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Kita-Kolumne

Vorschulkinder-Übernachtung als Meilenstein

Für die einen bedeutet es Lust, für die anderen Frust: Die gemeinsame Übernachtung der Vorschulkinder! Der Autor und Kita-Leiter Florian Esser beschreibt einfühlsam dieses Ereignis und zeigt auf, welche zentralen Erfahrungen die Kinder - und auch so manche Erwachsenen - dabei machen.

Florian Esser

Einer der Meilensteine auf dem Weg zum Schulkind ist zweifelsohne die Übernachtung der Vorschulkinder. Für diesen besonderen Anlass tauschen wir einmal im Jahr, den vertrauten Gruppenraum und das eigene Bett gegen eine Jugendherberge ein. Selbst die Kinder, welche erst im kommenden Kitajahr Vorschulkind sind, haben bereits konkrete Vorstellungen was sie bei ihrer Übernachtung alles machen möchten. Es scheint als, fieberten viele Kinder diesem einschneidenden Ereignis über Jahre hinweg entgegen.

 Kürzlich war es endlich wieder soweit. Wir packten unsere Koffer und machten uns auf den Weg ins Grüne.  Gut 40 Kilometer von der Kita entfernt, dort wo sich Acker an Acker reiht und die Landschaft einzig durch eine schier endlos erscheinende Landstraße geteilt wird, befand sich unsere Herberge. Auf dem Parkplatz wartete bereits eine Traube Eltern und ein Dutzend verzückter, aufgekratzter und merklich aufgeregter Vorschulkinder. Nach kurzem Warten durften wir schließlich das Haus beziehen. Der Moment der Verabschiedung näherte sich mit großen Schritten. Eine durchmischte Atmosphäre legte sich über die Szenerie. Kinder, die plötzlich doch mit Mama wieder nach Hause fahren wollten, Eltern die bei der „letzten“ Umarmung an sich halten mussten, um nicht los zu schluchzen. Auf der anderen Seite Kinder, die es scheinbar kaum abwarten konnten, Mama und Papa endlich von hinten zu sehen. Einige Umarmungen und Liebesbekundungen später, war auch die letzte Mama nicht mehr zu sehen und selbst die untröstlichen Kinder hatten sich beruhigt. Viel wichtiger schien die Frage nach der Zimmeraufteilung. Schnell hatten sich Zimmerpaarungen gebildet. Nun hieß es Betten beziehen. Bettwäsche mit den unterschiedlichsten Motiven wurde von Kinderhänden mühsam aus Reisetasche oder Koffer gezehrt und emsig über Decke und Kissen gezogen. Ein Duft frisch gewaschener Wäsche lag in der Luft. Blütenduft und quietsch bunte Bettwäsche verwandelten karge Herbergszimmer in temporäre Kinderzimmer. War das eigene Bett erstmal bezogen, wurden gleich die Zimmer der anderen in Augenschein genommen. Stolz wurden sich gegenseitig Kuscheltiere präsentiert und lautstark Pläne für den Abend geschmiedet. Selbst von „Durchmachen“ war die Rede.

Nach erfolgreichem Einzug hielt es die Kinder keineswegs in ihrem neuen Zuhause. Vielmehr zog es sie nach Draußen auf den Spielplatz und die Fußballwiese. Einzig der Duft gegrillter Würstchen vermochte die Kinder in ihrem Spiel zu unterbrechen. Groß und Klein versammelten sich im geräumigen Tipi mit Feuerstelle, um sich für den weiteren Abend, an besagten Würstchen zu stärken. Zur Feier des Tages wurde ausnahmsweise Limonade ausgeschenkt und reichlich Ketchup zu den Würstchen gegessen. Mit kurzer Spielunterbrechung folgten gegrillte Marshmallows in zwei Butterkeksen als Nachspeise.

 Als die Sonne gänzlich der Dunkelheit gewichen war, hieß es Taschenlampe an und auf Nachtwanderung gehen. Die Aufregung der Kinder war greifbar und ihr Händedruck, mit jedem Meter tiefer in die Dunkelheit, fester. Wir wagten uns einige Schritte in den Wald, knipsten unsere Taschenlampen aus und stellten fest, dass der Mond uns die Nacht erhellte und ein großes Licht in der Finsternis ist. Zurück in der Herberge hieß es für Groß und Klein, rein in den Schlafanzug. Zeit für die traditionelle Pyjama-Party. Es wurde wild getanzt, viel gelacht und allerlei geknabbert. Der ereignisreiche und reichlich aufregende Tag forderte seinen Tribut und so kroch ein ums andere Kind zu Teddy, Delphin oder Einhorn ins Bett und schlief so gleich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

 In einer Zeit, in der Kindern scheinbar immer weniger zugetraut wird und sie oft unselbstständig wirken, war es schön, zu sehen, wie selbstständig und fürsorglich sie mit sich selbst und ihres gleichen umgingen. Die Kinder dabei zu beobachten, wie sie einander beim Betten machen unterstützen, sich ohne Aufforderung von alleine die Zähne putzen und am nächsten Morgen eifrig ihre Koffer packten, gab mir den Hinweis, wie schulreif und lebenskompetent unsere Vorschulkinder tatsächlich sind. Der Augenblick als die Kinder nach dem Frühstück auf ihre überstolzen Eltern trafen und ihnen freudestrahlend in die Arme liefen, rührt mich an und erinnert mich daran, was diesen Beruf so wertvoll macht.

 

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In einer Zeit, in der Kindern scheinbar immer weniger zugetraut wird und sie oft unselbstständig wirken, war es schön zu sehen, wie selbstständig und fürsorglich sie mit sich selbst und ihres gleichen umgingen

Florian Esser
Von Florian Esser • 27.05.2019

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