Gestresste Frau
© pixabay/Gerd Altmann
Fachkräftemangel

Überbelastung durch Fachkräftemangel in Kitas

Der Fachkräftemangel nimmt in den Kindertagesstätten immer dramatischere Formen an und bis 2025 wird sich die Situation deutlich weiter verschärfen: GEW, DJI oder prognos prognostizieren bis 2025 einen Fehlbedarf von 200.000 – 500.000 frühpädagogischen Fachkräften. Intensiv werden entsprechend auf politischer und fachlicher Ebene Maßnahmen diskutiert, um den Fachkräftemangel zu beheben – von der bezahlten dualisierten Ausbildung über Quereinsteigermodelle und die Erweiterung der Fachkräftekataloge bis hin zu verkürzten Ausbildungszeiten. Doch was bedeutet der Fachkräftemangel konkret für ein KiTa-Team und dessen pädagogische Arbeit? Dazu hat Karsten Herrmann mit Anne Grosenick und Julia Schierling (Leiterin und stv. Leiterin der Michaelis-Kita in Osnabrück) und mit Sylvia Steinbach, Leiterin der St-Marien-Kita in Osnabrück, gesprochen.

Karsten Herrmann

Karsten Herrmann: Wieviel pädagogische Planstellen haben Sie in Ihren Kitas und wie sah die Situation am Montag aus?

Steinbach: Bei uns in der St. Marien-Kita waren gestern von 20 Stamm-Fachkräften nur 12 da – da kommen unbesetzte Stellen, Krankheit, Beschäftigungsverbot wegen Schwangerschaft und Urlaub zusammen. Als Aushilfe haben wir jetzt gerade zwei Kolleginnen über eine Zeitarbeitsfirma bekommen, eigentlich sind aber 20 Prozent unserer Planstellen nicht dauerhaft besetzt.

Grosenick: Bei uns sind derzeit von 26 Planstellen für pädagogische Fachkräfte zwei Stellen nicht besetzt und es fehlen drei Kolleginnen auf Grund von Beschäftigungsverbot. Bis Januar kommen allerdings drei weitere Stellen hinzu, die wir neu besetzen müssen – wegen Umzug, Studiumsbeginn und Rente.

Wie gehen Sie damit um? Lohnt es sich überhaupt noch, mit viel Mühe einen Dienstplan aufzustellen, wenn am Montagmorgen sowieso wieder alles umgeschmissen wird?

Steinbach: Bei uns gibt es immer noch einen Wochendienstplan, weil ich immer noch hoffe, dass eines Montags mal alle da sind, aber prinzipiell mache ich den Plan jeden Tag neu. Jeden Tag muss ich neu gucken, wen ich wo einsetzen kann, muss ich Kinder eher abholen lassen oder eine Gruppe schließen.

Schierling: Wir haben natürlich auch einen Dienstplan und das ist auch ganz gut so, aber die letzten Wochen können wir uns danach fast gar nicht mehr richten. Jeden morgen versuchen wir, ihn an unserer Dienstplantafel neu zu strukturieren. Da haben wir dann immer im Überblick, wo jemand fehlt, wo jemand einspringen muss, wer wann wo Pause machen kann oder wer durch wen, wo und wann vertreten werden kann und muss. Bei den neuen Kräften und auch den Sozialassistenteninnen müssen wir ja auch noch jeweils genau gucken, wie und wo wir sie einteilen können. Da rauchen dann jeden Morgen die Köpfe.

Haben Sie schon einmal eine Überlastungsanzeige gestellt oder Gruppen geschlossen?

Steinbach: Wir mussten schon Gruppen komplett oder auch erst ab nachmittags schließen, Frühdienste und Spätdienste müssen wir aktuell fast immer zusammenlegen und zwar sowohl in der Krippe wie auch im Kindergarten.

Grosenick: Wir haben als Leiterinnen der von Kirchengemeinden getragenen Kitas schon letztes Jahr eine Überlastungsanzeige aufgrund der zusätzlichen Leitungsaufgaben, aber auch im Hinblick auf Aufsichtspflicht und Eingewöhnung, gestellt. Jetzt aktuell planen wir das auch wieder zu tun, auch um darauf hinzuweisen, in welcher Situation die Mitarbeitenden sich befinden. Unsere Träger haben dafür auch Verständnis, aber letztlich sind ihnen ja auch die Hände gebunden, denn sie können kein neues Personal herbeizaubern.
 

Haben Sie schon einmal eine Überlastungsanzeige gestellt oder Gruppen geschlossen?

I Steinbach: Wir mussten schon Gruppen komplett oder auch erst ab nachmittags schließen, Frühdienste und Spätdienste müssen wir aktuell fast immer zusammenlegen und zwar sowohl in der Krippe wie auch im Kindergarten.

Grosenick: Wir haben als Leiterinnen der von Kirchengemeinden getragenen Kitas schon letztes Jahr eine Überlastungsanzeige aufgrund der zusätzlichen Leitungsaufgaben, aber auch im Hinblick auf Aufsichtspflicht und Eingewöhnung, gestellt. Jetzt aktuell planen wir das auch wieder zu tun, auch um darauf hinzuweisen, in welcher Situation die Mitarbeitenden sich befinden. Unsere Träger haben dafür auch Verständnis, aber letztlich sind ihnen ja auch die Hände gebunden, denn sie können kein neues Personal herbeizaubern.

Wie geht es den Kindern mit dieser Situation?

  Schierling: Wir versuchen unserer Aufsichtspflicht natürlich immer nachzukommen, auch indem wir im Notfall Gruppen schließen. Immer häufiger geht es tatsächlich nur noch um Aufsicht und nicht mehr um qualitätsvolle Bildungsarbeit.

Grosenick: Aber natürlich kann man schon danach fragen, ob es dem Kinde wohl geht, wenn der Tagesablauf jeden Tag ein anderer ist und das Bezugspersonal fast täglich wechselt. Gerade, wenn die Kinder aus der Krippe oder ganz neu in unseren Kindergartenbereich kommen, fällt es ihnen schwer, sich zurechtzufinden und sind eigentlich auf die kontinuierliche Begleitung und Unterstützung einer pädagogischen Fachkraft angewiesen. (Bezugserziehermodel)

Ist in dieser Situation überhaupt noch an Qualitätsentwicklung zu denken oder befinden Sie sich einfach im Notstands- und Überlebensmodus?

Steinbach: Es wird immer schwieriger, den Kindern den notwendigen Spielraum zu geben und sie pädagogisch zu begleiten und zu unterstützen. Das, was wir uns eigentlich für die Kinder, aber auch für die Mitarbeitenden, wünschen, können wir nicht mehr erreichen, auch wenn wir alles tun, was uns möglich ist.

Was bedeutet die aktuelle Situation aus Ihrer Sicht für das Team und die einzelnen pädagogischen Fachkräfte? Wie ist die Stimmung?

Schierling: Durch die stetige Überlastung und die Überstunden werden die Stamm-Fachkräfte aufgerieben. Neue Fachkräfte bekommen nicht die für sie eigentlich notwendige Unterstützung und Begleitung und das gleiche gilt für die Auszubildenden. Die Praxisanleitung kommt aufgrund der fehlenden Zeit oft zu kurz.

Grosenick: Zunehmend ist auch eine Demotivierung der Kolleginnen zu spüren. Wenn der pädagogische Anspruch komplett zurück gestellt werden muss, ist das schwierig. Und dann fallen die Verfügungszeiten weg und die Zeit für Studien- oder Teamtage und Weiterbildung. Wir arbeiten eigentlich in Projekten, was leider mittlerweile auch nicht mehr möglich ist.

Steinbach: Das Brennen für den Beruf, das eigentlich immer alle Kolleginnen gehabt haben, das verschwindet jetzt so langsam, jetzt sind sie eher am Ausbrennen. Vieles, was sie den Kindern bieten möchten, ist sehr eingeschränkt bis unmöglich. Alles wird auf Sparflamme betrieben. Mich wundert es überhaupt nicht, wenn viele Erzieherinnen sich überlegen, doch noch mal zu studieren oder auch etwas ganz anderes zu machen. Grundsätzlich haben wir eine hohe Fluktuation.

Also wird die schwierige Personalsituation noch einmal dadurch verschärft, dass die aktuelle Arbeitssituation bei den Fachkräften in der KiTa dazu führt, dass sie krank werden oder aus dem Job aussteigen?

Schierling: Auf jeden Fall! Die Kolleginnen wechseln sich auch teilweise ab: Wenn die eine Kollegin krank ist, versucht die andere das aufzufangen und wenn die kranke Kollegin zurückkommt, fällt die andere aus, weil sie sich so verausgabt hat. Das wird auch ganz konkret so geäußert. Immer wieder hören wir die Klagen über Überlastung und zu großem Druck.

Hat sich dadurch auch die Einstellung der Fachkräfte verändert?

Grosenick: Aus meiner Sicht ist die Identifikation mit der Tätigkeit und auch mit der jeweiligen Kita nicht mehr so stark wie früher. Früher war das so eine Art zuhause, wo man sich wohl fühlte und sich um alles kümmert und das Ganze im Blick hatte. Jetzt geht man eher zur Arbeit und geht nach Dienstschluss wieder. Die Identifikation mit der Einrichtung fehlt. Früher haben die Kolleginnen auch viel länger gemeinsam zusammengearbeitet, die Häuser waren kleiner und man war enger zusammen.

Wie wirkt sich der Personalmangel im Hinblick auf die konkrete pädagogische Arbeit mit den Kindern aus?

Schierling: Das fängt bei Kleinigkeiten an, wenn in der Gruppe zum Beispiel ein Kind fragt „Kannst du mit mir ein Spiel spielen?“ und ich mich dazu kaum mal hinsetzen kann und immer wieder aufspringen muss.

Grosenick: Die Kinder in der Gruppe haben aufgrund des ständig wechselnden Personals auch nicht mehr diese Verlässlichkeit im Tagesablauf, weil jede Kollegin zB. den Morgenkreis doch ein bisschen anders macht und andere Rituale hat. Ein zentraler Punkt ist auch die problematische Eingewöhnung. Wenn man, wie wir, nach einem Eingewöhnungsmodell mit Bezugserzieherin arbeitet, kann man jede Woche neu anfangen, weil immer wieder eine Kollegin ausfällt oder woanders eingesetzt werden muss.

Steinbach: Und das macht mit so einem kleinen Kind natürlich ganz viel, wenn da ständig wechselnde Bezugspersonen sind. Von Anfang an ist es so schwierig, mit einem verlässlichen Bindungs- und Beziehungsaufbau in der Krippe. Und das ist doch so wichtig!
 

Wie sieht es gerade im Hinblick auf die alltagsintegrierte Sprachförderung mit Dingen wie längeren Dialogen oder Vorlesen aus?

Schierling: Da habe ich schon gar nicht mehr daran gedacht, weil das wirklich schon so lange her ist, dass ich mich in Ruhe mit den Kindern hingesetzt und ein Buch gelesen habe. Gott sei Dank haben wir aber noch ehrenamtliche Vorlesepaten!
 

Was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit den Eltern und was sagen die zu der aktuellen Situation?

Steinbach: Viele Eltern sind sehr verständnisvoll, weil sie auch wissen, wie schwierig unsere Personalsituation ist. Aber viele Eltern haben auch unglaublich viel Druck und müssen beispielsweise pünktlich bei der Arbeit sein. Da kann es dann morgens schon mal leicht Stress geben, wenn im Frühdienst wieder zwei andere Kolleginnen sind und das Kind sich deswegen nicht von der Mutter oder dem Vater trennen will und weint. Und wenn ich mir dann vorstelle, mein Kind hätte in der KiTa jeden Tag neue Fachkräfte um sich herum, dann würde mir das auch weht tun und ich würde mich fragen, ob es meinem Kind in der Kita wirklich gut geht.

Leidet auch die konkrete Zusammenarbeit mit Eltern zum Beispiel im Hinblick auf Tür- und Angelgespräche, Elternabende oder Entwicklungsgespräche?

Schierling: Also bei uns sind zum Beispiel die Eingewöhnungsgespräche noch nicht alle gelaufen, weil die Zeit nicht da war, sich mit den Eltern zurückzuziehen und in Ruhe ein Gespräch zu führen. Tür- und Angelgespräche und Elternabende finden schon noch statt, aber die Intensität nimmt ab.

Ist das vor allen Dingen auch im Hinblick auf Familien mit Migrationshintergrund ein Problem, die ja oftmals eine andere und besondere Ansprache benötigen?

Schierling: Auf jeden Fall, alleine schon wenn wir die Elterngespräche mit Google-Translator führen müssen und wir viel mehr Zeit dafür brauchen. Da müssen wir schon manchmal sagen, das geht jetzt leider nicht.

Grosenick: Da sind wir überaus froh, dass wir noch über die Kolleginnen aus dem Bundes- und Landesprogramm zur Sprachförderung Unterstützung bekommen und diese auch zum Teil die Kommunikation mit den Eltern übernehmen. Oder auch über Quik-Kräfte, die die Fachkräfte in den Gruppen entlasten.

Steinbach: Auch bei uns unterstützt der Kollege aus dem Bundesprogramm, zum Beispiel, indem er für uns Piktogramme entwickelt hat. Das Problem ist aber immer die Befristung dieser Stellen.

Sehen Sie aktuelle Lösungsmöglichkeiten für diese brenzlige Personalsituation? Was muss die Politik tun, was können Träger, Fachberatungen und sie selber tun?

Schierling: Ich glaube, dass eine bezahlte Ausbildung für Erzieherinnen schon viel bewirken kann und dann brauchen wir mehr Fortbildungs- und vielleicht auch Aufstiegsmöglichkeiten.

Steinbach: Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern, um mehr Nachwuchs zu bekommen. Wenn zum Beispiel Schulpraktikantinnen bei uns sind und die sehen, wie schwierig die Arbeitssituation ist und wie gestresst die Erzieherinnen sind, dann überlegen sie zweimal, in dieses Berufsfeld einzusteigen. Wenn die Arbeitsbedingungen aber wirklich gut wären, dann hätten auch mehr junge Menschen Interesse, diesen Beruf zu ergreifen. Da beißt sich die Katze zwar scheinbar in den Schwanz, aber trotzdem ist das der Punkt, an dem man ansetzen muss.

Grosenick: Unser größter Wunsch sind in der Tat kleinere Gruppengrößen. Damit hätten wir mehr Zeit für die Kinder und die Kolleginnen mehr Zeit für das Wesentliche. Zu überlegen wäre auch, ob man nicht wieder ein Anerkennungsjahr einführt, das war zusammen mit dem Vorpraktikum der früheren Erzieherinnen-Ausbildung ein sinnvolles Modell um Praxiserfahrungen zu sammeln.

Was halten Sie denn von der auf Landes- und Bundesebene diskutierten verkürzten Erzieherinnen-Ausbildung zur KiTa-Fachkraft Frühpädagogik bzw. „Staatlich geprüften Fachassistent für frühe Bildung und Erziehung“?

Grosenick: Ich finde das eine Degradierung, wenn man daran denkt, dass vor kurzem noch über eine Akademisierung des Berufs gesprochen wurde. Und dann will man die Ausbildung noch weiter verkürzen. Da kommt dann noch mehr Arbeit bei der Einarbeitung auf uns zu.

Schierling: Ich finde es bei dieser verkürzten Spezialisierung auch problematisch, dass man sich von Anfang an entscheiden muss. Ich wollte zu Anfang meiner Ausbildung zum Beispiel gar nicht im Kindergarten arbeiten und wäre dann heute nicht hier.

Von Karsten Herrmann • 24.01.2020

Dr. Karsten Herrmann

Dr. Karsten Herrmann führte das Interview. Er ist stellvertretender Geschäftsführer des Niedersächsischen Institutes für Bewegung und Entwicklung, freier Autor und Literaturkritiker.

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