Frau  mit zwei Kindern am Tisch
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Kritische Gedanken und ein Lösungsvorschlag zur aktuellen Situation in deutschen Kitas

Kleinere Gruppen statt mehr Personal

Jeder hat schon was vom Fachkräftemangel gehört oder gelesen. Doch was steckt eigentlich hinter der Thematik und gibt es vielleicht auch andere Konzepte, die die Betreuungssituation in Kitas schon heute verbessern könnten? Hebt mehr Personal automatisch die Qualität in Kitas?

Florian Esser

Das Wort „Fachkräftemangel“ ist bundesweit in aller Munde. Scheinbar überall fehlt es mehr oder weniger an Fachkräften in Kitas. Da gegenwärtig noch keine Rezeptur erfunden wurde, mit deren Hilfe sich Fachkräfte backen lassen, müssen praxiskompatible Lösungen her.

Zäumen wir das Pferd doch mal von hinten auf: Es mag von Nutzen sein, auf aktuelle Problemlagen hinzuweisen, nur das dauernde Heraufbeschwören von Fachkräftemangel löst die derzeitigen Probleme nicht. An den Rahmenbedingungen in den Kitas muss dringend geschraubt und gehämmert werden. Selbst wenn eine der Gruppen personell gut besetzt ist, vergrößert sich dadurch noch lange nicht ihr Gruppenraum. In einer bürokratischen Planwelt, mögen zwei Fachkräfte auf 25 Kinder im Alter von 3-6 Jahren ein guter Betreuungsschlüssel sein. In der Praxis wird hingegen ein anderes Bild gezeichnet. Eine Vielzahl der Kolleginnen und Kollegen, die seit Jahren an den Rand ihrer Möglichkeiten stoßen und die ihrem pädagogischen Auftrag nicht zufriedenstellend gerecht werden können.

Jahrzehnte lang wurde gerungen und gekämpft, damit Kitas als Bildungseinrichtungen anerkannt werden. Dass Bildungsarbeit neben ausgebildetem Fachpersonal auch Zeit und Raum braucht, scheint noch nicht bei der Politik angekommen zu sein.

Wie wäre es denn mit folgendem Gedankenspiel?

Die pädagogischen Gruppen der jeweiligen Kitas werden sukzessive verkleinert. In der Praxis bedeutet das, dass zum neuen Kindergartenjahr pro Gruppe jeweils zwei Kinder weniger in die Kita aufgenommen werden. Wobei der Personalschlüssel unverändert bleibt. Für eine Kita, die nach einem offenen Konzept arbeitet, würde das eine Reduktion um etwa 10% der Kinder bedeuten. Diese Reduktion könnte auch über drei Kitajahre hinweg sukzessive erfolgen, indem jeweils nur ein Platz pro Jahr gestrichen bzw. die Gesamtanzahl der Kita-Kinder um 3-5%  gesenkt würde. Dazu muss keine Familie vor die Tür gesetzt werden. Sondern für das neue Kitajahr werden entsprechend weniger Kinder in die Kita aufgenommen. Somit bliebe dem Personal in den Gruppen wieder mehr Zeit für die kostbare Beziehungs- und Bildungsarbeit. Denn was Kinder brauchen, sind Menschen, die mit ihnen qualitativ in Beziehung treten. Kein Sicherheitspersonal, das die Meute in Schach hält und ab und zu mal „Mir ist es zu laut“ in den Raum brüllt.

Kritiker werden richtig bemerken, dass der Betreuungsplatzmangel analog zum Fachkräftemangel exorbitant hoch ist und fragen sich, welcher Logik eine Reduzierung der Gruppen folgt. Denen würde ich erwidern, dass Kitas per Gesetz dazu aufgerufen sind, „die Qualität der Förderung in ihren Einrichtungen durch geeignete Maßnahmen sicherzustellen und weiterzuentwickeln“ (vgl. §22a SGB VIII). Eine quantitative Bildungsarbeit mit überfüllten Gruppen wird diesem Anspruch aktuell keinesfalls gerecht.

Dass sich neue Kitas, bzw. Betreuungsplätze nicht spielerisch aus dem Boden stampfen lassen wie Hotels bei Monopoly, ist mir umfänglich bewusst. Was es aber braucht, sind neue Konzepte, Gesetzesnovellen und ein spürbares Umdenken zu mehr Qualität. Das Lebensmodell Familie – Kita – Berufstätigkeit ist hierzulande vorherrschend. Dieser Realität muss sich gestellt werden. Nur darf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht auf dem Rücken der Kinder und der  Fachkräfte realisiert werden.

Vielerorts platzen überbelegte Kitas aus allen Nähten. Gerade in Ballungsräumen kommt es zu unendlich langen Wartelisten. Da hilft es wenig, wenn Politik die Hände in den Schoß legt und darauf wartet, dass der demografische Wandel den Rest schon richtet. Mir scheint, als gäbe es die Tendenz, dass öffentliche Debatten um Tierschutz oder Klimawandel leidenschaftlicher geführt werden als die, in denen es um die Zukunft unserer Kinder geht. Kinder sollen zu eigenverantwortlichen und mündigen Persönlichkeiten heranwachsen können. Das gelingt nur, wenn unsere Kinder Fürsprecher haben, die sich unermüdlich für die Verbesserung der frühkindlichen Rahmenbedingungen einsetzen. 

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Mir scheint es, als gäbe die Tendenz, öffentliche Debatten um Tierschutz oder Klimawandel leidenschaftlicher zu führen, als die, in denen es um die Zukunft unserer Kinder geht.

Florian Esser
Von Florian Esser • 04.06.2019

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