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Arbeitsbelastung

Erfahrungsbericht: Stressiger Kita-Alltag

Die Arbeitsbelastung im Kita-Alltag ist hoch. Drei Erzieher berichten, wie sie damit umgehen. Oder es zumindest versuchen.

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Tupperparty am Mittwochabend, die bunten Aufbewahrungsbehälter stehen auf dem Tisch. Christina hat acht ihrer Freundinnen eingeladen, sie kommen um 19 Uhr. Die Getränke sind bereits gut gekühlt, die Pizzaschnecken im Ofen. Um 18.43 Uhr klingelt ihr Handy. Es ist Sabine. „Ich kann nicht kommen. Der Elternabend in der Kita dauert mal wieder länger.“ Sabine ist Erzieherin. Sie leitet eine städtische Einrichtung in Nürnberg mit 98 Kindern. Überstunden sind an der Tagesordnung, mindestens einmal pro Woche sitzt die 33-Jährige bis 21 Uhr im Büro, um aufzuarbeiten, was sie tagsüber nicht geschafft hat. Wenn Kollegen sich krank gemeldet haben oder Lisa, die neue Erzieherin, noch nicht eingearbeitet ist, muss sie in der Gruppe aushelfen. Und dann dieser ständige Lärm. „Das geht langsam an meine Substanz.“

Stress – Tagesordnung bei Erziehern

So wie Sabine geht es vielen pädagogischen Fachkräften. Laut der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft leiden sie unter einer überdurchschnittlich hohen psychischen Belastung. Was ihnen am meisten zu schaffen macht: der tägliche Lärm, die große Anzahl verschiedener Arbeitsaufgaben, der Zeitdruck bei der Erfüllung der Aufgaben, die Größe der Kindergruppen, zunehmende Verhaltensprobleme bei Kindern, Personalmangel, fehlende Möglichkeiten zur Entspannung im Laufe eines Arbeitstages, unzureichende Unterstützung durch den Träger. Eine Studie der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin bestätigt das Problem: Viele Erzieher arbeiten am Rand der Erschöpfung. Jede zehnte pädagogische Fachkraft von 3000 Befragten berichtet über Burnout. Auch Sabine ist überlastet, hauptsächlich wegen des Personalmangels. „Ich glaube, wenn wir den Personalschlüssel – ein Erzieher für sieben Kinder – erfüllen würden, würde eine große Belastung wegfallen, denn ich hätte mehr Zeit für meine Leitertätigkeit und müsste diese nicht im Anschluss, wenn die Kinder daheim sind, erledigen“, sagt sie. Ihre Wochenstunden würden sich reduzieren – von 55 auf 40 Stunden. „Wenn die Rahmenbedingungen erfüllt sind, kann ich auch ordentlich arbeiten“, sagt Sabine.

„Man muss mal auf den Tisch hauen“

Dass es entspannter im beruflichen Alltag ablaufen kann, davon ist Lena Saemann überzeugt. Die 31-Jährige hat neun Jahre in einer Kita und Krippe nähe Darmstadt gearbeitet und ist derzeit in Elternzeit. „Viele empfinden Stress anders, manche Situationen belasten Menschen mehr oder weniger“, sagt sie. Sie erinnert sich gut an Situationen, die sie als sehr anstrengend empfunden hat, die häufigen Krankheiten, die benötigte Fürsorge im Krippenbereich, die die Kinder brauchen, schwierige Gespräche mit den Eltern.

Doch: „Eigene Einstellungen können den Stress verstärken. Ich habe Eltern gesagt, wenn es mir reicht oder der Leitung mitgeteilt, dass ihr pädagogisches Konzept nicht umsetzbar ist. Man sollte nicht zu viel hinnehmen.“ Saemann glaubt, dass Pädagogen zu spät auf den Tisch hauen: „Manchmal muss man es rauslassen, auch in der Kita.“ Erzieher Florian Esser hat einen anderen Tipp. „Wenn Eltern sehr schwierig sind und mich stören, versuche ich, mich nicht zu ärgern, sondern an den Großteil der Eltern zu denken, die sehr dankbar sind für unsere tägliche Arbeit“, sagt der 34-jährige Kitaleiter aus Aachen. „Es gibt viele Herausforderungen, die wir bewältigen müssen, aber es kommt vor allem darauf an, manchmal auch Abstand zu nehmen.“

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen Der Arbeitsalltag in Kitas ist anspruchsvoll. Nur: Wie belastend er empfunden wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Bei Esser und Saemann passt der Personalschlüssel, bei Sabine stimmt er seit Jahren nicht. Ständige Unterbesetzung führt zu Überstunden und Stress, dem Sabine täglich ausgesetzt ist. Daran kann sie selbst nichts ändern. Die Politik ist gefragt. „Ich bin gespannt, ob sie mit dem Kita-Qualitätsgesetz was ändern. Wenn es in die Beitragsfreiheit fließt, haben wir alle nichts davon“, sagt sie.

Es ist 20.30 Uhr, Sabine verabschiedet die letzten Eltern vom Elternabend. „Ich nenne es ,Ritual des Schreckens‘“, sagt sie. Doch heute gab es keine Auseinandersetzungen mit Eltern, es ist alles gut gelaufen. Nachkommen wird sie zur Tupperparty trotzdem nicht. Denn sie will, wie so oft, einfach nur ihre Ruhe.

 

Faktoren von Stress

  • Belastungen im U3-Bereich wie körperliche Nähe 
  • herausfordernde Kinder 
  • zu kleine Möbel 
  • viel Lärm 
  • Zeitdruck 
  • ständige Krankheiten 
  • Überstunden 
  • Konflikte mit Eltern 
  • Sprachbarrieren 
  • Fachkräftemangel 
  • Rückenprobleme durch Heben und Tragen

 

Auswirkungen von Stress

KÖRPERLICHE EBENE Müdigkeit, Leistungsschwäche, Erschöpfung, Schlafstörungen, Magen- und Darmbeschwerden, Infektanfälligkeit, Herzbeschwerden, Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Tinnitus, Schwindel, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen
SEELISCHE EBENE Nervosität, Reizbarkeit, Unausgeglichenheit, Ängste, Panikattacken, Depression
GEISTIGE EBENE Vergesslichkeit, Gedankenkreisel, Konzentrationsschwäche, geringere Belastbarkeit, wenig Motivation und Kreativität
VERHALTENSEBENE   Rückzug, Unsicherheit, Aggressivität, ungesundes Essverhalten, Suchtgefahr

 

 

Erstveröffentlichung: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 4/2018, S. 4-6, www.fruehe-bildung.online

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Tina Sprung

studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik und Linguistik und absolvierte anschließend ein Zeitungs-Volontariat. Sie ist Redakteurin bei Frühe Bildung Online sowie Redaktionsleitung von Meine Kita – das didacta Magazin für die frühe Bildung. Ihr Freundkreis besteht fast nur aus Erziehern und Lehrern.

Von Frühe Bildung Online • 29.10.2018

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