© Thea Wittmann
Interview im Rahmen des Bundeselternkongresses

„Wir ziehen alle an einem zu kurzen Tischtuch“

Am 22.09.2019 trafen sich Elternvertreter aus ganz Deutschland zum 2. Bundeselternkongress. Thea Wittmann ist für Frühe Bildung Online vor Ort im Gespräch mit Bundeselternsprecherin Ulrike Grosse-Röthig aus Weimar, Mutter von zwei Kindern und Rechtsanwältin für Familienrecht.

Thea Wittmann

Frühe Bildung Online Thea Wittmann: Der Bundeselternkongress richtet sich vor allem an die Eltern der unter 6-Jährigen, die in einer Kita oder Tagespflege betreut werden. Warum ist das Interesse an Mitsprache und Mitgestaltung bei den Eltern so gestiegen?

Bundeselternsprecherin Ulrike Grosse-Röthig : Der Bedarf an Betreuungsplätzen ist ungemein gewachsen, denn die Betreuung ist eine Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und den Eltern ist es wichtig, wie und in welcher Umgebung ihre Kinder betreut werden.

Frühe Bildung Online: Woher kommt der Wunsch der Eltern, sich zu vernetzen?

Ulrike Grosse-Röthig : Eltern wollen mitbestimmen und mitgestalten. Und die Verantwortlichen haben begriffen, dass Eltern auch Experten für ihre Kinder sind, ohne die es nicht geht. Um diese Interessen zu bündeln, Eltern zusammenzubringen und den Austausch zu fördern, veranstalten wir den Bundeselternkongress.  

Frühe Bildung Online: Die Bundeselternvertretung sieht in Sachen frühe Bildung noch viel Luft nach oben. Welche Punkte sind besonders dringlich?

Ulrike Grosse-Röthig : Bessere Qualität der Betreuung und Beitragsfreiheit sind unsere Hauptforderungen. Wir wollen nicht gute Bildung für wenige Wohlhabende oder schlechte Bildung, die für alle kostenlos ist. Wir fordern gute Bildung für alle, um allen Kindern die besten Chancen zu eröffnen. Mit einheitlicher Beitragsfreiheit schaffen wir gleichberechtigten Zugang.

Frühe Bildung Online: Diese Forderungen sind nicht einfach umsetzbar. Wo liegt das Hauptproblem?

Ulrike Grosse-Röthig : Wir ziehen alle an einem zu kurzen Tischtuch. Das Land muss verstehen, dass eine Investition in Kinder eine Investition in die Zukunft ist. Um frühe Bildung zu sichern und zu finanzieren, bräuchte es 10 Milliarden Euro. Das Gute-KiTa-Gesetz stellt 5,5 Milliarden Euro bis 2022 zur Verfügung. Und was tun wir? Wir zerfleischen uns, denn strukturell ist das einfach zu wenig Geld. Alle wollen einen Teil vom Kuchen: Gebührensenkung, mehr Personal, eine bessere Ausstattung, längere Öffnungszeiten, mehr Qualifikation für die Betreuer, Verbesserungen der Ausbildungsbedingungen des Erzieherberufs, mehr Angebote in der Kindertagespflege, Ausbau der Betreuungsplätze.

Frühe Bildung Online: Gibt es trotzdem Hoffnung?

Ulrike Grosse-Röthig : Aber ja! Wir müssen diejenigen unterstützen, die Gutes vorhaben. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat mit dem Gute-Kita-Gesetz etwas Grundlegendes angestoßen: Dass die Betreuung von U-6-Kindern besser werden muss. Das Gute-Kita-Gesetz ist bedarfsorientiert. Es ist nur leider unterfinanziert.

Frühe Bildung Online: Vielen Dank, Frau Grosse-Röthig!

 

Von Thea Wittmann • 23.09.2019

Thea Wittmann

Thea Wittmann ist  Buchhändlerin und Redakteurin. Nach einer Ausbildung im Buchhandel hat sie Germanistik, Psychologie und Pädagogik mit dem Abschluss Magister Artium studiert. Erfahrung in der Zeitschriftenredaktion wie im Lektorat konnte siw während ihres Volontariats bei Bastei Lübbe sammeln. Anschließend hat sie als Leiterin des Verlagsbereichs Buch in einem medizinischen Verlag mehrere Buchprojekte realisiert. Seit 2005 ist sie  freiberuflich als Redakteurin für unterschiedliche Medien tätig, Print wie Online. Ihre Themenschwerpunkte sind: Leben mit Kindern; Ernährung, Gesundheit, Medizin. 2013 eröffnete der Knirps & Riese Kinderbuchladen in Köln. Sie ist eine der beiden geschäftsführenden Gesellschafterinnen. 

Bundeselternvertretung

16 Mitglieder bilden die Bundeselternvertretung, ein Mitglied pro Bundesland. Seit 2014 setzen sich diese Fürsprecher für die Belange von Eltern von Kindern in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege ein.

Die BundeselternsprecherInnen werden alle 2 Jahre auf der Vollversammlung gewählt. Derzeit betreiben vier Sprecherinnen und ein Sprecher ehrenamtlich Lobbyarbeit für Eltern. Themen wie Betreuungsqualität, Bewegung, Ernährung bringen sie nach Berlin, treffen Bundestagsabgeordnete, Vertreter von Stiftungen oder Arbeitsgemeinschaften.

www.bevki.de

 

Landeselternbeirat

Der Landeselternbeirat NRW (LEB) ist die gesetzlich geregelte Vertretung aller KiTa-Eltern in Nordrhein-Westfalen. Er vertritt vertreten die Interessen der Kinder und Eltern und setzt sich dafür ein, die Situation der Kinder in den Kitas aller Träger immer weiter zu verbessern. Der LEB kümmert sich ebenso um konkrete Anfragen von Eltern oder unterstützt bei Konfliktsituationen. Die gesetzliche Grundlage bildet das Kinderbildungsgesetz (KiBiz), das Gesetz zur frühen Bildung und Förderung von Kindern – Viertes Gesetz zur Ausführung des Kinder-und Jugendhilfegesetzes – SGBVIII.

www.Lebnrw.de

 

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