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Perspektiven

"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar"

Seit der Veröffentlichung im Jahr 1943 begeistert das Märchen des kleinen Prinzen Erwachsene und Kinder. Im April jährt sich die Veröffentlichung der Novelle zum 75. Mal. Aber was macht den Reiz der Geschichte aus?

Ulrike Fink und Kerstin Pack

Der kleine Prinz ist eine Gestalt, die man unvermittelt ins Herz schließt.  Er ist unschuldig und rein. Sein zu Hause, einen Planet,  verlässt er aus enttäuschter Liebe zu einer Blume und trifft dabei auf einen Piloten. In seiner Verbundenheit mit seiner Heimat hat der kleine Prinz immer die Rückkehr zu seiner Rose im Blick. Doch er wünscht sich einen Freund, der ihn auf seiner Rückreise begleitet. Aus diesem Grund bittet er den Piloten, ihm ein Schaf zu zeichnen,  welches durch seine Phantasie lebendig wird.

Im Laufe der Geschichte lernen wir die zahlreichen charakterlichen Facetten des kleinen Prinzen kennen. Mal ist er ernst, mal vergnügt er sich über alle Maße. Er erlebt Kränkung, Wut, Enttäuschung ebenso wie Freude und Heiterkeit. Klug, wissbegierig und verantwortungsbewusst entdeckt er die Welt. Dabei kann er ebenso umsichtig und einsichtig wie ängstlich und berechnend handeln (www.derkleineprinz-online.de).

Wahrscheinlich ist genau diese Vielfalt und Bandbreite der Grund für die Popularität des kleinen Prinzen. Jeder einzelne  Leser oder Zuhörer kann einen Teil seiner eigenen Fragen, Gefühle und Charaktereigenschaften erkennen. Die Möglichkeit zur Identifikation mit einer Figur, deren Statur zart und zerbrechlich ist, wirkt wie eine Erlaubnis auch mal schwach sein zu dürfen.
Wie ein roter Faden durchzieht das Staunen des kleinen Prinzen über die Welt das Werk und regt zum Nachdenken an. Es erlaubt dem erwachsenen Leser einen Zugang zur kindlichen Welt, die längst hinter ihm liegt. Durch seine Rückbesinnung wird er aber auch mit Fragen zur Wahrnehmung und Abbildbarkeit unserer Welt konfrontiert. Wie bedeutend diese Besonderheit des Werks für den Leser ist, wird nicht zuletzt auch an der Popularität des bekanntesten Zitats deutlich: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Trotz großer Beliebtheit wurde das Werk vielfach kritisiert. Das Märchen sei „zu kindlich für Erwachsene und zu erwachsen für Kinder“ (www.spiegel.de). Dennoch gehört es heute zu den meistverkauften Büchern überhaupt. Den Erwachsenen lädt der kleine Prinz zur Selbstreflektion ein,  eine Fähigkeit,  des Menschen, die sich im Bezug auf die oben genannten Dimensionen im Laufe seines Lebens  erst entwickeln muss. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Kritik, bzw. der Verweis darauf verstehen, dass dies kein Kinderbuch sei. Ein Buch für Erwachsene, so die Meinung der mancher Kritiker, ist es jedoch auch nicht, da es zu kindlich geschrieben ist.  So kann es auch als amüsant-erhellendes Kinderbuch gelesen werden, in dem ein Kind die Erwachsenenwelt kritisch beäugt und dabei lernt, sich darin zu orientieren. Nun, der kleine Prinz würde jetzt wahrscheinlich sagen: „Die großen Leute sind wirklich sehr sonderbar.“
 

Von Ulrike Fink und Kerstin Pack • 12.07.2018

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