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Private Träger der Kitalandschaft konstituieren sich

"Verkrustete Verhältnisse zum Tanzen bringen"

Ende September gründeten achtzehn private Träger den Deutschen Kitaverband. Waltraud Weegmann, Geschäftsführerin der Konzept-e für Kindertagesstätten gGmbH in Stuttgart, wurde von den Mitgliedern zur Vorsitzenden gewählt. Tim Arndt-Sinner, Geschäftsführer der Kinderfreunde Wedemark gGmbH, ist der stell-vertretende Geschäftsführer. Im folgenden Interview erläutern Waltraud Weegmann und Romano Sposito, Büro-leiter des Verbands, die Hintergründe und Ziele des Deutschen Kitaverbandes.

Kathrin Hohmann

Kathrin Hohmann: Michael Schmidt-Salomon sagte in dem Auftaktvortrag am 26.09.2018 zur Gründungsveranstaltung des Deutschen Kitaverbandes „(...) es fehlt ein Akteur, der die notwendigen Reformen einfordert und die verkrusteten Verhältnisse zum Tanzen bringt. Daher begrüßt er die Gründung des Deutschen Kitaverbandes sehr.“  Können Sie in Kürze zusammenfassen, was er damit meint?

 

 

Waltraud Weegmann: Was er meint ist: Die deutsche Kita-Landschaft krankt daran, dass es sich um ein angebotsorientiertes System handelt – nicht um ein nachfrageorientiertes System. Hätten die Eltern als zentrale Nachfrager einen größeren Einfluss auf das Angebot, wäre die Dominanz konfessioneller Kitas – bei rückläufiger Konfessionszugehörigkeit der Bevölkerung – längst gebrochen dann hätten privat-gewerbliche, bzw. gemeinnützige Träger einen sehr viel höheren Marktanteil, was den Wettbewerb beflügeln, Innovationen forcieren und die Qualität der Arbeit verbessern würde.

Die Monopolkommission der Bundesregierung hat bereits vor 20 Jahren und noch einmal vor 4 Jahren dargelegt, welche Reformen dringend erforderlich wären, nämlich die Auflösung des bilateralen Kartells des Staates und der Wohlfahrtsverbände in all seinen Erscheinungsformen; die Orientierung an den Bedürfnissen der Leistungsempfänger; und die Abschaffung der rechtlichen und finanziellen Privilegien gemeinnütziger Träger zulasten privat-gewerblicher Betreiber.

Die zentrale Forderung an die deutsche Politik ist also klar. Sie lautet: Gleicher Marktzugang und gleiche Förderung für gleiche Leistung.

Die Forderungen der Monopolkommission wurden in den letzten 20 Jahren nicht umgesetzt, weil bislang ein Akteur fehlte, der die notwendigen Reformen einfordert. Das wollen wir mit dem Deutschen Kitaverband ändern.

Das Problem ist historisch entstanden: Wenn man sich die Geschichte der Kitas ansieht, dann ist sie aus einem eher ehrenamtlichen Engagement der „Fräuleins“ entstanden. Es schlossen sich dann die LIGA-Verbände zusammen: Rotes Kreuz, Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt usw. Diese haben nach dem Krieg die klassischen Kindergärten bedient. Damals gab es Öffnungszeiten vor allem am Vormittag und nur vereinzelt am Nachmittag.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich viel geändert. Wir sehen heute nach wie vor eine steigende Zahl von Ganztagseinrichtungen, die auch Kinder unter drei Jahren betreuen. Beim U3-Ausbau waren verstärkt sonstige freie Träger vertreten, nicht die klassischen LIGA-Träger. Während sich die Kirchen am Anfang häufig aus ideologischen Gründen gegen den Ausbau sträubten, besetzten die privaten Träger dieses Feld. Das hat sich nun geändert – auch die Kirchen bieten zunehmend Ganztagesplätze auch für Kinder unter drei Jahren an.

Ferner hatten die bisherigen Träger Strukturen, die lange gewachsen waren: z.B. die Öffnungszeiten der klassischen Kitas, die es  den Fachkräften  ermöglicht nicht am Nachmittag oder Abend arbeiten zu müssen. Für die neuen Träger dagegen sind zusätzliche Angebote, wie beispielweise längere Öffnungszeiten, selbstverständlich. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  bedeutet das: Öffnungszeiten beispielsweise bis 18 Uhr und in Schichten zu arbeiten. Zudem werden Fachkräfte benötigt, die auch mit ganz kleinen Kindern arbeiten. Und es macht einen Unterschied, ob ich Kindergartenkinder oder Krippenkinder betreue.

Durch die veränderten Öffnungszeiten haben sich Strukturen in der Kita verändert: Es werden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen benötigt, die flexibler sind. Diese Herausforderungen lassen sich in neuen Kitas leichter umsetzen.

Drittens ist noch wesentlich, dass Erzieherinnen traditionell nur „zuverdient“ haben, oder ehrenamtliche Mitglieder in Kirchen, AWO & Co. waren.  Daher kam es nicht von ungefähr, dass Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen bisher relativ wenig verdient haben. Das alles hat sich nun aber verändert. Der Bereich ist professionalisiert worden. Der TVÖD hat in den letzten Jahren starke Lohnanstiege verzeichnet.

Kathrin Hohmann: Ist dies in größeren Trägern leichter umsetzbar, als in den kleinen freieren Trägern, die schwerer bei Gehaltsanpassungen mitgehen können?

Waltraud Weegmann: Das ist abhängig von der Bezuschussung und die muss für alle Träger entsprechend angepasst werden. Interessant ist, dass Nordrhein-Westfalen beispielsweise nur gemeinnützige Träger zulässt und von einem Eigenanteil des Trägers von 9 Prozent ausgeht. Im Deutschen Kitaverband gibt es gemeinnützige Träger, aber auch Träger, die nicht gemeinnützig sind. Was natürlich nicht bedeutet, dass die einen gut und die anderen schlecht sind. Die Träger sind einfach anders organisiert.

Das heißt: es gab auch für die Kommunen und die Länder eine neue Situation, sie mussten sich überlegen, wie sie mit den neuen Sozialunternehmen umgehen. Welche Rahmenbedingungen sie für diese schaffen und wie die Gleichbehandlung gestaltet werden kann.


Die Landschaft der Kindertagesstätten hat sich in den letzten Jahren stark verändert und wird dies auch weiterhin tun. Dabei ist es aus Sicht der freien unabhängigen Träger von Kindertagesstätten wichtig, einen Rahmen zu schaffen, der eine Chancengleichheit bietet – in Bezug auf die Marktbeteiligung, aber auch finanziell. Damit eine gute, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung angeboten werden kann.

Kathrin Hohmann: Wie viele Träger sind nun aktuell eingetreten? Achtzehn waren es zur Gründung und ich könnte mir vorstellen, es sind noch weitere hinzugekommen.

Romano Sposito: Es sind noch einmal zwei dazugekommen, also zwanzig. Am 15. November haben wir das nächste Verbandstreffen und wir sind zuversichtlich bis dahin weitere Mitglieder zu gewinnen. Sicher wird der Verband in den nächsten ein, zwei Jahren stark wachsen. Das lässt sich an den Interessensbekundungen herausfühlen.

Kathrin Hohmann: Ist nun ein Träger unentschlossen und überlegt, trete ich ein, trete ich nicht ein. Was würden Sie ihm raten bzw. welche Vorteile ergeben sich für den Träger?

Waltraud Weegmann/Roman Sposito: Das einfachste wäre, dass Interessenten mit uns Kontakt aufnehmen und ins Gespräch kommen. Im Moment konstituieren sich ganz viele Themen auch für uns neu. Wir arbeiten gemeinsam an der Zielsetzung und planen Aktivitäten. Dies ist für jemanden, der beim Start schon mit dabei ist, immer ein großer Vorteil.

Zudem werden die von uns geplanten Beratungs-Hotlines gerade auch für kleinere Träger interessant sein. Wir planen eine Hotline zum Thema Sozialrecht bei Fragen bezüglich der Betriebserlaubnis oder zur Finanzierung. Zudem zu den Themen Finanzen, Steuern, Gemeinnützigkeit sowie zum Thema Arbeitsrecht und TVÖD.

Romano Sposito: Die Vorteile, wenn man dem Verband beitritt, liegen auf der Hand. Man konnte an den zwei Gründungstagen spüren, dass diese Vernetzung untereinander einfach unglaublich wichtig ist. Viele, selbst aus dem gleichen Bundesland, kannten sich überhaupt nicht. Sie hatten noch nie die Möglichkeit, sich miteinander auszutauschen, obwohl die Themen für alle fast gleich sind. Es ergibt sich ein gemeinsamer Spirit und es trägt zur Harmonie in der Branche bei, wie wir in Stuttgart gemerkt haben, wo es schon einen lokalen Verband, den VFUKS, gibt.

Außerdem möchten wir ein professionelles Lobbying in Richtung Bundespolitik aufbauen. Wir haben vor, eine Geschäftsstelle in Berlin zu schaffen, die die Interessensvertretung aufbaut. Sicher werden wir mit Veranstaltung arbeiten und die Mitglieder am Programm und Inhalten beteiligen.

Kathrin Hohmann: Wie sieht der Deutsche Kitaverband das „Gute-Kita-Gesetz“?

Roman Sposito: Wir haben darüber schon bei der Gründungsveranstaltung mit den familienpolitischen Sprechern der Bundestagsfraktionen diskutiert und werden dazu ein Positionspapier verabschieden. Wichtig wäre, dass der Bund sich nicht nur für vier Jahre, sondern langfristig bei der Finanzierung der Kita-Qualität und beim Kita-Ausbau engagiert. Das Hauptaugenmerk sollte dabei nicht auf der Gebührenfreiheit liegen. Der Bund sollte die Mittel z.B. für die Verlängerung der Öffnungszeiten und für die Verbesserung der Kita-Qualität einsetzen. 

Kathrin Hohmann: Sie sagen auch, der Verband verfolgt große wichtige Ziele, wie beispielsweise die Vereinheitlichung der bundesweiten Rahmenbedingungen für die Träger. Wie sehen sie die Abschaffung der Kitagebühren in den Bundesländern. Bisher wird es in den einzelnen Bundesländern nicht einheitlich geregelt.

Roman Sposito: Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich denke aber, es ist derzeit nicht das drängendste Problem im Kitabereich. In Deutschland gibt ein Doppelverdiener-Haushalt mit zwei Kindern gerade einmal 5 Prozent seines Haushaltseinkommens für Kinderbetreuung aus. In einem rasant wachsenden System auf diese Einnahmequelle zu verzichten, wäre unratsam.

Investitionen in Qualität und mehr Personal sollten gegenüber Gebührenfreiheit priorisiert werden, da Gebühren schon heute sozial ausreichend differenziert werden. Häufig sind die Gebühren an den Verdienst der Eltern gekoppelt. Wer wenig verdient, zahlt weniger. Wer viel verdient, zahlt mehr – und spart mehr, wenn die Gebühren einfach entfallen.

Kathrin Hohmann: Wer als Träger in den Deutschen Kitaverband eintreten möchte, muss gemäß der Beitragsordnung einen bestimmen Betrag bezahlen. Wie sind diese geregelt?

Romano Sposito: Der Mitgliedsbeitrag für Träger bis 100 angebotene Kitaplätze beträgt 500 € (Grundbetrag). Ab dem 101. Kitaplatz wird zusätzlich zum Grundbetrag ein Beitrag von 4 € pro weiterem Platz fällig. Bei 2.500 Plätzen wird gedeckelt.

Kathrin Hohmann: Für was werden diese Beiträge eingesetzt?

Roman Sposito/Waltraud Weegmann: Vor allem für die zu schaffende, kleine Geschäftsstelle, inklusive Personal und Miete. Ein weiterer großer Posten sind Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit.

Waltraud Weegmann: Und die Einrichtung der Hotlines.

Kathrin Hohmann: Abschließend: Wenn Sie sich etwas für die nächsten zwei Jahre wünschen könnten, was wäre das?

Waltraud Weegmann: Wir wünschen uns natürlich, dass wir stark wachsen, dass wir unser Netzwerk weiter knüpfen können, um zu einem Sprachrohr zu werden, das sich für die Interessen der freien unabhängigen Träger einsetzt – egal ob groß oder klein.

Kathrin Hohmann: Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg auf diesem Weg!

Von Kathrin Hohmann • 27.10.2018

„(...) es fehlt ein Akteur, der die notwendigen Reformen einfordert und die verkrusteten Verhältnisse zum Tanzen bringt. Daher begrüßt er die Gründung des Deutschen Kitaverbandes sehr.“

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