen gestellt werden. Die Kinder sprechen dann darüber, wie sie den Frühling erleben. Danach wird mit den Kindern besprochen, welche Aktionen und Experimente sich daraus ergeben. Die pädagogische Fachkraft setzt die Vorschläge gemeinsam mit den Kindern im Kitaalltag um. Sie können beispielsweise im Atelier oder in Projektgruppen ihre Ideen weiterentwickeln. Zum Frühling gehört der Hase. Der Maler Albrecht Dürer malte den berühmten Feldhasen – diesen kann man, mit anderen Darstellungen von Hasen, gemeinsam mit den Kindern in der Kita aufhängen und betrachten. Vielleicht bringen die Kinder ja auch eigene Bilder, Bücher, Plüschhasen mit.

Warum ist ein guter Morgenkreis wichtig?

Der Morgenkreis bietet Kindern Orientierung und stärkt die Partizipation in der Gruppe und für jeden einzelnen. Er ist ein schönes Instrument, um Kindern ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln, sich als Teil einer Gruppe zu erleben, in der Aushandlungsprozesse geführt und Entscheidungen getroffen werden. Partizipation zu leben, sollte der Schwerpunkt des Morgenkreises sein. Die Kinder sollten ihn auch zusammen vorbereiten, beispielsweise Platzsets oder Kissen hinlegen. Die Kinder können entscheiden, ob sie neben dem Freund oder der pädagogischen Fachkraft sitzen möchten und wer heute den Kalender, das Anwesenheitsbuch führt.

Welche weiteren Kompetenzen werden gefördert?

Neben Partizipation steht vor allem die Förderung der sprachlichen Entwicklung im Vordergrund. Selbst Kinder, die nicht sprechen, bilden ihre sprachlichen Fähigkeiten weiter aus. Auch dient der Morgenkreis zur Förderung von Resilienz – der Kreis vermittelt den Kindern Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich durch ihre Mitbestimmung im Morgenkreis ernst genommen, sie spüren Solidarität und Sozialverhalten untereinander.

Wie lange sollte der Morgenkreis dauern?

Hier muss man zwischen Krippen- und Kita-Kindern unterscheiden. Die Aufmerksamkeitsdauer junger Kinder ist geringer. Lange stillsitzen geht hier nicht. Das heißt, dass der Morgenkreis maximal 15 Minuten dauern sollte. Bei älteren Kindern reichen 20 bis maximal 30 Minuten aus, je nach Aufmerksamkeit und Beteiligung der Kinder.

Gibt es sonst noch Unterschiede, die man je nach Alter der Kinder beachten sollte?

Der Morgenkreis soll vor allem im U3-Bereich den Kindern Vertrauen vermitteln. Er sollte geprägt sein von musikalischer Begleitung und viel Bewegung. Für alle Kinder gilt: Sie sollten sich ihrer Entwicklung entsprechend beteiligen können. Die Aufgabe der Fachkraft ist es, die komplexen Entscheidungsmöglichkeiten für alle Kinder transparent darzustellen, damit jedes Kind jederzeit informiert ist, sich einbringen und wirklich entscheiden kann.

Sollte die Teilnahme Pflicht sein?

Sie darf keine Pflichtveranstaltung sein. Kinder haben das Recht auf Selbstbestimmung, was sich auf ihre Persönlichkeitsbildung positiv auswirkt. Alle Kinder, die Lust darauf haben, werden dazu eingeladen. Wenn Kinder später zum Morgenkreis kommen, werden sie freundlich begrüßt und aufgenommen. Und wenn der Morgenkreis spannend gestaltet wird, dann kommen Kinder auch und wollen mitmachen.

 

Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 2/2019, S. 16-17, www.fruehe-bildung.online

Von Frühe Bildung Online • 07.05.2019

Tina Sprung

Tina Sprung studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Linguistik und absolvierte anschließend ein Zeitungs-Volontariat. Sie ist Redakteurin bei Frühe Bildung Online sowie Redaktionsleitung von Meine Kita – das didacta Magazin für die frühe Bildung. Ihr Freundkreis besteht fast nur aus Erziehern und Lehrern.

Peggy SarnowskyBresnik

Peggy SarnowskyBresnik ist Coach und pädagogische Fachberaterin für Kitas. Sie ist überzeugt: Der Morgenkreis ist ein wichtiger Bestandteil des Kita-Alltags.

www.kita-coachingund-beratung.de

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