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Rezension

"Resonanzpädagogik zieht Kreise - Schulentwicklung als runde Sache"

Schulentwicklungsprozesse können nur dann erfolgreich verlaufen, wenn sie auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung und einer Beziehung auf Augenhöhe iniitiert und umgesetzt werden. Die Autoren Hartmut Rosa und Claus G. Buhren, Wolfgang Endres beschreiben dies als Resonanzpädagogik. Eine Rezension von Renate Mann des im Beltz Verlag 2018 erschienen Buches mit dem Titel "Resonanzpädagogik und Schulleitung. Neue Impulse für die Schulentwicklung".

Renate Mann

Mit diesen Worten beendet Wolfgang Endres seinen Prolog, ehe er als Moderator seine beiden Gesprächspartner Hartmut Rosa und Claus G. Buhren vorstellt.

Aus unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungsräumen, ist es beiden ein Anliegen, Schulentwicklung und Resonanzpädagogik als Chance zu begreifen, um Impulse für eine gelungene Beziehung zum Wohle von Schüler*innen und Lehrer*innen voranzubringen, und damit Schule zu einem Ort des Dialogs und gegenseitigen Respektierens zu machen.

Ungewöhnlich ist nicht nur die grafische Gestaltung des 128 Seiten umfassenden Buches, in dem optisch mit konzentrischen Kreisen Thesen aufgegriffen oder Inhalte zusammengefasst werden, sondern auch die literarische Form: In einem freundschaftlichen Dialog, in Gestalt eines Streitgesprächs, begegnen sich zwei engagierte und erfahrene Wissenschaftler. Sie kennen die Aufgabe von Schule und die damit verbundenen Fragestellungen und Herausforderungen genau, analysieren sie, plädieren für Schule als ein "Attraktionsort" und zeigen anhand von Beispielen Lösungsansätze, ohne die eigene Position restlos aufzugeben. Das ermöglicht dem/der Leser*in, in den Disput einzusteigen und sich eine eigene Meinung zu bilden.Schlagwortartige Headlines stimmen auf das jeweilige Kapitel ein.

Kompetenz und Resonanz sind nicht untereinander austauschbar

Schulleitungen werden Tag täglich mit komplexen Sachverhalten konfrontiert. Es geht nicht nur um die von außen herangetragenen Verpflichtungen, auch um Kulturkompetenzen, sondern ebenso um Beziehungsebenen, die Führungsqualitäten verlangen. So scheint es, dass erst Kompetenz Resonanz ermöglicht. Kompetenz ist etwas, über das verfügt werden kann, Resonanz ist nie einseitig, basiert auf Zuhören und Hören und Resonanzprozesse sind nicht vorhersehbar. Konkret heißt dies, dass da wo Schulleitungen und Kollegien bereit sind, sich von einer Sache berühren lassen, in gegenseitiger Wertschätzung zu einer Beziehung auf Augenhöhe fähig sind, wird sich das schulische Klima verändern. Dies wird sich z.B. in einem geringen Krankenstand, abrufbaren Leistungen bei Schüler*innen, sowie der Bereitschaft der Lehrer*innen, an einer Qualitätsentwicklung mitzuarbeiten, zeigen und sich letztlich in einer positiven Außenwirkung niederschlagen

Hartmut Rosa untersucht gelingende, wechselseitige (Bildungs-)Prozesse zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und Dingen. Er entdeckte, dass es dabei um mehr als soziale Anerkennung geht. Diese Prozesse beschreibt er als "Resonanzbeziehungen".

Claus Buhren, in der ganzen Welt in Sachen Schulentwicklung unterwegs, erlebte in den deutschen Lehrplänen ein Umdenken von der Lernzielorientierung zur Kompetenzorientierung. Er beschreibt den Kompetenzbegriff anhand eines Beispiels aus dem Sport (Fußballspiel) und dem Fach Englisch: "Das heißt, ich unterscheide zwischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, betrachte sie aber nicht isoliert voneinander." (S.11)

Rosa definiert den seiner Meinung nach entscheidenden Unterschied zwischen  Kompetenz und Resonanz so:

"Kompetenz bedeutet das sichere Beherrschen einer Technik, das jederzeit Verfügen-Können über etwas, das ich mir als Besitz angeeignet habe. Resonanz dagegen meint das prozesshafte In-Beziehung-Treten mit einer Sache." ( S.16)

 

Heterogenität als Vielfalt wahrnehmen

Die viel diskutierte Heterogenität in der Gesellschaft und die damit verbundenen Veränderungen sind auch im Mikrokosmos Schule, im Klassenzimmer und im Kollegium, spürbar. Widerstände wird es immer geben, und es gelingt nicht immer, diese aufzulösen. Die Herausforderung wird sein, Leitung so zu gestalten, dass Schule als Resonanzraum wahrgenommen wird. Das beinhaltet Offenheit für Differenzen und zugewandte Ansprechbarkeit bei Problemen. Es gibt die Agilen und Engagierten, die Stillen und die Indifferenten. Jeder reagiert auf anstehende Veränderungen unterschiedlich. "Ein Kollegium sollte sich klar machen, dass es diese Unterschiede einfach gibt." (S.63) Eine Schulleitung sollte sich als Impulsgeber verstehen und gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern ein für die eigene Schule passendes Konzept entwickeln. Es geht darum, Veränderungen zu erkennen, bestenfalls im Vorfeld zu erspüren und darauf adäquat zu reagieren. Bildungs- und Interaktionsprozesse laufen selten gradlinig ab, das schließt Fehlentscheidungen und vielleicht sogar ein Scheitern mit ein.

Der pädagogische Wunsch nach Inklusion ist ebenfalls der Vielfalt geschuldet. Diese Herausforderung kann nur gelingen, wenn ein tragfähiger Konsens zwischen Kollegium und Elterngremien gefunden wird. Veränderungen brauchen Zeit und machen per se zunächst einmal Angst. Daher sollten sie behutsam angegangen werden.

 

Feedback braucht eine Kultur des Vertrauens

Evaluation  als eine Form von Feedback kann ein bewährtes Instrument sein, um mit schulischen Prozessen umzugehen. Dabei werden messbare Kriterien abgearbeitet, die jedoch nur begrenzt Qualität von Schule messen können. Auch die Feedback-Kultur betreffend setzt Rosa entschieden auf Resonanzräume, in denen gehört, zugehört und wertschätzend ernsthaft geantwortet wird. Ein Feedback wird erst dann Veränderungen bewirken, wenn es nicht die Person diskreditiert, sondern auf der Sachebene bleibt und Einsichten erzeugt, also auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das "Zutrauen". Wenn Schulleitungen ihren Kollegien, Lehrer*innen ihren Schüler*innen eine Art Vertrauensvorschuss geben, dann werden Anforderungen auch nicht als Zumutung wahrgenommen. Strikte, intransparente Regeln und Kontrolle wirken dann eher kontraproduktiv. Es geht um die "Anverwandlung" des Sinns einer Regel. Das meint, sich Inhalte nicht einfach nur "einverleiben" bzw. zu befolgen, sondern sich "so anzueignen, dass man sich selbst dabei verwandelt." (s. Glossar, S. 125)

 

Das digitale Zeitalter verändert Schule

Kinder und Jugendliche gehen mit Smartphone und Tablet so selbstverständlich um, dass sich das System Schule zeitnah damit befassen muss. Das bedeutet, dass medienpädagogische Konzepte entwickelt werden müssen, die einen sinnvollen Umgang mit eben diesen digitalen Medien vermitteln. Ein Verbot geht an der globalen Entwicklung und der Affinität der Nutzer in der Bildungseinrichtung Schule vorbei. Niemand weiß, wie diese sich als rasant präsentierende Entwicklung realistisch eingeschätzt werden kann. Sicher ist nur, dass bis jetzt gespeicherte Spuren als gegeben hin- und nur als eine abstrakten "Bedrohung" wahrgenommen werden.

Buhren resümiert: "Aber am Anfang steht überhaupt einmal das Ausprobieren. Und dann würde ich gerne mit Schulen Kontakt aufnehmen, die schon besondere Konzepte für den Umgang mit digitalen Medien erprobt haben." (S.121)

 

Fazit

Gelingt es Schulleitungen, so das Resümee der Autoren, das komplexe System Schule, trotz hoher formaler und fachlicher Anforderungen, als einen Resonanzraum mit Resonanzachsen, also als eine Möglichkeit für pädagogische Visionen und gelingende Beziehungen, zu vermitteln, eröffnen sich andere, neue Perspektiven für Ziel führende, die gesellschaftlichen Prozesse einbeziehende Schulentwicklung.

Das Buch gibt Impulse und macht Mut, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben und auf Thesen einzulassen, die mit Beispielen aus der Praxis zum Verständnis beitragen. Der zum Teil kontrovers geführte, von Wolfgang Endres moderierte Dialog ermöglicht eine eigene, individuelle Auseinandersetzung mit Resonanzpädagogik und Schulentwicklung-

Vieles erscheint zunächst nicht auf die eigene Schule zu passen, scheint eine Idealvorstellung, aus der Theorie geboren, zu sein, die kaum im wirklichen Schulleben zu realisieren ist. Liest man aufmerksam, erläutern viele Beispiele aus der Praxis Möglichkeiten, Resonanzräume für ein wie auch immer geartetes Kollegium zu schaffen. Die Autoren versprechen nicht, dass es ohne kontinuierlichen persönlichen Einsatz geht und großer Kommunikationsbereitschaft zwischen Schulleitung und Kollegium, auch der Elternschaft, bedarf. Es gilt, Überzeugungsarbeit bei allen Beteiligten zu leisten und die Schülerschaft ebenfalls einzubeziehen. Dabei reicht der Wunsch nach Veränderung seitens der Schulleitung und Enthusiasmus Einzelner nicht aus. Hilfreich können Hospitationen an Schulen sein, die erfolgreich ein Konzept entwickelt und durchgeführt haben.

Anfänglich kleine Schritte, mittelfristig geplant und von einer Steuerungsgruppe vorgetragen, dabei immer die örtlichen Gegebenheiten im Blick, können jedoch die Atmosphäre einer Schule verändern. Eine Garantie für ein reibungsloses Miteinander wird es nicht geben. Aber eine, auch divergierend geführte Diskussion, wie Schule ein Ort  sein kann, wo Lernen lustvoll und effektiv stattfinden kann, ist immer ein Versuch wert.

 

Hartmut Rosa, Claus G. Buhren, Wolfgang Endres (2018): Resonanzpädagogik und Schulleitung. Neue Impulse für die Schulentwicklung, Beltz Verlag, Weinheim- Basel, 128 Seiten, 19,95 €, ISBN-13: 978-3407257888.

Autorin Renate Mann

Jahrgang 1948, Studium Grundschuldidaktik an der Johann-Wolfgang-Goethe- Universität Frankfurt und an der PH Heidelberg. In ihrem Unterricht macht sie schwerpunktmäßig Werkstatt- und Projekt-Arbeit und Literacy  (Freies Schreiben und Lesekompetenz).

Von Renate Mann • 04.09.2018

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