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Leseförderung

Leseförderung bei Kindern

Ein Fünftel der Viertklässler können nicht richtig lesen. Das ist das Ergebnis der aktuellen IGLU-Studie. Der Verband Mentor – Die Leselernhelfer unterstützt Kinder und Lehrkräfte mit individueller Leseförderung.

Im Winter verfallen die Pflanzen in eine Starre“, liest die neunjährige Lina mit fester Stimme vor. „Und was machen die Pflanzen im Frühjahr?“, hakt Karen Gartner nach. Heute ist das Thema der Lesestunde Jahreszeiten. „Sie tauchen auf ... Äh? Moment!“. Lina fällt das richtige Wort nicht ein. Ruhig fängt Karen Gartner sie auf, spricht mit ihr über das Auftauen der Natur. Die beiden sitzen allein in einem hellen Klassenzimmer. Sie lachen, reden und lesen gemeinsam. Die 53-jährige Bänkerin Gartner besucht jeden Donnerstag Lina an ihrer Grundschule in Mainz, um mit ihr das Lesen zu üben: „Es ist so schön zu sehen, wie die Kinder sich auf die Stunden freuen. Selbst die Mitschüler rufen schon im Flur: ‚Lina, deine Lesementorin ist da!‘“.

Gartner ist eine von 11 000 Mentoren beim Verband „MENTOR – Die Leselernhelfer“. Die Initiative vermittelt Ehrenamtliche an Schulen, um die Lese- und Sprachkompetenz von Kindern zu fördern. 2003 gründete der ehemalige Buchhändler Otto Stender den Verein in Hannover. Es war seine Antwort auf die Ergebnisse der ersten PISA-Studie – mit einem gesellschaftlichen Appell: „Wir müssen uns alle engagieren und nicht die Verantwortung auf die Schulen und Lehrer schieben“

Die Mentoren lesen nicht nur gemeinsam mit den Kindern, sondern sprechen mit ihnen über die Texte, damit sie deren Bedeutung erfassen. Denn nur wer Texte wirklich versteht, kann Sprach- und Lesekompetenz aufbauen. Voraussetzung dafür ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder ohne Druck und mit Spaß lesen, lernen und spielen können. So sieht es auch Linas Klassenlehrerin Ines Dufleaux. „Wirklich gut ist, dass die Kinder das Lesen mit einer positiven Erfahrung verbinden und dadurch auch alleine zum Buch greifen. Lesen ist eine Schlüsselkompetenz. Weil manche Kinder zu Hause keine Bücher haben oder die Eltern mehr am Handy sind, wird diese nicht mehr so gefördert.“ Schüler individuell zu fördern, das sei in Grundschulklassen mit 20 bis 30 Schülern oft nicht möglich.

Lehrer wählen Schüler mit Lesebedarf aus

Die Zusammenarbeit zwischen Mentor und Schule wird durch die zuständigen regionalen MentorGruppen organisiert. Rund 80 gibt es in ganz Deutschland. Bevor die ehrenamtlichen Mentoren ihre Lesekinder kennenlernen, werden sie vom Verein in ihre Tätigkeit eingeführt und müssen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Die Lehrkräfte wählen die Schüler aus, bei denen sie individuellen Förderbedarf sehen. Sind auch das Kind und seine Eltern mit der Leseförderung einverstanden, gibt es ein erstes Treffen. Verstehen sich Mentor und Kind, treffen sie sich für mindestens ein Jahr einmal pro Woche für eine Stunde in der Schule.

Die Schulen sind über die Unterstützung dankbar. Barbara Sengelhoff, ehemalige Schulleiterin verschiedener Kölner Grundschulen, hat schon oft mit Mentoren zusammengearbeitet. Sie ist selbst in der Leseförderung tätig, als Schulentwicklungsbegleiterin sowie als Referentin für Unterrichtsentwicklung, Lehrbeauftragte und Autorin. „Ich kenne kein Kind, bei dem wir es nicht geschafft haben, den Spaß am Lesen zu wecken. Wir bekommen die Kinder über kleine Schrittchen zum Lesen, ohne Bewertung. Es ist egal, was sie lesen. Hauptsache, es interessiert sie.“ Durch die Mentoren werde das literarische Lesen gefördert und sie ist überzeugt, dass in der Schule dieses oft zu kurz kommt. „In Lehrbüchern geht es ja meist um didaktische Übungen, Fragen zum Text. Die sind wichtig. Aber die Kinder können nicht mehr eintauchen in ein selbstvergessenes Lesen.“

„Freundschaftliche Verabredung zum Lesen“ Ausgangspunkt des Lese- und Sprachtrainings sind immer die Interessen und Fähigkeiten des Kindes. Mentor stellt den Leselernhelfern für ihre Arbeit Materialien und Anleitungen für die Lesestunden zur Verfügung. „Wir sorgen dafür, dass unsere Lesementoren gut vorbereitet in ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einsteigen und über unsere Weiterbildungsangebote Wertschätzung erfahren, damit die Lesestunden für beide Seiten ein Erfolg werden und ein hohes Niveau haben“, erläutert Margret Schaaf, erste Vorsitzende des Bundesverbandes. Jede regionale Gruppe qualifiziert und begleitet die Mentoren in obligatorischen Einführungsseminaren und vertiefenden Angeboten. So fühlte sich auch Karen Gartner von Mentor Mainz bei ihrem Einstieg gut betreut. Sie möchte ein weiteres Kind unterstützen, wenn Lina auf die weiterführende Schule wechselt. Denn die Lesestunden bereichern auch ihr Leben.

„Es ist eine freundschaftliche Verabredung zum Lesen“, fasst Gartner zusammen. Lina sagt: „Ich möchte mich gerne bis zum Ende der Grundschule mit ihr treffen. Danach gehe ich auf das Gymnasium.“ Glücklich sieht Karen Gartner Fortschritte: „Beim Nacherzählen und beim Beantworten meiner anschließenden Fragen wird Lina immer sicherer. Sie erfasst die Texte jetzt deutlich besser.“ Und nun weiß sie, wie es heißt, wenn im Frühling die Pflanzen aus dem Boden hervorkommen. Sie sprießen.

Lesementoren für Ihre Schule

Weitere Informationen zum Bundesverband und zu den regionalen Mentor-Vereinen, mit denen Schulen kooperieren können, auf:

Schritt-für-Schritt-Infos, wie die Zusammenarbeit zwischen einer Schule und einer regionalen Mentor-Initiative zu Stande kommt, bietet die Website von Mentor Neuss.

Erstveröffentlichung: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2018,
S. 80-82,  www.didacta-magazin.de

 

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Autorin Silvia Schumacher

studierte Sprach- und Erziehungswissenschaft an der Universität Augsburg. Heute ist sie Redaktionsleiterin von didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen und Teil des Redaktionsteams von Frühe Bildung Online. Zuvor unterrichtete sie mehrere Jahre an einer privaten Bildungseinrichtung und weiß daher, wie der Alltag von Pädagogen aussieht.

Von Frühe Bildung Online • 19.09.2018

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