Der Blick in den Spiegel

Haltung bewahren und Grenzen setzen

Florian Esser lädt uns zu einem Blick in den Spiegel ein: Was vermitteln wir den uns anvertrauten Kindern? Wie bewerten und urteilen wir selbst? Fragend setzt er sich mit der Beziehungsgestaltung von Fachkräften in Kindertageseinrichtungen, zu den ihn anvertrauten Kindern auseinander.

Florian Esser

Wie kann ich einem Kind Grenzen setzen, ohne seine Grenzen zu überschreiten?
Wie baue ich eine Beziehung zu einem Kind auf und wie mache ich ihm deutlich, dass ich an seiner Entwicklung interessiert bin, ohne dass ich dabei Gefahr laufe, zu dessen Kumpel zu avancieren, der für das eigene Vergnügen rekrutiert wird, dem jedoch beim Befolgen von Regeln keinerlei Achtung entgegengebracht wird. Welche Haltung und Einstellung dem Kind gegenüber ist also angemessen?

Legen wir einmal die Frage nach der Berufsmotivation zu Grunde: Erfüllen wir als pädagogische Fachkräfte mit der Erziehung und Begleitung von Kindern eine lästige Pflicht, die Mittel zum Zweck ist, damit wir am Ende des Monats unsere Mieten zahlen können? Oder trägt sie zwar zu unserem Lebensunterhalt bei, wird aber vielmehr als Aufgabe oder gar Berufung empfunden und mit großem Engagement ausgestaltet? Bleibt die Frage: "Wie kann ich durch meine Persönlichkeit dazu beitragen, dass Kinder ein positives Selbstbild entwickeln und wissen, dass sie angenommen und geschätzt werden?"  In jeder Interaktion mit dem Kind muss ich es spüren lassen, dass sein Verhalten - ungeachtet welcher Konnotation - nicht der Grund meiner Aufmerksamkeit für ihn ist. Dem Kind darf nicht suggeriert werden „Nur wenn du dich so benimmst, wie ich das möchte, bin ich nett zu dir“. Sondern das Kind darf die Erfahrung konstanter und aufrichtiger Annahme machen, die angelehnt ist an einen Bildungsauftrag und nicht an subjektive Parameter. Die richtige Botschaft lautet: „Du liegst mir am Herzen weit über deine positiven wie negativen Verhaltensweisen hinaus. Weil du mir wichtig bist und ich dich zutiefst ernst nehme, dulde ich aus Liebe zu dir kein Verhalten, mit dem du dich  oder andere gefährdest!“ Denn egal ob positives oder negatives Verhalten, die Motivation bleibt die gleiche: Der Drang nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. „Kinder wollen überprüfen, wie weit sie gehen können bzw. dürfen, ob sie dann noch angenommen sind und Verständnis finden werden, wenn sie störend-auffällig Grenzen überschreiten (Rogge 1996).“ Dabei bleibe ich immer in der Gegenwart und stelle keine gesteigerten Erwartungen an das Kind, mit der Entschuldigung, dass sein heutiges Verhalten – vorausschauend - zukünftigen Ansprüchen nicht genügen wird. Ich stelle nicht zukünftiges Scheitern in Aussicht, um eine gegenwärtige Verhaltensveränderung zu erzwingen, die auf diesem Wege ohnehin nur scheitern kann. Wie verschaffe ich mir allerdings Gehör und baue eine Beziehung zu den Kindern auf? Sind es nicht vielmehr die Kinder, die eine Beziehung zu uns aufbauen möchten, die auf uns zukommen und uns frei von Vorurteilen an ihrem Leben teilhaben lassen. Diese unvoreingenommene Grundeinstellung neuen Menschen und Situationen gegenüber, so scheint mir, geht uns auf dem Weg zum Erwachsensein immer mehr verloren. Als „Erwachsener“ versuchen wir uns den Kindern anzunehmen, ihnen Normen und Werte zu vermitteln; wir bestehen darauf, dass Kinder ehrlich sind, einander vergeben und jeden Menschen frei von Vorurteilen annehmen, ganz gleich ob sie derselben Ansicht sind. Dabei sind wir es doch, die ständig Unterschiede machen und andere benachteiligen, weil uns ihre Nase nicht passt. Sind wir es nicht, die Kinder in unauffällig, still, störend, nervig, süß, anstrengend, schlau, hyperaktiv usw. kategorisieren? Das grenzt an zynischen Selbstbetrug, wenn wir ständig Anforderungen an die Kinder stellen, denen wir selber täglich nicht gerecht werden. Bei allem geschäftigen Treiben und dem rasanten Wandel unserer Gesellschaft sind wir gut beraten, unsere Einstellung zu den Dingen "dann und wann" auf den Prüfstand zu stellen. Da, wo wir den Kindern authentisch und kongruent gegenübertreten, unseren Werten treu bleiben und eine demokratische Grundhaltung vertreten, die eine Andersartigkeit miteinschließt - anstatt sie auszugrenzen – nur da können wir den Kindern ein haltgebendes Geländer in eine polymorphe Gesellschaft sein.

Sind wir es nicht, die Kinder in unauffällig, still, störend, nervig, süß, anstrengend, schlau, hyperaktiv usw. kategorisieren?

Florian Esser
Von Florian Esser • 18.12.2018

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