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Geschlechtsbewusste Pädagogik

Umgang mit Mädchen und Jungen in der Kita

„Gender“ – dieses aus dem englischen übernommene Wort wird inzwischen als Platzhalter für alles verwendet, was in irgendeiner Weise mit Geschlecht zu tun hat. Für Kitas ist „gender“ in vielfacher Weise interessant. Zunächst sind die ersten Lebensjahre für die geschlechtsbezogene Entwicklung von Kindern von zentraler Bedeutung. Zudem durchziehen geschlechtsbezogene Themen und Muster auch den Kita-Alltag.

Prof. Tim Rohrmann

Neben der Raum- und Angebotsgestaltung und der Bedeutung des Geschlechts der pädagogischen Fachkräfte, geraten die Fragen und Interessen der Jungen und Mädchen zunehmend in den Blick.

Geschlechterunterschiede ­entdecken

Kinder bemerken von Anfang an Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Allen Bemühungen um Gleichberechtigung zum Trotz, ist unübersehbar, dass in unserer Gesellschaft oft zwischen „männlich“ und „weiblich“ unterschieden wird. Gerade in Kinderzimmereinrichtungen und Spielzeugwelten wird das besonders sichtbar.

In der ersten Lebenszeit ist dies für das Selbstbild von Jungen und Mädchen noch nicht von großer Bedeutung. Im Alter von zwei bis vier Jahren verstehen Kinder jedoch, dass sich ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit nicht mehr ändern lässt – dies wird mit dem Begriff „Geschlechtskonstanz“ bezeichnet –, sie lernen, was ihr Umfeld für „weiblich“ und für „männlich“ hält, und beginnen eine Geschlechtsidentität als Mädchen oder Junge zu entwickeln. Zunächst gehen Kinder mit geschlechtsstereotypen Zuordnungen dabei noch recht spielerisch um. Bei der Zuordnung der Geschlechter orientieren sie sich oft eher an Äußerlichkeiten als an den biologischen Geschlechtsmerkmalen.

Gegen Ende der Kindergartenzeit betonen viele Jungen und Mädchen Geschlechterunterschiede dann stark. Es ist ihnen wichtig, „richtige“ Jungen und „richtige“ Mädchen zu sein. Spiele, Spielzeug, Kleidung, Farben werden den Geschlechtern zugeordnet, und was nicht zum eigenen Geschlecht passt, wird rigide abgelehnt. Auf der anderen Seite gibt es auch Kinder, die sich anders darstellen: Mädchen, die rosa hassen und gerne Fußball spielen; Jungen, die Kleider mögen und im Rollenspiel immer die Mutter sein wollen. Beides kann eine normale Phase der Entwicklung auf dem Weg zur Sicherheit über das eigene Junge- oder Mädchensein sein, die nicht geradlinig verläuft, sondern oft überraschend widersprüchlich ist.

Spätestens gegen Ende des Kindergartenalters bevorzugen Kinder oft gleichgeschlechtliche Spielpartner. In Grundschule und Hort scheint es oft einen Graben zwischen Mädchen und Jungen zu geben, den nur wenige Kinder regelmäßig überschreiten. Zwar gibt es auch viele „Spiele an der Grenze“, zum Beispiel die beliebten Fangspiele, aber oft bleiben die Geschlechter unter sich. Insbesondere beste Freunde beziehungsweise Freundinnen sind meist gleichen Geschlechts. Dies führt dazu, dass sich Spielstile und Spielinteressen von Mädchen und Jungen zunehmend unterscheiden.

Die Frage, ob eher die Anlage oder eher die Umwelt für die Ausprägung geschlechtstypischer Verhaltensweisen verantwortlich ist, tritt angesichts eines gewandelten Verständnisses kindlicher Entwicklung heute in den Hintergrund. Stattdessen richtet sich der Blick auf die Eigenaktivität von Kindern: die Art und Weise, wie sie sich mit geschlechtsbezogenen Vorgaben und Gegebenheiten auseinandersetzen und wie sie selbst Geschlecht begreifen und darstellen. Mädchen und Jungen sind nicht nur unterschiedlich, sondern wollen sich oft auch voneinander unterscheiden. Andererseits ist inzwischen hinreichend belegt, dass die Umwelt – die Eltern, das Spielzeugangebot, die Medien und nicht zuletzt der Einfluss der Gleichaltrigen – Unterschiede zwischen den Geschlechtern oft verstärkt und es damit Jungen und Mädchen erschwert, gemeinsam zu spielen und auch eher geschlechtsuntypische Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln.

 

Geschlechterbewusste Pädagogik

Eine geschlechterbewusste Pädagogik begleitet Kinder in ihrer geschlechtsbezogenen Entwicklung. Sie nimmt die Suche von Jungen und Mädchen nach Orientierung ernst und unterstützt sie gleichzeitig darin, ihr Verhaltensrepertoire und ihr Miteinander unabhängig von stereotypen Zuordnungen zu erweitern. Eine Berücksichtigung solcher Aspekte im Rahmen des Bildungsauftrages von Kitas ist zumindest in einigen Bildungsplänen der Bundesländer inzwischen festgeschrieben. Zwar wird dies oft wenig konkretisiert, sodass es der Praxis überlassen bleibt, die allgemeinen Formulierungen umzusetzen. Inzwischen liegen jedoch Erfahrungen aus Modellprojekten und Praxiskonzepten vor, die Anregungen für eine konkrete Umsetzung geschlechterbewusster Pädagogik geben.

 

Dabei muss zunächst ein Missverständnis ausgeräumt werden: Ziel ist nicht, unterschiedliche pädagogische Ansätze für Mädchen und Jungen zu entwickeln oder die Geschlechter bereits im Kindergarten zu trennen.

Als Experiment ist das zuweilen durchaus sinnvoll – als pädagogisches Programm würde es jedoch genau die Stereotype erzeugen, denen eine geschlechterbewusste Pädagogik entgegenwirken will. Genauso wenig wird ein Auftrag zu einer isolierten Mädchen- beziehungsweise Jungenförderung erteilt, die als Zusatzaufgabe zum sowieso schon umfangreichen Bildungsauftrag von Kitas erledigt werden soll. Vielmehr geht es darum, einen neuen Blick auf den pädagogischen Alltag, auf das Bildungs- und Beziehungsangebot zu werfen sowie besser zu verstehen, wie und warum Kinder selbst Geschlecht „inszenieren“. Der „Blick durch die Genderbrille“, wie wir es in einem Pilotprojekt genannt haben, eröffnet neue Perspektiven. Er kann Selbstverständlichkeiten in Frage stellen, zum Beispiel in der bisherigen Raum- und Angebotsgestaltung oder beim Umgang mit „auffälligem“ Verhalten. Auf der Grundlage genauer Beobachtung und Reflexion kann es dann sinnvoll sein, pädagogische Angebote aus Geschlechterperspektive zu entwickeln und darüber hinaus Einrichtungskonzepte und Trägerstrukturen zu reflektieren und zu verändern. Damit wird geschlechterbewusste Pädagogik ein Schlüssel für Bildungsprozesse – sowohl der Kinder als auch der Fachkräfte.

Welche Rolle spielt das Geschlecht der pädagogischen Fachkräfte?

Seit einigen Jahren wird die Bedeutung von Männern für die Bildung und Entwicklung von Kindern in Kitas intensiv diskutiert. Die Zahl männlicher Fachkräfte nimmt kontinuierlich zu, auch wenn ihr prozentualer Anteil immer noch unter fünf Prozent liegt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Europäische Sozialfonds haben mit Millionenbeträgen Modellprogramme unterstützt, mit denen mehr Männer für das Arbeitsfeld gewonnen werden sollen.

Aber warum brauchen Mädchen und Jungen überhaupt männliche Bezugspersonen in Kitas? Zu dieser Frage gibt es viele Meinungen, aber bislang nur wenige fundierte Forschungsergebnisse. Obwohl es breite Zustimmung zu „Mehr Männern in Kitas“ bei Eltern, Kolleginnen und in der Fachöffentlichkeit gibt, ist erst in den letzten Jahren untersucht worden, ob männliche Erzieher überhaupt anders mit Kindern umgehen als ihre weiblichen Kolleginnen. Die Ergebnisse dieser Studien sind aufschlussreich. So fand die Dresdner „Tandem-Studie“ heraus, dass sich erfahrene männliche und weibliche Fachkräfte in Bezug auf die pädagogische Qualität ihrer Arbeit mit Kindern kaum unterscheiden. Männer sind nicht bessere, aber auch nicht schlechtere Pädagogen als Frauen. Wenn allerdings das Geschlecht der Kinder mit berücksichtigt wird, werden geschlechtstypische Muster in Interessen und Neigungen sichtbar – am deutlichsten, wenn Männer mit Jungen beziehungsweise Frauen mit Mädchen interagieren. Eine aktuelle Studie an der Universität Innsbruck fand insbesondere Belege für einen „Mann-Jungen-Effekt“, der wesentlich von den Jungen ausgeht, wogegen Mädchen etwas weniger auf das Geschlecht der Fachkräfte reagierten.

Aus den Ergebnissen lässt sich schlussfolgern, „dass Mädchen wie Jungen davon profitieren, wenn (auch) Männer als Interaktionspartner zur Verfügung stehen, die ihnen ermöglichen, ‚Unterschiede‘ zu erfahren und an ihnen lernen zu können“, wie es das Team der Tandem-Studie formuliert. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass Mann-Sein allein ein „Qualifikationsmerkmal“ ist. Vielmehr birgt die Zusammenarbeit von Frauen und Männern in Kitas auch die Gefahr, in geschlechtstypische Muster zu geraten. Die Entwicklung geschlechterbewusster Perspektiven und eines Dialogs der Geschlechter stellt für Kitas daher zugleich eine Chance und eine Herausforderung dar.

Zum Weiterlesen

  • Tim Rohrmann, Christa Wanzeck-­Sielert: Jungen und Mädchen in der Kita. Körper, Gender, Sexualität. ­Kohlhammer, 2014
     
  • Josef Christian Aigner, Johannes Huber, Bernd Traxl, Laura Burkhardt: Geschlecht als Einflussgröße professio­neller Interaktionen in der Frühpäda­gogik – Zur Bedeutung von männlichen Fachkräften in Kitas. Erziehung und Unterricht, Heft 5 – 6 / 14
     
  • Holger Brandes, Markus Andrä, ­Wenke Röseler, Petra Schneider-Andrich: Männer in Kitas – Was machen sie anders und wie profitieren die Kinder von ihnen? Frühe Kindheit, Heft 05/13

Professor Tim Rohrmann

Tim Rohrmann ist Professor für Bildung und Entwicklung in der Kindheit an der Evangelischen Hochschule Dresden. Er ist international in Forschung und Aus- und Weiterbildung zu Genderthemen in der Elementarpädagogik tätig.

Von Prof. Tim Rohrmann • 18.03.2019

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